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Aktien mit hoher Dividendenrendite: Die Renaissance der Langweiler

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Aktien mit hoher Dividendenrendite Comeback der Langweiler

Sie sind besser als Staatsanleihen: Weil Schuldner wie die Bundesrepublik nur noch Minizinsen bieten, bevorzugen Profi-Anleger inzwischen Aktien mit hoher Dividendenrendite. Gut acht Prozent pro Jahr sind drin. Aber nicht alle Dividendentitel halten wirklich, was sie versprechen.
Von Andreas Nölting

Frank Naab ist ein sehr vorsichtiger und konservativer Geldmanager. Der Analytiker leitet das Portfolio Management des traditionellen Frankfurter Bankhauses Metzler, der ältesten deutschen Privatbank. Er steht damit für die Performance und die Anlagepolitik von Millionen Euro Kundengeldern gerade. Ein Job, der schlaflose Nächte bereiten kann.

Naab will in den turbulenten Zeiten der Finanz- und Schuldenkrise zumindest den Wert der Kundeneinlagen erhalten. Doch wie? Auf der "Rentenseite gibt es fast nichts", klagt der Manager, "außer wenn Sie in wackelige Schuldner investieren". Gute Schuldner wie etwa Deutschland zahlen für ihre Staatsanleihen nur sehr niedrige Zinsen. Für eine Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit gibt es gerade einmal zwei Prozent. Und die Preiserhöhungen fressen die Erträge gleich wieder auf. "Negative Realzinsen", nennt Naab das Problem, "nach Abzug der Inflation sind Sie mit Ihrer Anlage schnell im Minus."

Hilfe bei der Stabilität der Erträge erhofft sich der Portfoliostratege nun durch eine Anlageklasse, die viele Jahre als verschlafen und langweilig galt: dividendenorientierte Aktien, also Papiere von börsennotierten Unternehmen, die eine hohe Dividendenrendite erzielen. Diese Kennziffer gibt die Verzinsung des investierten Kapitals je Aktie in Prozent an. Sie errechnet sich aus der Division der Dividende durch den aktuellen Aktienkurs multipliziert mit hundert.

Rund ein Drittel des gesamten europäischen Aktienportfolios bei Metzler ist inzwischen dividendenorientiert. Noch vor wenigen Jahren waren es 20 Prozent. Aktien von dividendenstarken Unternehmen wie Münchner Rück, Allianz oder BASF sind bei den Geldprofis auch deshalb so beliebt, weil sie momentan eine günstige Bewertung aufweisen. Wichtige Kennziffern wie zum Beispiel die Börsenkapitalisierung im Verhältnis zum Buchwert eines Unternehmens signalisieren Naab ein günstiges Einstiegsniveau.

Hochverzinste Staatsanleihen maroder Staaten fassen die Portfoliomanager von Metzler hingegen nicht mehr an. Etablierte Unternehmen gelten inzwischen als bessere Schuldner. Im Gegensatz zur Politik haben viele Konzerne seit der Finanzkrise 2008 ihre Hausaufgaben gemacht, die Bilanzqualität verbessert und verfügen zum Teil über hohe Bargeldbestände, beobachtet Denise Kissner, Spezialistin für Dividendenfonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS.

Alles für die Aktionäre

Zudem erfreut die Geldmanager der jährliche Geldregen. Geschätzte 27 Milliarden Euro Dividende werden die Dax-Konzerne in den kommenden Wochen, der traditionellen Zeit der Hauptversammlungen, ausschütten. Die Allianz etwa zahlt für das Geschäftsjahr 2011 voraussichtlich eine Dividende in Höhe von 4,30 Euro je Aktie und kommt damit auf eine Dividendenrendite von fünf Prozent. Daimler will 2,20 Euro zahlen (Rendite: 3,9 Prozent), die Deutsche Post 0,67 Euro (Rendite 4,8 Prozent).

Für Aktionäre lohnt auch der Blick ins übrige Europa, denn hier finden sich einige wahre Dividendenkönige wie die drei Telekommunikationskonzerne France Télécom (Dividendenrendite 2011: 8,7 Prozent), Belgacom (8,4 Prozent) oder die spanische Telefónica (7,8 Prozent). Als interessant gelten auch das norwegische Ölexplorationsunternehmen Seadrill Ltd. (7,4 Prozent) oder der britische Versorger National Grid (6,9 Prozent). Metzler-Manager Naab, der keine Einzelwerte empfehlen möchte, rät dividendenorientierten Aktionären generell zu großen europäischen Versicherern, Öl- und Gaskonzernen sowie Autoherstellern.

Zu den europaweiten Dividenden-Spitzenreitern zählt auch die Deutsche Telekom. Sie wird vermutlich 0,70 Euro pro Aktie zahlen (Rendite: 7,7 Prozent) und schüttet damit nahezu ihren gesamten Gewinn aus. Was für Anleger auf den ersten Blick positiv erscheint, sehen die Geldprofis allerdings gar nicht nicht gerne. "Wenn ein Unternehmen über 80 Prozent seines Gewinnes ausschüttet, werden wir vorsichtig", sagt Naab. Die Konzerne bräuchten die Gewinne schließlich, um in ihre Zukunft zu investieren. Zahle ein Unternehmen hingegen den gesamten Gewinn per Dividende an seine Aktionäre aus, sei die Gefahr sehr groß, dass auf Dauer Substanz aufgezehrt werde. Und es sei auch ein Armutszeugnis für das Management, das offenbar keine schlüssige Zukunftsstrategie habe.

Besonders kritisch wird es, wenn Vorstand und Aufsichtsrat eine hohe Dividende ausschütten, um Anleger zu täuschen und so zum Kauf der Aktie zu verleiten. Das Risiko besteht Insidern zufolge vor allem, wenn ein renditehungriger Private-Equity-Fonds an einer Aktiengesellschaft beteiligt ist: Obwohl das operative Geschäft schlecht verläuft und die Geschäftsstrategie nicht mehr stimmt, drängen die rabiaten Eigner in solchen Fällen darauf, möglichst viel Geld auszuschütten - und entziehen dem Unternehmen damit Substanz. Private Aktionäre, die die hohe Dividende als Erfolgssignal interpretiert hatten, müssen dann zusehen, wie der Kurs ihres Papiers im Anschluss an die Auszahlung verfällt.

Zu viel Dividende macht Profis misstrauisch

Geldprofis wie Naab und Kissner halten Ausschüttungsquoten von bis zu 40 Prozent des Gewinnes für "gesund". Werte über 60 Prozent machen sie misstrauisch. Selbst wenn die Dividende einmal komplett ausfallen sollte, verbannen sie die Aktie nicht gleich auf Dauer, sondern forschen nach den Ursachen.

Auch für private Geldanleger erscheinen dividendenstarke Substanzwerte als Alternative zum Festgeldsparen. Denn selbst wenn die Kurse vorübergehend unter den Einstandskurs sinken sollten, bleibt den Anlegern zumindest noch eine jährliche Dividende. Die Kursschwankungen können so besser ausgesessen werden. Zwar dürfen sich die Anleger nie ganz sicher sein, ob es tatsächlich jedes Jahr eine Dividende gibt. Doch etliche Konzerne wie zum Beispiel viele Versicherungen zahlen seit Jahrzehnten - ohne Ausnahme. Das schafft Sicherheit.

Allerdings sollte sich kein Anleger allein von der absoluten Höhe der Dividendenrendite blenden lassen. Denn diese Kennziffer wird immer auf Basis der letzten Ausschüttung errechnet. Ist seitdem der Kurs gesunken, dann steigt die Dividendenrendite. So auch bei der Deutschen Telekom: Der Gewinn des Unternehmens ist 2011 um zwei Drittel eingebrochen. Hohe Abschreibungen auf die US-Tochter, die 1,7 Millionen Kunden verloren hat, lassen wenig Raum für Optimismus.

Anleger sollten also wie die Profis genau hinschauen, bevor sie sich für dividendenstarke Aktien entscheiden. Wie ist die Dividendenpolitik? Welche Qualität besitzt das Management? Wie steht es um das Verhältnis von Eigen- zu Fremdkapital in der Bilanz? Das sind wesentliche Fragen, die vor einer Kaufentscheidung beantwortet werden müssen.

Immerhin: Die Mühe lohnt sich. Bei den richtigen Titeln winken ordentliche Renditen. "Die Erträge aus Dividendenpapieren sind im Schnitt doppelt so hoch wie im festverzinslichen Bereich," sagt DWS-Spezialistin Kissner.

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