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ÖSTERREICH Sehnsucht nach PS

Mit derben Steuererhöhungen will Österreich die Auto-Importe bremsen. Ergebnis: ein Pkw-Boom ohnegleichen.
aus DER SPIEGEL 48/1977

Österreichs Finanzminister Hannes Androsch, flotter Fahrer eines Dienst-Mercedes 350 Achtzylinder, will seinen Landsleuten das Autofahren verleiden. Eine Luxussteuer von 30 Prozent auf die Kaufsumme (bisher 18 Prozent) und schlechtere Abschreibungsmöglichkeiten für Firmen-Autos sollen nach dem Willen des Sonnyboys im Kabinett des Sozialisten Bruno Kreisky wenigstens einen Teil der Autofahrer bremsen -- und Österreichs Außenhandel sanieren helfen.

Das Geschäft mit dem Rest der Welt nämlich ist schon seit Monaten aus dem Lot. Die Außenhändler des Landes kauften im Ausland weit mehr Güter, als sie dort absetzen konnten. Das Defizit in der Handelsbilanz steuert in diesem Jahr auf die Rekordhöhe von umgerechnet zehn Milliarden Mark zu.

Selbst der Fremdenverkehr, seit Jahrzehnten wichtigster Devisenbringer des Landes, kann die Bilanz nicht ausbalancieren. Angesichts allzu rasch gestiegener Preise und ungünstiger Wechselkurse mieden mehr Touristen Österreich als von den Wirtschaftsplanern angenommen.

Dieser Devisenmangel freilich scherte Österreichs Autokäufer wenig. Sie steuerten einen fast beispiellosen Autoboom an und meldeten 1976 über 314 000 neue Fahrzeuge an, darunter fast 150 000 Pkw und knapp 77 000 Kombis. Das bedeutete gegenüber 1975 einen Zuwachs von 9,3 Prozent bei den Pkw und 57,5 Prozent bei den Kombis.

Allein im Oktober dieses Jahres kauften sie nochmals 288 Prozent mehr Autos als im Vergleichsmonat des Vorjahres.

Jedes neue Personenauto aber, das zwischen Bregenz und Eisenstadt angemeldet wird, verschlechtert Österreichs Handelsbilanz. Weil de Österreicher nur Geländelastwagen (Pinzgauer) und Militärfahrzeuge (Saurer-Schützenpanzer) bauen, muß jedes Auto importiert werden.

Allein 1976 kosteten die Autoimporte rund sieben Milliarden Mark. Rund die Hälfte der Summe ging an westdeutsche Autoproduzenten. Den Rest teilten sich Franzosen, Italiener, Belgier. Japaner, Briten, Schweden und Amerikaner. »Österreichs Autonarren«, ärgerte sich der Wirtschaftssprecher der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) Eugen Veselsky, »halfen die deutsche Wirtschaft sanieren«

Die »autodepperten Österreicher« (Konsumentenschützer Fritz Koppe) zahlen nämlich für das gleiche Auto mindestens zehn Prozent mehr als die Deutschen -- und das nicht allein wegen der höheren Steuer.

Der Audi 80 LS zum Beispiel kostet in der Bundesrepublik 13415 Mark, in Österreich aber 101 300 Schilling (14 192 Mark). Der VW Golf ist in Österreich rund 1000 Mark teurer als in Westdeutschland.

Weit krasser noch sind die Unterschiede in den höheren Preisklassen. Der Mercedes 280 5 etwa (Bundesrepublik: 30 159 Mark) ist in Österreich nicht unter 264 438 Schilling (37 048 Mark) zu haben -- wobei der Käufer sich obendrein noch darauf gefaßt machen muß, für Ersatzteile bis zu 100 Prozent mehr zahlen zu müssen als in Deutschland.

Noch kostspieliger als mit deutschen Autos fährt der Österreicher mit italienischen und französischen Marken. Und die weltweit als Preisbrecher gerühmten Japaner werden durch einen auf sie zugeschnittenen Zoll von 20 Prozent gezwungen, in Österreich hohes Niveau zu halten.

Dennoch: Die Österreicher ließen in ihrer Kaufwut kaum nach. Und nach der Steuer-Ankündigung ihres Finanzministers legten sie sogar noch einmal zu: Viele Altwagenbesitzer wollen, zum Schaden des Fiskus und zu Lasten der Handelsbilanz, noch schnell vor Jahresende in ein neues Auto umsteigen. Resultat: Mindestens 40 000 Pkw werden zusätzlich importiert, die Handelsbilanz sackt noch tiefer ins Defizit.

Solche Schreckenszahlen verfangen bei den Bürgern der Republik kaum. Nach einer Studie des Instituts für Soziologie an der Wiener Universität nämlich sind die Österreicher eher bereit, auf ein zweites Kind zu verzichten als aufs eigene Auto.

Professor Anton Burghardt faßte das Ergebnis der Untersuchung so zusammen: »Die Sehnsucht des Österreichers nach Pferdestärken ist für die Familienplanung wichtiger als die Antibabypille.«

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