Anlagestrategie Oktoberrevolution im Depot

Langfristig lohnen sich Aktien immer, lautet eine Börsenweisheit. Wirklich? Ein neue Studie zeigt: Der Renditevorsprung von Aktien schrumpft deutlich, wenn man Totalverluste durch Enteignungen einrechnet. Eine russische Revolution verhagelt die schönste Anlagestrategie.
Von Christian Kirchner
Börsenhändler in Frankfurt: Wie sieht die alternative Anlagestrategie aus?

Börsenhändler in Frankfurt: Wie sieht die alternative Anlagestrategie aus?

Foto: DPA

Neulich sah ich einen bekannten Herzspezialisten im Fernsehen. Er räsonierte darüber, wie wichtig Bewegung sei, eine gesunde Ernährung, frische Luft. Ich musste lachen. Denn der Herzspezialist nahm es offenbar selbst mit seinen Tipps nicht so genau. Davon zeugten ein kaum noch sichtbarer Hals und ein im Studiosessel zusammengesackter Rumpf, der an einen feuchten Mehlsack erinnerte.

Wobei: Ich muss ja gerade reden als Finanzjournalist. Nicht nur, weil der Herzexperte mir vom Oberkörper abwärts verblüffend ähnlich sah.

Wenn dem Publikum mal offengelegt würde, wie es in den Depots derjenigen zugeht, die über Geldanlage schreiben - das dröhnende Gelächter im Land wäre lauter als jeder Börsenkrach. New-Economy-Buden, Commerzbank-Aktien, Griechenbonds - seien Sie versichert: Wo es in den letzten Jahren einen Haufen Geld zu verlieren gab, war mein Berufsstand stets vorne mit dabei.

In Kürze werde auch ich wieder den Unterschied zwischen der Theorie schlauer Ratschläge und der Praxis einer echten Geldanlage spüren. Aus meinem letzten Job bei der inzwischen eingestellten "Financial Times Deutschland" steht mir eine Abfindung zu. Das Geld brauche ich so schnell nicht, Schulden habe ich keine. Also wäre es ja logisch, es in Aktien zu stecken.

Damit würde ich zumindest das tun, was das Gros der Analysten, Fondsmanager und Journalisten derzeit für die cleverste Idee halten: Sein Geld vor der Inflation schützen, indem man es in reale Werte wie Aktien steckt. Das lohnt ja langfristig immer. Angeblich.

Der Wahrheit hinter diesem Mythos sind die Analysten der Credit Suisse und der London Business School nachgegangen. Dabei greifen sie auf einen mühevoll recherchierten Datenschatz zurück: Die Entwicklung der Aktien- und Anleihemärkte in den wichtigsten Ländern der Welt seit 1900.

Die drei Lehren

Ihre Ergebnisse sind nicht eben ermutigend - und räumen auch mit der Vorstellung auf, die aktuelle Lage sei historisch einmalig. Die drei wichtigsten Erkenntnisse:

  • Erstens sind reale Niedrigzinsen keine Seltenheit. Aktuell liegt die Rendite von als sicher geltenden Staatsanleihen in den Industrieländern unterhalb der Teuerungsrate, die Realzinsen sind mithin negativ. Historisch gesehen nichts Ungewöhnliches. Wer etwa im Jahr 1900 100 US-Dollar schön gestreut in weltweiten Staatsanleihen angelegt hat, hätte bis zum Jahr 1980 real rund 40 Prozent seines Vermögens verloren. Nur dank der sehr starken Kursentwicklung von Anleihen seit 1980 beträgt die reale Rendite globaler Anleihen seit 1900 nunmehr rund 1,3, Prozent pro Jahr. Doch als Kaufargument für Aktien taugen negative Realzinsen auch nicht: Drehen die Realzinsen stark ins Minus, rutschte nämlich historisch gesehen auch der reale Ertrag mit Aktien in den roten Bereich.
  • Die zweite Erkenntnis: Die Kapitalmärkte haben extrem gute Jahrzehnte hinter sich - diese Jahrzehnte sind aber die Ausnahme, nicht die Regel. Aktien wie Anleihen haben real - also nach Anzug der Inflation - seit 1980 weltweit einen Ertrag von im Schnitt 6,4 Prozent pro Jahr gebracht. Während Anleihen etwa seit 1980 und bis heute weit überdurchschnittliche Renditen eingebracht haben, setzte der Aktienboom bereits etwa um 1950 ein.
  • Die dritte Erkenntnis der Forscher ist die für Anleger vermutlich wichtigste: Auf Sicht der kommenden Jahre können Aktienanleger voraussichtlich nur noch eine Risikoprämie von drei bis 3,5 Prozent pro Jahr vereinnahmen. Die Aktien-Risikoprämie beziffert den Mehrertrag, den ein Anleger gegenüber risikofreien Zinsanlagen kassiert. Gleichsam als Belohnung dafür, dass er sich den fiesen Schwankungen der Aktienmärkte aussetzt. Nun klingen drei bis 3,5 Prozent Mehrertrag für Aktien gegenüber Anleihen nicht schlecht. Und doch wäre dies nur die Hälfte des Mehrertrags, den andere Kapitalmarktforscher noch bis vor wenigen Jahren als ausgemachte Sache angenommen haben, nämlich rund sechs Prozent pro Jahr. Jene sechs Prozent errechneten sich aber ausschließlich auf Basis der US-Aktienmärkte. Greift man, wie nun die Credit-Suisse-Forscher, auf alle Daten weltweit zurück und berücksichtigt auch Totalverluste von Aktionären durch Enteignungen - wie etwa in Russland 1917 oder China 1949 -, landet man bei eben jenen drei bis 3,5 Prozent pro Jahr Mehrertrag von Aktien gegenüber Anleihen.

Was bedeutet das nun konkret für einen deutschen Anleger? Zehnjährige Bundesanleihen bringen derzeit nominal, also vor Abzug der Inflation, 1,6 Prozent Rendite pro Jahr. Demnach käme man, konstante Zinsen vorausgesetzt, auf einen Aktienertrag von 4,6 bis 5,1 Prozent pro Jahr.

Gehen wir optimistisch von fünf Prozent aus. An dieser Rendite nagen aber noch Inflation, Depotgebühren - und die Abgeltungsteuer. Nach Steuern bleiben so von rund fünf Prozent bestenfalls vier Prozent übrig. Abzüglich zwei Prozent Inflation bleiben real also etwa zwei Prozent Rendite pro Jahr. Ein karger Lohn für die Schwankungen, die Aktienanleger ertragen müssen.

Allein: Was ist die Alternative? Ich plane jedenfalls, eine 75/25-Strategie umzusetzen, die ich gelegentlich auch Freunden empfehle: 75 Prozent des Geldes kommen auf ein gut verzinstes Tagesgeldkonto, 25 Prozent werden über zwei bis drei Aktien-Indexfonds mit dem Anlageschwerpunkt Europa und Schwellenländer verteilt. Das hält die Kosten niedrig. Steigen die Kurse - schön. Steigen die Zinsen - nicht schön, aber dann klettert auch die Tagesgeldverzinsung. Und sollte es an den Börsen rappeln, betrüge mein Verlust selbst bei einer Halbierung der Kurse dank Zinsen und Dividenden vermutlich lediglich rund zehn Prozent. Diese Gelegenheit könnte man dann nutzen, um noch einmal weitere 25 Prozent der Anlagesumme in Aktien umzuschichten und so von der Kurserholung nach dem Crash zu profitieren.

Es reicht also im Prinzip, ein paar simple Regeln zu befolgen. So simpel wie frische Luft, gesundes Essen und viel Bewegung.

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