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05. Oktober 2019, 12:09 Uhr

Young-Money-Blog

Das sollten Sie wissen, bevor Sie sich einen Aktienfonds aufschwatzen lassen

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Auch Menschen mit wenig Geld können mit Aktien vernünftige Renditen erzielen. Mehrfach habe ich im Young-Money-Blog erklärt, wie junge Anleger in sogenannte ETFs, also passiv verwaltete Indexfonds, investieren können (zum Beispiel hier und hier).

Weil die Kurse an den Börsen der Welt auf lange Sicht steigen, gilt diese Strategie als vergleichsweise sicher - und günstig. Schließlich braucht ein ETF anders als herkömmliche Fonds keinen teuren Manager, der sich um die Aktienauswahl kümmert. Denn ein ETF bildet einfach stumpf per Computerprogramm einen Index nach - zum Beispiel den deutschen Leitindex Dax. Steigt also der Dax um zehn Prozent, legt auch der Indexfonds um zehn Prozent zu. Verliert der Dax dagegen zehn Prozent, ist der Indexfonds ebenfalls mit zehn Prozent im Minus.

Doch wer in diesen Tagen zu einer Bank geht, wird trotzdem herkömmliche Aktienfonds angeboten bekommen. Kürzlich traf einer meiner Freunde sogar auf einen Bankberater, der ihm entschieden von ETFs abriet.

Die Erzählung des Beraters ging in etwa so: Weil die Aktienkurse seit Jahren fast ununterbrochen überall auf der Welt steigen, hätten es selbst die besten Fondsmanager schwer, computergestützte ETFs zu übertreffen. Die wahre Kunst des aktiven Fondsmanagements werde erst dann sichtbar, wenn die Kurse fallen. Und wegen Handelskrieg, Brexit und Co werde schon bald die Zeit kommen, in der sich die menschlichen Fondsstrategen beweisen könnten.

In solchen Abschwungphasen könnten sie nämlich Anleger vor Verlusten schützen, in dem sie gezielt die besten Aktien kaufen und schlechtere verkaufen. Anleger, die auf simple ETFs setzten, würden dagegen auf die Nase fallen, weil sie die Ausschläge der Börse nach unten voll mitnähmen.

Doch das stimmt nicht.

Zahlen der amerikanischen Rating-Agentur Standard & Poor's können diese Behauptung widerlegen: In dem schwierigen Börsenjahr 2018, als etwa der deutsche Leitindex Dax ein Fünftel seines Werts verlor, blieben in den meisten Fondskategorien 80 Prozent der Manager hinter Indexfonds zurück. Die höheren Kosten der Fonds sind dabei noch nicht einmal mit eingerechnet (dazu später mehr).

Wie sehr Anleger auf das Argument des angeblichen Schutzes vor Verlusten anspringen, zeigt der Fall des Vaters eines Freundes von mir. Er setzte auf den Mischfonds Carmignac Patrimoine, der es tatsächlich geschafft hatte, die schwerste Zeit der Finanzkrise von Herbst 2008 bis März 2009 gut zu überstehen. In Anlegerblättchen wurde der Fonds dafür jahrelang gefeiert. Doch der Vater meines Freundes hatte nicht viel davon: Er stieg erst nach der Finanzkrise ein, seitdem hat der Fonds trotz der jahrelangen Börsenrallye weniger als drei Prozent Durchschnittsrendite pro Jahr erzielt. Er gehört damit zu den schlechtesten Mischfonds der vergangenen Dekade.

Das Beispiel zeigt: Selbst wenn es einem Manager gelingt, Verluste in einem Börsencrash zu begrenzen, profitiert der Anleger davon auf lange Sicht nicht zwingend. Das vermeintliche Risikomanagement der Bankfondsprodukte kann sogar dazu führen, dass Anleger auf Dauer deutlich niedrigere Renditen einfahren, als wenn sie einfach auf breitgestreute ETFs setzen und alle Ausschläge nach oben wie unten voll mitnehmen.

Denn für Privatanleger kommt es auf die langfristige Wertenwicklung an. Trotz mehrerer Wirtschaftscrashs hat der Weltaktienindex MSCI World in den vergangenen 43 Jahren eine Rendite von knapp 9 Prozent pro Jahr erzielt. Doch das ist nur der Durchschnittswert - wer also langfristig von solch hohen Erträgen profitieren möchte, muss bereit sein, auch ein zwischenzeitliches Minus von mehr als 25 Prozent zu akzeptieren.

Die Fonds, auf die die meisten Deutschen setzen, performen aber nicht nur schlecht, sie sind auch noch unverschämt teuer. Das Analysehaus Morningstar hat für den Young-Money-Blog zusammengetragen, wo die Fondsgesellschaften beim Anleger abkassieren.

Zunächst müssen Anleger beim Kauf eines klassischen Fonds oftmals einen Ausgabeaufschlag zwischen drei und fünf Prozent berappen. Das ist eine einmalige Gebühr, die beim Erwerb sofort anfällt. Bei einer Anlagesumme von 10.000 Euro gehen also sofort zwischen 300 und 500 Euro an die Bank. Geld, das die Fondsmanager durch ihre Anlagen erst einmal wieder reinholen müssen.

Hinzu kommen Verwaltungsgebühren, Handelskosten für den Kauf und Verkauf von Aktien durch den Fondsmanager und erfolgsabhängige Gebühren. Morningstar fasst auf dieser Basis die Gesamtkosten pro Jahr (siehe Tabelle) zusammen.

Ein Blick auf die Fonds, in die die Deutschen das meiste Geld investiert haben, zeigt: Neben dem einmaligen Ausgabeaufschlag kommen auf Anleger jährliche Gesamtkosten zwischen 2 und 5 Prozent zu. ETFs kosten dagegen nur einen Bruchteil davon (in der Tabelle gefettet).

Der "PrivatFonds: Kontrolliert" von Union Investment, dem Fondshaus der Volks- und Raiffeisenbanken, verschlingt zum Beispiel pro Jahr 2,59 Prozent laufende Gebühren. Der Mischfonds zählt zum Standardrepertoire der Kundenberater, Anleger haben mehr als 19 Milliarden Euro in ihn investiert. Das dürfte die Bank freuen: Sie nimmt mit dem Fonds allein durch die laufenden Gebühren etwa 500 Millionen Euro ein. Pro Jahr.

Ähnlich viel Geld dürfte die Deka mit ihren Fonds einnehmen, die vor allem Sparkassenkunden angeboten werden. Die Gesamtkosten der Deka-Fonds tauchen in der Morningstar-Auswertung aber nicht auf. Der Grund: Noch immer übermittelt die Fondsgesellschaft keine Daten zu den Transaktionskosten an das Analysehaus.

Besonders ärgerlich wird es für Anleger, wenn Manager extreme und riskante Wetten eingehen, um die hohen Fondskosten zu kompensieren. Das zeigt der Fall des Mischfonds "M&W Privat". Viele Anlageberater haben den Fonds jahrelang empfohlen, weil er während der Finanzkrise eine positive Rendite herausholte. Zwischenzeitlich flossen in das Produkt fast eine halbe Milliarde Euro an Kundengeldern.

Nach der Finanzkrise spekulierten die Fondsmanager auf den Untergang des Euro und setzten auf Gold und Goldminenaktien. Im Jahr 2016 schien die Strategie aufzugehen: Aufgrund des steigenden Goldpreises erzielte der Fonds eine enorme Rendite in Höhe von fast 30 Prozent.

Doch blickt man heute auf die Kursentwicklung, muss man konstatieren, dass Anleger von diesem kurzfristigen Erfolg auf Dauer nichts hatten: Weil der Fonds in den anderen Jahren des vergangenen Jahrzehnts so miserabel abschnitt, kommt er auf Zehnjahressicht auf eine kümmerliche Rendite von nur 0,06 Prozent pro Jahr.

Wenn jemand also ein paar Jahre lang Erfolg mit aggressiven Wetten hatte, dann heißt das überhaupt nichts für die Zukunft. Anleger sollten daraus lernen - und lieber auf ETFs setzen.

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