Zur Ausgabe
Artikel 37 / 116

Ärzte Seltsame Angebote

Sind Herzchirurgen von Firmenvertretern geschmiert worden? Die Vorwürfe seien haltlos, sagen die Beschuldigten.
aus DER SPIEGEL 29/1994

Die Funktionäre verlangten standesgemäße Genugtuung. »Über 300 000 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland«, so der Präsident der Bundesärztekammer, Karsten Vilmar, »erwarten eine gehörige Entschuldigung.«

Gemeint waren die Krankenkassen: Die hätten zwar ihren »Herzklappen-Bericht« vorgelegt, seien aber wieder den Beweis schuldig geblieben, welcher Herzprofessor wann, wo und wieviel von den angeblich erhöhten Preisen für Medical-Produkte profitiert hätte. Vilmar: »Ein Krankenkassenskandal«.

Das scheint die Sprachregelung zu sein. Die gleichen Worte fallen Professor Reiner Körfer, dem Ärztlichen Direktor des nordrhein-westfälischen Herzzentrums in Bad Oeynhausen ein. Einen »Kassenskandal« prangert auch Stefan Kurt Widensohler an, der geschäftsführende Gesellschafter der Hamburger Medical-Produkte-Firma A D Krauth.

Selbstsicherheit und Übermut scheinen kaum angebracht. Was die Kassen den Ärzten vorwerfen, hat sich inzwischen im wesentlichen als richtig erwiesen: Spitzenchirurgen verhandeln selbst mit Vertretern über Abnahmemengen und Preise von Herzklappen und anderem Medical-Gerät, und die Firmen gewähren vielen Chefs beachtliche Rabatte.

Vieles kam den Kliniken zugute - etwas außerhalb der Legalität. Manches aber, behaupten die Kassen, erfreute die Chefs auch privat.

»Anstelle direkter Rückvergütung«, heißt es anonym im Kassenreport, »lassen sich auch geldwerte Vorteile diverser Art wie Aktienpakete feststellen.« Und eben damit, so behaupten Informanten, sollen Chirurgen wie beispielsweise Professor Körfer von der Großklinik in Bad Oeynhausen bedacht worden sein.

Im Mai 1990 war der Präsident der US-Medical-Firma Aortech aus Minneapolis auf Europa-Tournee, um den Umsatz anzukurbeln. Dabei schaute Greg Ruehle auch in Bad Oeynhausen bei Körfer vorbei. Er übergab ihm angeblich 10 000 Aortech-Anteile im Wert von fast 70 000 Mark.

Körfer erinnert sich, er habe mal Anteile unaufgefordert ins Haus gekriegt. Die seien sofort zurückgegangen. Körfer: »Da habe ich keinen Bedarf.« Ein Beleg für die Rücksendung liege vor.

Seinem Geschäftsführer Hans-Dieter Koring, der ihn vor fünf Wochen dienstlich nach möglicher Vorteilsannahme befragte, erzählte Körfer damals von dem versuchten Gunstbeweis des Aortech-Präsidenten nichts. Der erfuhr erst während der SPIEGEL-Recherchen davon. Koring: »Mir wäre auch lieber gewesen, ich hätte eher davon gewußt.«

In ihrem Bericht behaupten die Kassen, es lägen Informationen darüber vor, »daß Medical-Produkte-Hersteller Spenden auf Konten . . . sonstiger privater Einrichtungen zahlen«. Hier ist, unter anderem, der Oeynhausener Tennisklub gemeint. Prominentes Mitglied: Reiner Körfer.

In der Zeit zwischen 1990 und 1993 sollen Firmen aus der Medical-Branche dem Verein mehrfach Summen zwischen 10 000 und 25 000 Mark haben zukommen lassen. Eine davon floß angeblich im Juli 1990, Spender: Aortech/Euromed, Höhe 25 000 Mark. Die Stadt habe eine steuermindernde Spendenquittung ausgestellt.

»Offiziell weiß ich über Spenden nichts«, sagt Körfer. Und inoffiziell? »Na ja, da wurde drüber geredet.«

Der Vereinsvorsitzende Werner Ibold weiß angeblich nichts von Spenden der Medical-Firmen. Meist seien Privatleute die Geber. Körfer habe damit aber gar nichts zu tun.

Die Kassen werfen den Herzchirurgen darüber hinaus vor allem vor, sie würden Koppelgeschäfte tätigen: Sie ließen sich Investitionen auf einem Umweg von den Firmen bezahlen.

Die leitenden Ärzte haben es oft schwer, die Länder zum Kauf der von ihnen gewünschten teuren Apparate zu bewegen. Deswegen, so die Kassen, haben sie sich einen Trick einfallen lassen: Die Medical-Firmen gewähren auf Investitionen happige Nachlässe, wenn der Chef sich verpflichtet, Medical-Verbrauchsmaterial bei der gleichen Firma zu überzogenen Preisen einzukaufen.

Krauth-Geschäftsführer Widensohler kann sich solche Praktiken »noch nicht mal theoretisch vorstellen«. Doch in einem Brief vom 26. Mai 1993, den Widensohlers langjährige Angestellte Josephine Ruppert dem Ärztlichen Direktor der Herzchirurgie der Universitätsklinik Ulm, Andreas Hannekum, geschrieben haben soll, ist genau von einem solchen Geschäft die Rede.

Das Schreiben, als »vertraulich/persönlich« gekennzeichnet, ohne Firmenbriefkopf, offeriert dem Ulmer Professor drei Kreislaufunterstützungssysteme inklusive einer Schulung in den USA für zwei Personen. Solche Systeme helfen, schwer herzkranke Patienten am Leben zu erhalten, bis zum Beispiel ein geeignetes Herz für eine Transplantation gefunden ist.

Der »Listenpreis« der angebotenen Investitionen wird in dem Schreiben mit 510 000 Mark angegeben, zu erhalten sei das Gerät von der »Fa. A D Krauth ohne Berechnung«.

Geräte und Schulung, lockt die günstige Offerte, könnten durch »1000 Oxygenatoren mit Schlauchset zum Preis von 1700 bis 1900 DM/Set oder 500 Oxygenatoren mit Schlauchset, Kanülen, Katheter und circa 100 Herzklappen oder Mengenvariationen bei den einzelnen Produktgruppen verrechnet werden«.

Der Brief, so Ruppert, sei eine Fälschung. Der Adressat, Professor Hannekum, teilt über seinen Verwaltungsdirektor Albert Schira mit, er erhalte so viele seltsame Angebote, da könne er sich nicht mehr erinnern, ob er ein solches Schreiben erhalten habe.

Es gibt einen zweiten Brief von Ruppert an Hannekum vom 11. Oktober 1993. Dessen Inhalt belegt lediglich, daß es entgegen den Behauptungen durchaus üblich ist, daß Ärzte und Medical-Vertreiber über Preise und Mengen verhandeln. Die Authentizität dieses Schreibens hat Ruppert anerkannt.

Der SPIEGEL hat den vereidigten Sachverständigen für Maschinenschriftuntersuchungen, Michael Zimmermann, beauftragt, beim Vergleich beider Briefe Anhaltspunkte für eine Fälschung des einen Schreibens zu suchen. Er hat keine gefunden.

»Befunde, die gegen die Verwendung desselben Schreibsystems sprechen, konnten nicht erhoben werden«, so Zimmermann. Alle Schriftzeichen seien deckungsgleich. Auffällig sei der auf allen vier Blättern gleich breite Rand von 3,6 Zentimetern, Buchstabenabstand und Zeilenabstand seien gleich. Der Versuch, die Schrift der Vorlage mit einem anderen Computer oder Drucker nachzuahmen, sei »sehr schwierig und aufwendig«.

Vielleicht habe jemand ihren Computer benutzt, meint Ruppert. Ihre Unterschrift sei ebenfalls leicht erhältlich, weil sie für die Freilichtbühne in Augsburg an alle möglichen Leute schreibe. Ruppert: »Das ist kein Problem, so was zu kopieren.«

Der Sachverständige Zimmermann sieht das anders. Beim Versuch, ein Schriftstück aus mehreren Vorlagen zusammenzukopieren, entstünden fast immer »Kopierschatten«. Die habe er nicht finden können.

Zimmermanns Fazit: »Anhaltspunkte für Manipulationen, insbesondere für das Zusammenkopieren von Maschinentext und Unterschrift, konnten anhand der vorgelegten Kopien nicht festgestellt werden.«

Schira, Verwaltungsdirektor des Ulmer Klinikums, legte besonderen Wert auf die Feststellung, mit der Firma Krauth sei das Geschäft ohnehin nicht zustande gekommen. Doch mit einem anderen Unternehmen könnte es genau so gelaufen sein.

Am 12. Oktober 1993 stellte Hannekum einen Beschaffungsantrag »über ein extrakorporales Kreislaufunterstützungssystem einschließlich diversen Zubehörs«. Das System werde für Tierversuche benötigt. Die Investition wurde korrekt über ein Drittmittelkonto der Universität bezahlt, insgesamt 182 707,40 Mark.

Zur gleichen Zeit, so Informanten des SPIEGEL, habe die Lieferfirma Cobe der Uniklinik Ulm eine Spende etwa in Höhe des Kaufpreises zukommen lassen. Manfred Salat, Verkaufsleiter bei Cobe, bestätigte eine Spende seiner Firma; der Betrag sei jedoch »auch nicht annähernd« 180 000 Mark gewesen. Verwaltungsdirektor Schira dementiert ebenfalls eine Spende in dieser Größenordnung.

Dennoch erscheint sie plausibel. Anfang 1994 erhielt Cobe einen Auftrag über 300 Oxygenatoren plus Schlauchset für das Ulmer Herzklinikum. Der Preis pro Einheit lag bei reichlich 1900 Mark.

Das ist ungefähr der Preis, der in dem umstrittenen Angebot der Josephine Ruppert ausgereicht hätte, um die Geräte zu verschenken. Auch die Firma Cobe würde in diesem Fall durch die überhöhten Preise gut zurechtkommen. Y

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 116
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.