Sega-Chef im Interview "Wir wollen ganz dicht ran an Electronic Arts"

Was macht eigentlich… Sega? Nach dem Flop der Konsole Dreamcast wurde es still um den japanischen Konzern. Inzwischen versucht er ein Comeback als Videospiel-Publisher. Hajime Satomi, 64, Firmenchef und Milliardär, sprach mit SPIEGEL ONLINE über seine Expansionspläne - und eigene Spielerfahrungen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Satomi, anders als Konkurrenten wie Ubisoft, Activision und vor allem Electronic Arts Chart zeigenhatte Sega in den vergangenen Jahren fast keine Top-Ten-Hits mehr in den Videospiel-Charts. Man kann den Eindruck bekommen, die besten Zeiten Ihrer Marke seien vorbei.

Unternehmer Satomi: "Der Umsatz, den wir mit Handyspielen machen, wird den von Konsolenspielen irgendwann übertreffen, ganz zwangsläufig"

Unternehmer Satomi: "Der Umsatz, den wir mit Handyspielen machen, wird den von Konsolenspielen irgendwann übertreffen, ganz zwangsläufig"

Satomi: Sie kommen noch. Wir wollen als Spieleverleger 2010 auf dem Weltmarkt die Nummer drei sein. Wenn es ganz schlecht läuft, wären wir auch mit Rang fünf zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Nur - wie soll das gehen?

Satomi: Wir sind ja heute schon wieder die Nummer acht weltweit. Unsere Konkurrenten auf Platz drei, vier oder fünf liegen gar nicht so weit auseinander. Wir können das schaffen. Übermächtig stark ist nur Electronic Arts (EA). Lassen Sie es mich so sagen: Wir wollen langfristig so dicht an EA heran, dass wir deren Rücken direkt vor uns sehen können.

SPIEGEL ONLINE: Nur mit ständig neuen Auflagen Ihres Spieleklassikers "Sonic The Hedgehog" wird das kaum klappen.

Satomi: Wir versuchen es auf einem zweifachen Weg: Einerseits stecken wir viel Energie in die Entwicklung neuer, eigener Spielemarken und nehmen wegen der Ausgaben auch geringe Profitmargen in Kauf. Andererseits haben wir gezielt Entwicklungsfirmen übernommen. Erst im April haben wir Studios wie Sports Interactive und Secret Level gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Und weil das eigene Wachstum nicht schnell genug geht, setzen Sie weiter auf solche kostspieligen Übernahmen?

Satomi: Wir kaufen nicht einfach drauflos, um unsere Zahlen zu steigern - die beiden Seiten müssen zueinander passen und glücklich miteinander werden. So wie bei Creative Assembly aus England, die wir im Frühjahr 2005 übernommen haben. Wir beobachten die Märkte ständig nach solchen Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Sie riskieren auch, größere Summen zu bezahlen, obwohl Sega lange Jahre immer nur Verluste gemacht hat?

Satomi: Bevor wir Sega 2004 mit dem Spielautomatenhersteller Sammy fusionierten, hatte das Unternehmen eine äußerst schwierige Zeit. Im Geschäftsjahr bis März 2006 hat es endlich wieder schwarze Zahlen geschrieben. Und dank Sammy haben wir einen starken Cashflow, der auch Sega zu Gute kommt. Abhängig von der Größe unseres Ziels könnten wir einen niedrigen oder auch einen zweistelligen Milliarden-Yen-Betrag für eine Übernahme zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Sega war mit Titeln wie "Sonic" und "Virtua Tennis" immer so etwas wie ein Disney der Videospielwelt. Jetzt bieten Sie auch Brutaleres wie "Yakuza" oder den Egoshooter "Condemned: Criminal Origins" an. Gefährden Sie damit nicht Ihr Familienimage?

Satomi: Bisher hatten wir in der Tat vor allem Kinder als Kunden. Wir wollen aber zusätzliche Gruppen bedienen. Nur so werden wir es schaffen, mit Videospiel-Software in Amerika und Europa stark zu wachsen und den Umsatz bis 2010 dramatisch zu steigern. Wir glauben, dass die Kunden unsere verschiedenen Produktlinien gut auseinanderhalten können.

SPIEGEL ONLINE: Sega ist bisher auf Konsolen- und PC-Spiele konzentriert, fürs Mobiltelefon gibt es nur wenige Titel - wie, natürlich, eine Variante von "Sonic The Hedgehog". Wird und kann das so bleiben?

Satomi: Der Umsatz, den wir mit Handyspielen machen, wird den von Konsolenspielen irgendwann übertreffen, ganz zwangsläufig. Das kann in fünf Jahren soweit sein, vielleicht erst in zehn. In den Industriestaaten, in Europa, in den USA und Japan, wird sich der Markt für Konsolenspiele viel langsamer entwickeln als früher. Das ist eine Veränderung, die wir regelmäßig diskutieren. Das heißt aber nicht, dass die Entwicklung für Konsolen und PCs unwichtig wird - wir sehen großes Potenzial etwa in Russland, Indien oder China.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn gerade ein Handy in Ihrer Anzugtasche, Herr Satomi?

Satomi: Natürlich (zieht ein weißes Sony Ericsson-Klapphandy aus der Tasche). Das ist aber nur geliehen, mein japanisches Gerät funktioniert hier in Deutschland ja nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und haben Sie schon mal ausprobiert, Spiele auf diesem oder einem anderen Mobiltelefon zu spielen?

Satomi: Nur ein paar Mal. Ich fahre kaum Bahn und lieber mit dem Auto - wann soll ich da spielen? Ich spiele insgesamt nicht mehr so leidenschaftlich wie früher, als ich noch jünger war.

SPIEGEL ONLINE: Der Chef von Sega spielt nicht gerne?

Satomi: Natürlich habe ich alle wichtigen Konsolen zu Hause. Aber ich spiele kaum noch, um zu genießen. Die Spiele werden ja immer schwieriger! Ich bekomme die Spiele von Berufs wegen präsentiert, wenn wir oder unsere Konkurrenten wichtige Titel auf den Markt bringen.

SPIEGEL ONLINE: Bis 2001 hat Sega eigene Konsolen hergestellt - nun liefern Sie Software für Microsoft, Nintendo und Sony. Belastet es Ihr Unternehmen, dass sich die Auslieferung der Playstation 3 in Europa um mehrere Monate verzögert?

Satomi: Das wird negative Auswirkungen auf unseren Umsatz in Europa haben. Wir müssen kräftig Gas geben, um die negativen Effekte so gering wie möglich zu halten.

Das Interview führte Matthias Streitz



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