Schweizer Ex-Direktor Brisante Bekenntnisse eines Bank-Insiders

Held oder krimineller Verräter? Der Ex-Banker Rudolf Elmer hat Daten über Steuerhinterzieher in seinen Besitz gebracht und droht, sie weiterzugeben. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beschreibt er, wie reiche Kunden den Fiskus austricksen - und Banken und Behörden auf seinen Fall reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Herr Elmer, Sie sind tief gefallen. Vom Direktor der größten Schweizer Privatbank zum Nestbeschmutzer.

Elmer: Ich bin angeblich ein Verräter, damit muss ich leben. Ich sehe mich aber auch als Opfer und Whistleblower. Nachdem ich meine Briefe über Steuerumgehung auf den Cayman-Inseln im Internet veröffentlicht  habe, haben sich auch meine verbliebenen Kollegen aus der Bankenbranche von mir abgewandt. "Das geht zu weit", hieß es. In der Schweiz werde ich ausgegrenzt. Aber für mich war klar: Irgendwann im Leben muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht.

Ex-Banker Elmer (auf Mauritius): "In meiner Verzweiflung habe ich Drohbriefe vorbereitet. (...) Ich wäre bereit gewesen, alle abzuschicken und in der Not mit dem Teufel einen Pakt einzugehen"

Ex-Banker Elmer (auf Mauritius): "In meiner Verzweiflung habe ich Drohbriefe vorbereitet. (...) Ich wäre bereit gewesen, alle abzuschicken und in der Not mit dem Teufel einen Pakt einzugehen"

Foto: SF Schweizer Fernsehen / Rundschau

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, Sie wollten die Finanzwelt zu mehr Moral und Ethik zu zwingen. Warum haben Sie dann bis vor kurzem für ein Finanzinstitut auf Mauritius gearbeitet?

Elmer: Der Finanzplatz ist strenger reguliert als auf den Cayman-Inseln. Wenn jemand dort zur Bank kam, um eine Stiftung einzurichten und Steuern zu hinterziehen, mussten wir das melden.

SPIEGEL ONLINE: Bis 2002 waren Sie noch Vizechef der Bank Julius Bär & Trust auf den Cayman-Inseln. Bär wirft Ihnen vor, Daten entwendet zu haben, um die Bank und Ihre Kunden zu erpressen. Stimmt das?

Elmer: Nein. Ich habe keine Daten gestohlen und niemanden erpresst. Aber als stellvertretender Chef der Bank Bär auf den Cayman-Inseln war ich so genannter Hurrikan-Verantwortlicher. Zur Sicherheit vor Wirbelstürmen musste ich jeden Abend eine Sicherheitskopie mit nach Hause nehmen. Als ich entlassen wurde, hatte ich eben noch das Jaz-Drive zu Hause, also einen Wechseldatenträger.

SPIEGEL ONLINE: Was war auf diesem Datenträger?

Elmer: Das gesamte Backup der Bank. Alle Geschäftstätigkeiten wie Fonds, Geldflüsse, Kundendaten, alles.

SPIEGEL ONLINE: Von wie vielen Kunden reden wir?

Elmer: Von relativ wenigen, dafür umso größeren Kunden. Es gab einerseits externe Vermögensverwalter, die bei uns ihre Fonds verwalten ließen. Wir fungierten als Wertpapierdepot für etwa 50 Fonds mit einem durchschnittlichen Vermögen von 40 Millionen Dollar. Einige waren bis zu einer halben Milliarden Dollar wert. Jeder einzelne Fonds hatte wiederum 10 bis 100 Anteilseigner. Dazu kamen rund 300 Stiftungen natürlicher Personen. Allerdings werden die Kunden nicht beim vollen Namen genannt. Ein Laie kann wenig mit solchen Daten anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Steuerfahndung?

Elmer: Ohne Erklärungen von mir oder einem Angestellten der Julius Bär sind die Daten praktisch nutzlos.

SPIEGEL ONLINE: Wo befinden sich diese Daten heute?

Elmer: Bei der Zürcher Staatsanwaltschaft. Natürlich habe ich noch eine Kopie davon.

SPIEGEL ONLINE: Und die Zürcher Behörden sind offenbar nicht allzu motiviert, die Informationen auszuwerten?

Elmer: Die Schweizer Bundesbehörden aus Bern verlangten Einsicht. Doch Julius Bär hat dies verhindert und sich erfolgreich auf das Bankgeheimnis berufen. Das kommt den Zürcher Behörden sicherlich entgegen, denn Julius Bär ist ein guter Steuerzahler in Zürich. Da drückt man vielleicht auch mal ein Auge zu.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit Ihrer Kopie?

Elmer: Darauf kann ich nicht antworten. Aber um mich und meine Familie zu schützen, würde ich sie ausländischen Steuerbehörden anbieten.

SPIEGEL ONLINE: An welches Land denken Sie?

Elmer: Die USA. Wir könnten dort politisches Asyl beantragen. Auch Deutschland ist denkbar.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden Sie für die Daten verlangen?

Elmer: Ich werde die Informationen niemals für Geld verkaufen. Da würde ich meine Selbstachtung verlieren. Dann wäre ich ein wahrer Krimineller.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen Bär vor, Sie zu verfolgen - zugleich sagen Sie, Ihr früherer Arbeitgeber habe Ihnen eine halbe Million Franken Entschädigung angeboten. Warum haben Sie das nicht angenommen?

Elmer: Die Summe wäre in 60 Monatsraten ausgezahlt worden. Aus meiner Sicht handelte es sich um Schweigegeld. Zudem wäre damit der Verlust meines Arbeitsplatzes überhaupt nicht entschädigt.

SPIEGEL ONLINE: Laut Schweizer Fernsehen haben Sie nach Ihrer Kündigung mit sehr zweifelhaften Methoden gegen Julius Bär gekämpft.

Elmer: Die Bank, die Schweizer Gesetze und Justiz haben mir überhaupt keine Wahl gelassen! Ich war kurz davor, wahnsinnig zu werden. Die Bank spionierte mir und meiner Familie mit Privatdetektiven nach.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das alles stimmen sollte - warum haben Sie sich dann nicht an die Behörden gewandt?

Elmer: Ich habe Hilfe gesucht. Bei der Polizei, bei den Steuerbehörden, bei der Staatsanwaltschaft, bei der Presse, bei der Opferhilfe. Anstatt mich in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen, schützen die Behörden ironischerweise die Bank. Mein Verfahren wird schleppend abgewickelt, und bald laufen die Verjährungsfristen ab. Die Banken haben in der Schweiz offensichtlich mehr Rechte als der Normalbürger. Irgendwann einmal muss man sich bekennen, und deshalb bin ich ins Ausland gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollen überlegt haben, die Namen deutscher Kunden, darunter war auch mindestens ein Jude, an die rechtsextreme NPD zu verraten.

Elmer: Ich hatte nie Kontakt zur NPD. Ich distanziere mich schärfstens von ihr. Richtig ist, dass ich in meiner Verzweiflung Drohbriefe vorbereitet habe. Wenn das Stalking noch länger weitergegangen wäre, wäre ich bereit gewesen, alle Briefe abzuschicken und damit in der Not mit dem Teufel einen Pakt einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Wofür braucht eine Schweizer Bank wie Bär eigentlich einen Ableger auf den Cayman-Inseln?

Elmer: Weil dort die Gesetze wesentlich lockerer sind, Finanzmarktaufsicht und -regulierung sind auf ein Minimum beschränkt. Die Bankenaufsicht besuchte uns nur einmal in acht Jahren und schickte offensichtlich Anfänger.

SPIEGEL ONLINE: Was darf man dort machen, was in der Schweiz unzulässig ist?

Elmer: Sie können in Fonds investieren, die viel riskanter und damit potentiell profitträchtiger sind. In der Schweiz sind Anlegerprodukte viel stärker reguliert. Doch dank solcher Offshore-Finanzplätze umgehen die Banken elegant und legal die strikten Vorschriften.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Elmer: Jemand investierte eine halbe Million Franken. Leider wurde der Kunde nicht über die Risiken informiert, denn ein schlecht informierter Kunde ist der beste Kunde. Zu Beginn schnellte der Wert auf 22 Millionen Franken hinauf. Am Schluss verlor er alles. Die Risiken sind enorm. Solche Anlageobjekte sind aber für Banken interessant, denn die Gebühren sind hoch.

SPIEGEL ONLINE: Was kann zum Beispiel die deutsche Steuerfahndung gegen die Hinterziehung tun?

Elmer: Nicht viel. Und ohne Belege gibt es keine Beweise. Man muss schon sehr dumm sein, sich zum Beispiel die Korrespondenz mit einer Schweizer Bank nach Deutschland schicken zu lassen. Die Schweizer bieten ihren ausländischen Kunden ein sogenanntes Holdmail an. So werden die Bankunterlagen in Papierform bis zur Abholung zurückbehalten, damit die Steuerfahnder keinen Verdacht schöpfen. Für Steuerfahnder ist es fast unmöglich, den Kunden auf die Schliche zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Außer ein Insider klaut sensible Bankdaten und übergibt sie den Behörden. So wie Sie.

Elmer: Noch einmal: ich habe sie nicht gestohlen. Aber wie Sie richtig sagen: Das ist das wohl die einzige Möglichkeit, Steuerhinterzieher und -betrüger zu überführen.

Das Interview führte Michael Soukup