Zur Ausgabe
Artikel 29 / 94

SCHIFFAHRT Schweres Wetter

Der renommierte norddeutsche Schiffahrts- und Transport-Konzern Hapag-Lloyd ist sanierungsbedürftig. Er soll gestutzt werden.
aus DER SPIEGEL 45/1982

Am 25. November, zwischen Totensonntag und erstem Advent, will der Aufsichtsrat des Transport-Konzerns Hapag-Lloyd AG zu einer Wiederbelebungs-Seance zusammentreten.

Aufsichtsratsvorsitzender Andreas Kleffel, pensionierter Vorstand des Hapag-Lloyd-Großaktionärs Deutsche Bank, will seinen Ratsmitgliedern die Erhöhung des Kapitals der Firma um 60 auf 240 Millionen Mark durch Ausgabe neuer Aktien vorschlagen. Andernfalls, wissen Aufsichtsrat und Vorstand der Gesellschaft, könne es peinlich werden.

Nach einer Reihe von schlechten Jahren, in denen Betriebsverluste von mindestens 100 Millionen Mark aufgehäuft worden sind, muß der Küsten-Konzern für 1982 ein neues Defizit von 100 Millionen Mark fürchten - mehr als die Hälfte des gegenwärtigen Grundkapitals von 180 Millionen. Würde der Aufsichstrat S.74 nicht eilig die Kapitalerhöhung beschließen, drohte dem Unternehmen eine formale Verlustanzeige nach ¿ 92 Absatz 1 des Aktiengesetzes.

( »Ergibt sich bei Aufstellung der ) ( Jahresbilanz oder einer Zwischenbilanz ) ( oder ist bei pflichtmäßigem Ermessen ) ( anzunehmen, daß ein Verlust in Höhe der ) ( Hälfte des Grundkapitals besteht, so ) ( hat der Vorstand unverzüglich die ) ( Hauptversammlung einzuberufen und ihr ) ( dies anzuzeigen.« )

Eine außerordentliche Hauptversammlung wäre fällig, und der Firmenruf wäre dahin.

Angeknackst ist er ohnehin. Längst nicht mehr gilt der 1970 aus der Hamburger Hapag und dem Norddeutschen Lloyd, Bremen, fusionierte Konzern als erste Adresse. Unauffällig operierende Reedereien, wie etwa die Oetker-Firma Hamburg-Süd, stehen inzwischen höher im Kurs, weil sie sich Verlustabschlüsse nicht geleistet haben und bei ihrem Stammgeschäft, der Linienfrachtfahrt, geblieben sind.

»Zwischen Tragik und Ungeschicklichkeit«, so ein intimer Kenner des Küstengeschäfts, habe sich der größte deutsche Transportkonzern an den Rand des Abgrunds manövriert. Hapag-Lloyd-Chef Hans Jacob Kruse, 53, der nach Mitarbeiter-Meinung zwar auf Partys gute Repräsentationsfigur mache, bei schwerem Wetter im Konzern aber seekrank in der Koje liege, wird von den Großaktionären der Firma nicht mehr einheitlich beurteilt.

Kruse, seit 1973 im Amt, wird von den Großaktionären Deutsche Bank, Dresdner Bank und Veritas (Allianz, Münchner Rückversicherung) Führungsschwäche, Konzeptionslosigkeit und mangelnde Dynamik vorgeworfen.

Dabei hatte sich damals, als der nun vorzeitig Verschlissene sein Amt antrat, alles gut angelassen. Nach der Fusion 1970 war Hapag-Lloyd zur bedeutendsten Container-Reederei der Welt und zu einem wohlgepolsterten Linienfracht-Unternehmen geworden, dessen Finanzkraft nach neuen Ufern strebte. Hapag-Lloyd, beschlossen der Aufsichtsrat und der damals vorwiegend von Vierzigern besetzte Vorstand, sollte ein universaler Transport-Konzern zu Wasser, zu Lande und in der Luft werden.

Der junge Vorstand, voller Chancen, aber erwischte beim Vollzug dieser Vorhaben oft den falschen Zeitpunkt:

* 1974, kurz nach der ersten Ölkrise mit der vorhersehbaren Folge minderen Mineralölverbrauchs, beschloß der Kruse-Vorstand, mit fast 400 Millionen Mark ins Großtanker-Geschäft einzusteigen: Zwei 386 000-Tonner wurden rasch gekauft.

* 1977 forcierte Hapag-Lloyd den Aufbau seiner 1973 gegründeten Passagier-Luftflotte, die schließlich 22 Jets besaß.

* 1980, als das Unternehmen Schwierigkeiten im angestammten Frachtgeschäft spürte, erweiterte es seine Flotte durch Übernahme von Schiffen und Fahrtgebieten der pleite gegangenen Bremer Reederei DDG Hansa.

* Ebenfalls 1980, als wegen der erweiterten Stückgutflotte die Abhängigkeit von eingespielten Speditionsunternehmen wuchs, verärgerte Hapag-Lloyd die Spediteursbranche durch Übernahme der 125 Jahre alten Speditionsfirma Pracht.

Sämtliche neuen Geschäftszweige erwiesen sich bald als Verlustbringer, teils allerdings wegen der Tyrannei der Umstände, teils aber auch wegen Unvermögens im Management.

Die Umstände brachten das Fluggeschäft nach unten. Seit der zweiten, überraschenden Ölpreisexplosion 1980 belasteten Treibstoffkosten die Jet-Flotten der Welt derart, daß kaum eine noch mit Erfolg operieren konnte. Ähnlich der Lufthansa-Tochter Condor machte Hapag-Lloyd-Flug Betriebsverluste - 1979 und 1980 etwa 60 Millionen Mark. Teils schon vorher geplante Flugzeugverkäufe glichen die Verluste leidlich aus.

Managementfehler brachten die übrigen, weit höheren Defizite. Die zur Unzeit angeschaffte Tankerflotte fuhr mit rund 200 Millionen Mark im Minus, und die Tankschiffe selbst sind am Markt nichts mehr wert. Wertlos ist auch die Speditionsfirma Pracht des Neckermann-Schwiegersohns Hans Pracht. Mit ihr verlor Hapag-Lloyd inzwischen weitere 70 Millionen Mark.

Die von der DDG Hansa übernommenen Frachtschiffe und Frachtrouten brachten die bis dahin gesunde Linienfahrt der Firma ins Minus. Die sonst profitable Hapag-Lloyd-Werft in Bremerhaven setzte zu, als Umbau- und Reparaturaufträge wegen des schlechten Geschäfts in der Weltschiffahrt ausblieben. Gewinne brachten das Reisebürogeschäft, die Musikdampfer und die zum Konzern zählende Hamburger Hafenschiffahrtsfirma Lütgens Reimers.

Allerdings trifft den Hapag-Lloyd-Vorstand nicht jede Schuld am Verfall der Firma. Er hat mitunter nur vollzogen, was die Großaktionäre wollten. So S.76 ist er von der Deutschen Bank und der Münchner Rück gedrängt worden, Schiffe der pleite gegangenen Hansa-Linie zu übernehmen: Beide Aktionäre waren auch dort engagiert; die Deutsche Bank wollte vor allem ihr Kreditrisiko entschärfen. Die Übernahme der Firma Pracht geschah aus ähnlichen Gründen.

Kruse und besonders sein Finanzchef Hans-Jürgen Stöcker hätten dem nicht zustimmen müssen, hätten sie denn ein besseres Konzept gehabt. Der von Kleffel geleitete Aufsichtsrat, der zwar hochkarätig besetzt ist, hätte es auch nicht tun dürfen, doch kaum einer der Räte versteht etwas von der Branche:

( Im Hapag-Lloyd-Aufsichtsrat sitzen ) ( neben Kleffel noch der von AEG- und ) ( Polenkreditsorgen gebeutelte Hans ) ( Friderichs (Dresdner Bank), Wolfgang ) ( Schieren (Allianz), Rudolf von ) ( Bennigsen-Foerder (Veba), Herbert ) ( Grünewald (Bayer), Friedrich Wilhelm ) ( Christians (Deutsche Bank), Peter von ) ( Siemens (Siemens), Horst Jannott ) ( (Münchner Rück). )

Hapag-Lloyd-Aufsichtsrat zu sein galt dem Prestige, nicht der ernsthaften Problembewältigung.

Überdies beging der Aufsichtsratsvorsitzende psychologische Fehler. Ein Gutachten des Beratungsinstituts McKinsey, dessen Ergebnis eher auf die Führungsschwäche an der Spitze abstellte, nahm Kleffel zum Anlaß, den Platz Bremen auszudünnen.

Den aus Protest dagegen aus dem Ausichtsrat ausgeschiedenen Bremer Kaffee-Kaufmann Walther Jacobs wollte er durch den Getreidekaufmann und einstigen höheren SS-Führer Kurt A. Becher ("Reichsführers gehorsamster Becher") ersetzen. Beides entfachte in Bremen einen politischen Skandal. Bremens Hapag-Lloyd-Vorstand, Luftflotten-Initiator Horst Willner, für Reisebüro, Kreuzschiffahrt und Werft zuständig, emigrierte auf den Posten des Bremer Handelskammer-Präses.

Bei Chef Kruse trat Resignation ein, Kruse-Stellvertreter Karl-Heinz Sager, ein international geachteter Frachtexperte, floh in übergroße Außenaktivität. Als Controller im Vorstand wurde dem Hapag-Lloyd-Management von Kleffel zudem der einstige Kühne & Nagel-Geschäftsführer Bernd Wrede, 39, serviert. Die seit Jahren schwelenden Differenzen im Vorstand wuchsen. Talente aus anderen Führungsebenen, wie etwa der Werftchef Klaus Ahlers, verließen die Firma.

Nun will Hapag-Lloyd-Dienstherr Kleffel die Firma durch harte Schnitte zurechtstutzen. Die maladen Anschaffungen des vergangenen Jahrzehnts, die Tanker, ein Teil der ehemaligen Hansa-Schiffe, mindestens ein Teil der Flugzeuge und die Speditionsfirma Pracht, sollen weg. Und auch Vorstandschef Hans Jacob Kruse, nun Kleffels Sündenbock, ist wohl am Ende seiner Pracht.

Headhunter jedenfalls suchen längst nach einem geeigneten Nachfolger. Und wenn sie keinen finden, steht da immer noch Kleffels Aufpasser Wrede vor der Tür zum Zimmer des Chefs.

S.74"Ergibt sich bei Aufstellung der Jahresbilanz oder einerZwischenbilanz oder ist bei pflichtmäßigem Ermessen anzunehmen, daßein Verlust in Höhe der Hälfte des Grundkapitals besteht, so hat derVorstand unverzüglich die Hauptversammlung einzuberufen und ihr diesanzuzeigen."*S.76Im Hapag-Lloyd-Aufsichtsrat sitzen neben Kleffel noch der von AEG-und Polenkreditsorgen gebeutelte Hans Friderichs (Dresdner Bank),Wolfgang Schieren (Allianz), Rudolf von Bennigsen-Foerder (Veba),Herbert Grünewald (Bayer), Friedrich Wilhelm Christians (DeutscheBank), Peter von Siemens (Siemens), Horst Jannott (Münchner Rück).*

Zur Ausgabe
Artikel 29 / 94
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.