Schweizer Uhrenindustrie Kunden verschmähen teure Zeitmesser

Keine Lust auf Luxus: Die Liebhaber von Rolex und Co. halten in der Rezession ihr Geld zusammen. Die Exporte sind so heftig eingebrochen wie seit 20 Jahren nicht mehr - ein Debakel für die Volkswirtschaft der Alpenrepublik.


Hamburg - In der Krise sparen auch die Liebhaber teurer Uhren- und greifen stattdessen zu günstigen Zeitmessern. Dieser Trend trifft die Schweizer Hersteller von Luxusuhren hart: Im ersten Halbjahr verzeichnete die Schweizer Uhrenindustrie den stärksten Exporteinbruch seit rund 20 Jahren. Das Exportvolumen sank um mehr als ein Viertel auf 6,1 Milliarden Franken - umgerechnet rund vier Milliarden Euro. Das teilte der Branchenverband am Dienstag mit. Der Einbruch bei den Ausfuhren kommt allerdings nicht überraschend: Die Lage verschärfte sich von Monat zu Monat und hat im Juni mit minus 31,9 Prozent den tiefsten Stand seit zwei Jahrzehnten erreicht.

Luxusuhrenmarke Chopard: In der Krise verzichten Kunden auf teure Zeitmesser
AFP

Luxusuhrenmarke Chopard: In der Krise verzichten Kunden auf teure Zeitmesser

Besonders schlecht verkauften sich Uhren, die mehr als 500 Franken (330 Euro) kosten. Zulegen konnten dagegen Uhren im Segment von 200 bis 500 Franken. Viele Kunden haben Nobelmarken wie Rolex offensichtlich links liegen lassen und sich dafür mit günstigeren Marken wie Tissot begnügt. Dieser Trend hilft dem Tissot-Hersteller Swatch Group, der das ganze Preisspektrum abdeckt. Konkurrent Richemont dagegen konzentriert sich mit Marken wie IWC und Piaget auf die obere Preisklasse und dürfte entsprechend stärker unter der Krise leiden.

Die Krise hat Folgen für die Beschäftigten. Sie hat seit vergangenen Herbst bereits über 3000 Arbeitsplätze vernichtet, mittlerweile sind noch rund 50.000 Menschen in der Schweizer Uhrenindustrie beschäftigt. Ein Ende der Flaute ist nicht abzusehen - der Branchenverband jedenfalls will aufgrund der undurchsichtigen Lage auf den weltweiten Absatzmärkten keine Prognosen darüber abgeben, wie sich das Geschäft entwickeln wird. Zuversichtlicher ist Alessandro Migliorini, Finanzanalyst beim Broker Helvea: Er geht davon aus, dass sich die Situation bereits zum Jahresende leicht verbessern wird - irgendwann haben die Uhrenhändler ihre Lagerbestände abgebaut und bestellen bei den Schweizer Herstellern nach.

In welchen Absatzländern sich die Nachfrage zuerst erholen wird, ist unklar. Im ersten Halbjahr jedenfalls verzeichneten die wichtigsten Märkte allesamt massive Einbußen im Vorjahresvergleich. Die Exporte nach Hong Kong, mit einem Volumen von gut eine Milliarde Franken (660 Millionen Euro) der größte Absatzmarkt, schrumpften um 22 Prozent. Die Ausfuhren in die USA, dem zweitwichtigsten Markt, halbierten sich nahezu - die Krise an der Wall Street fordert seinen Tribut. Deutschland, die Nummer sechs unter den Absatzmärkten, nahm 13 Prozent weniger ab als in der Vorjahresperiode.

Den schockierenden Branchenzahlen zum Trotz: Nick Hayek, Chef des Weltmarktführers Swatch Group, bleibt optimistisch - zumindest für das nächste halbe Jahr. Das sagte Hayek vor wenigen Tagen im Interview mit der "NZZ am Sonntag". Swatch habe "Monat für Monat eine substantielle Verbesserung der Situation erlebt". Der Juni sei ein sehr guter Monat für den Swatch-Konzern gewesen. Besonders in China, Russland und Großbritannien habe sich das Unternehmen positiv entwickelt, hier sei der Konzern zweistellig gewachsen.

cha/Reuters/dpa



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