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INDUSTRIE Schwer verbaut

Die Firma Dornier will, gegen alle amtlichen Pläne, am Bodenseeufer expandieren. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Der Luft- und Raumfahrtkonzern Dornier im baden-württembergischen Immenstaad am Bodensee machte sich für den Erhalt der Natur stark. In einer »Systemanalyse zur Landesentwicklung« empfahl das Unternehmen, der geschützte Uferbereich müsse ausgedehnt,

jede neue Fabrik ins Hinterland verbannt werden.

Das war 1975. Jetzt, elf Jahre später, will die Firma selber das Seeufer betonieren.

Westlich von Friedrichshafen soll ein neuer, ausgedehnter Industriekomplex entstehen, in der Region die größte Expansion eines Unternehmens nach dem Krieg. Nur 60 Meter vom Gestade entfernt, nahe Bootshafen, Segel- und Windsurfing-Schule, möchte die Dornier GmbH ihre Fläche um mehr als das Doppelte vergrößern.

Das jetzige 17 Hektar große Gelände der Firma, an der sich vor neun Monaten die Daimler-Benz AG mit 66 Prozent beteiligt hat, ist mit Produktions- und Verwaltungsgebäuden sowie Parkplätzen bebaut. Dazukommen sollen 26 Hektar mit Häusern, einem Parkhaus und großen Auto-Abstellflächen.

Ausdehnen möchte sich das Unternehmen, weil das Management auf eine Beteiligung am amerikanischen Weltraumrüstungs-Programm »Strategic Defense Initiative« (SDI) setzt. Wo derzeit 4000 Mitarbeiter Lenkraketen, Flugzeuge und neue Waffensysteme entwickeln, sollen bis Anfang der neunziger Jahre 8000 Menschen Beschäftigung finden.

In aller Stille haben Dornier-Beauftragte Wiesen, Wald und Felder für die Erweiterung zusammengekauft. Ende des Monats soll das zuständige Regierungspräsidium Tübingen über die Baupläne entscheiden. Die Gemeinde Immenstaad will die Genehmigung, zeigt ein interner Aktenvermerk, »so rasch wie möglich« erteilen.

Gegen das Projekt, von dem die Öffentlichkeit bisher nicht viel erfahren hat, wird es diese Woche erste Proteste geben: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Regionalverband Bodensee-Oberschwaben, will gegen die weitere Verschandelung des Ufers vorgehen. Das Bauvorhaben verstoße, so der BUND, »gegen alle Erlasse, Verordnungen, Schutzzusagen, struktur- und raumplanerischen Aussagen für den Bodensee«.

Eigentlich müßte der BUND starke Bundesgenossen haben: die Länder Baden-Württemberg und Bayern, die Schweiz und Österreich. Sie alle versuchen seit Jahren, Bauverbote am Bodenseeufer durchzusetzen.

So hatte die Stuttgarter Regierung bereits 1971 einen »Bodensee-Erlaß« in Kraft gesetzt. Der sollte die Neuansiedlung von Gewerbegebieten und die Ausweitung von Baugrundstücken im Uferbereich stoppen. Vier Jahre später proklamierte das Land ein »Gesamtkonzept Bodenseeraum": Einer »Überlastung des Uferbereichs« sollte dadurch begegnet werden, »daß die Siedlungsentwicklung sich nicht weiter parallel zum Seeufer vollzieht«.

In einem »Regionalplan Bodensee-Oberschwaben« verfügte das Stuttgarter Innenministerium 1981 zudem, Gewerbe- und Industriebetriebe sollten »aus der Uferzone in das Umland« verlegt werden. Auch eine »Raumordnungskommission«, in der 1983 alle Bodensee-Anrainer vertreten waren, warnte: Wirtschaftliche Expansion in der Region sei »mit Gewässerschutz und Landschaftserhaltung nicht vereinbar«.

Die Konzepte jedoch wurden durchlöchert: Bereits 67 Kilometer des schwäbischen Bodenseeufers, so geht aus den »Umweltqualitätsberichten Baden-Württemberg« des zuständigen Ministeriums hervor, sind »schwer verbaut«. Schlimm sieht vor allem das Ufer am Obersee bei Friedrichshafen aus.

Wenn dort jetzt auch noch Dornier gegen alle Einwände expandieren dürfte, kritisiert Jürgen Resch vom BUND, werde »einer der wertvollsten Naturräume im Bodenseekreis« zerstört, die Schäden seien »nicht auszugleichen«. Der BUND: »Eine ökologische Katastrophe.«

Im dem Gebiet, so ein Gutachten des Friedrichshafener Naturschützers Andreas Megerle, gedeihen noch 21 Pflanzen- und Tierarten, die auf der internationalen »Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Tiere« stehen, vom Eisvogel bis zum Schwalbenschwanz.

Komme es zur Planierung durch Dornier, so das Megerle-Gutachten, dann würden Waldrand und Feldholz-Biotope vernichtet. Die Beton-Versiegelung großer Flächen ließe zudem viele Öko-Kreisläufe in Ufernähe zusammenbrechen.

Die Naturschützer haben deshalb noch Ende Januar, als letzte Gegenoffensive, ihrerseits beim Regierungspräsidium Tübingen einen Antrag eingereicht. Der BUND fordert, im Uferbereich mit sofortiger

»Einstweiliger Sicherstellung« ein kombiniertes Natur- und Landschaftsschutzgebiet auszuweisen - das Dornier-Planrevier würde dazugehören.

Dafür mobilisiert der Verband jetzt Bürger, Kommunalverwaltungen und Fremdenverkehrsämter. Resch: »Die Erweiterung leitet ein gefährliches Kapitel am deutschen Bodenseeufer ein. Wir befürchten ein »Silicon Valley« in einer weitgehend ländlichen Region, ein Ballungsgebiet, in dem für Landwirtschaft, Tourismus und Natur immer weniger Platz bleiben wird.«

Doch die amtlichen Bodenseeschützer halten sich zurück; der baden-württembergische Innenminister Dietmar Schlee. Oberinstanz der Genehmigungsbehörden, ignoriert die Verordnungen seines eigenen Hauses. Immerhin räumt er ein, der »Bebauungsdruck« auf das noch freie Bodenseeufer werde anhalten »und zu Konflikten mit den ökologischen und limnologischen Erfordernissen dieser empfindlichen Landschaft führen«.

Der Konflikt ist schon da und für die Stuttgarter Regierung besonders prekär: Das Land Baden-Württemberg ist mit vier Prozent an Dornier beteiligt.

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Dornier-Werk Geplante Erweiterungsflächen der Firma Dornier in der Gemarkung Immenstaad am Bodensee

[GrafiktextEnde]

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