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TEXTILINDUSTRIE Schwer durchschaubar

Mißmanagement und Streit unter den Gesellschaftern trieben die Familienfirma Bleyle in den Vergleich. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Für sparsame, nicht mehr ganz junge Schwäbinnen ist die obere Königstraße in Stuttgart seit kurzem ein heißer Tip. Der dezente Wollfaltenrock oder ein damenhafter Strickblazer sind dort erstaunlich preiswert zu erwerben.

Der vorgezogene Winterschlußverkauf könnte sich schon bald als Räumungsaktion entpuppen. Weil die Hausbesitzerin um ihre Einnahmen bangt, erhält der Mieter des Ladengeschäfts Königstraße 68 in den nächsten Tagen die fristlose Kündigung - es ist der Strickwarenhersteller Bleyle.

Seit das fast 100 Jahre alte Familienunternehmen am Donnerstag vergangener Woche Vergleich anmelden mußte, ist der ohnehin ramponierte Ruf endgültig ruiniert. Millionenverluste, schrumpfende Umsätze, über 60 Millionen Mark Schulden bei nur etwa sieben Millionen Mark Eigenkapital und erbitterte Fehden unter den 22 Familiengesellschaftern hatten die Nerven der Geldgeber zuletzt derart strapaziert, daß sie dem Unternehmen die Kredite kündigten.

»Wir haben bei Bleyle am Schluß ohnehin das gesamte Unternehmerrisiko getragen«, sagt Dietrich Weller von der Dresdner Bank in Stuttgart, der die 13 Gläubigerbanken vertritt. Noch einmal zehn Millionen Mark für den Ausbau des Ludwigsburger Bleyle-Werkes wollten die Bankiers nicht bewilligen.

Noch in den beiden vergangenen Jahren waren zwei neue Geschäftsführer, Hans Dieter Steinke und Hans Börger, bei Bleyle eingezogen. Sie präsentierten voller Stolz ein Sanierungskonzept, das dem Traditionsunternehmen endlich wieder schwarze Zahlen bescheren sollte.

Allein im Inland mußten 400 Leute gehen, mehr als ein Viertel der Belegschaft. Ein Werk in Östringen bei Karlsruhe wurde geschlossen, eines in Irland an Hugo Boss verkauft. Auch das denkmalgeschützte Verwaltungsgebäude im Stuttgarter Westen ging an einen neuen Eigentümer.

Der Name Bleyle, der bei ganzen Generationen Kindheitserinnerungen an Matrosenanzüge und kratzige Wollhosen weckt, hatte längst seinen guten Klang eingebüßt. Die biederen Kleidungsstücke des schwäbischen Modemachersbrave Hemdblusenkleider im Gouvernantenstil oder kleingeblümte Bauernkirben zu extravaganten Preisen - waren schon lange nur noch schwer verkäuflich. Ein Ausflug in die Welt der schlamperten Neulässigen erwies sich schon bald als Flop, die modebewußten Youngster befürchteten offenbar, beim Klamottenkauf ihrer Großmutter oder Patentante zu begegnen.

Auch die Undurchschaubarkeit des Bleyle-Konzerns machte den Sanierern zu schaffen. So umfaßt die Holdinggesellschaft Bleyle KG, die jetzt Vergleich anmeldete, 17 Einzelgesellschaften. »Das ist«, urteilt Bleyle-Verwalter Volker Grub nach erster Durchsicht der Bücher, »ein einziger Dschungel.«

Ausschlaggebend für den Gang zum Konkursrichter war freilich eine andere Bleyle-Spezialität. Schon seit Jahren beharken sich die vier persönlich haftenden Gesellschafter und die 18 Kommanditisten, ähnlich wie der Dornier-Clan vor dem Verkauf seiner Firma an Daimler-Benz, wegen Erbschaftssachen oder Differenzen über die Geschäftspolitik.

So hatten sich zum Beispiel die vier persönlich haftenden Gesellschafter Anfang 1984 zunächst geeinigt, den noch aus dem Jahre 1948 stammenden Gesellschaftsvertrag zu ändern und auf Wunsch der Banken auch den Grundbesitz in die Firma einzubringen. Doch zwei Tage vor Inkrafttreten zog eine der Beteiligten plötzlich ihre Unterschrift zurück. Die Dame, vermutet ein Mitgesellschafter, wollte offenbar »den einen oder anderen Bonus für sich herausholen«.

Seither streiten die Bleyle-Gesellschafter, ob die damalige Unterschrift rechtsgültig ist. Demnächst muß sich sogar der Bundesgerichtshof mit dem Familienzwist befassen. Für das gebeutelte Unternehmen hat der juristische Hickhack fatale Folgen. Da das Verfahren noch schwebt, war Bleyle bislang nicht in der Lage, ernsthafte Verhandlungen über einen Verkauf des Unternehmens zu führen. Ein halbes Dutzend Interessenten winkten deshalb schon ab.

Die Banken möchten die Firma in einer Auffanggesellschaft weiterführen, um doch noch einen Käufer zu finden. Das könnte nun leichter glücken - jetzt bestimmt nicht mehr die Familie, sondern der Vergleichsverwalter, wo es langgeht.

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Walter Scheel, Willy Brandt

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