Produktion von Lebensmitteln Die Preise sind niedrig, die Arbeitsstandards auch

Zehn-Stunden-Schichten ohne Wasser, schutzlos auf gespritzten Feldern - unter solchen Bedingungen müssen Arbeiterinnen für unsere Lebensmittel schuften. Vor allem deutsche Handelsketten schneiden laut einer Studie schlecht ab.
Traubenplantage in Südafrika

Traubenplantage in Südafrika

Foto: C. Becker / Oxfam Deutschland

Es gibt Arbeiterinnen, die auf Feldern und Plantagen das Essen für den Überfluss in unseren Supermärkten produzieren, aber selbst hungern müssen, weil ihre Löhne zum Leben nicht reichen. Ihre Arbeitsbedingungen sind unwürdig und zuweilen gesundheitsgefährdend.

Zum Beispiel auf Weinplantagen in Südafrika: "Die meisten Plantagenarbeiterinnen haben während ihrer Schicht von morgens um sieben bis zum Feierabend um fünf keinen Zugang zu Toiletten oder zu sauberem Wasser", sagt Colette Solomon, die mit der Organisation "Women on Farms" Hunderte Arbeiterinnen zu ihrem Arbeitsalltag auf Weingütern befragt hat. Die fehlenden Toiletten sind ein besonders unangenehmes Problem - aber nicht das einzige.

Weinreben in Südafrika

Weinreben in Südafrika

Foto: Oxfam Deutschland

"Drei von vier Arbeiterinnen sind regelmäßig Chemikalien ausgesetzt. Sie bekommen keine Schutzkleidung, wenn sie eine Stunde nach dem Spritzen auf die Plantage gehen, die Trauben sind dann noch feucht von den Pestiziden", berichtet Solomon. Wenn das Nachbarfeld gespritzt wird, dann gibt es kein Entkommen, der feine Sprühnebel zieht auch durch offene Fenster der Arbeiterhütten, legt sich auf trocknende Wäsche, spielende Kinder atmen ihn ein.

Der Preisdruck aus Deutschland trifft vor allem Frauen

Betroffen sind vor allem Frauen: Während ihre männlichen Kollegen festangestellt und das ganze Jahr über beschäftigt sind, werden sie nur noch für drei, vier Monate in der Erntesaison geholt. "Meist werden die Arbeiterinnen sogar nur noch von Monat zu Monat beschäftigt, sie wissen nie, ob sie genug Geld verdienen werden", sagt Solomon. Wer so beschäftigt ist, organisiert sich nicht in Gewerkschaften, fordert seine Rechte nicht ein.

Die Lage habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, sagt Solomon. Der Grund: "Der Preisdruck durch die Supermärkte, vor allem aus Deutschland." Von den 2,49 Euro, die beispielsweise eine Flasche Vredebosch Merlot Rouge bei Lidl kostet, kommt zu wenig bei den Produzenten in Südafrika an. So ohnmächtig wie die Arbeiterinnen sich den Farmern gegenüber fühlen, so ohnmächtig fühlen sich die Plantagenbesitzer angesichts der Verhandlungsmacht der deutschen Supermärkte.

Der deutsche Lebensmitteleinzelhandel ist für alle Produzenten, die ihre Waren in den Discounter- und Supermarktketten verkaufen, der härteste der Welt. Weil die vier großen Ketten Edeka, Lidl, Rewe und Aldi den Markt beherrschen, können sie fast jeden Preis durchsetzen. Sie nutzen diese Macht fast ausschließlich dafür, ihren Kunden die niedrigstmöglichen Preise anzubieten. Die Menschen in ihrer Lieferkette und deren Arbeitssituation sind dagegen unwichtig.

Deutsche Discounter und Supermärkte schneiden besonders schlecht ab

Menschen- und Arbeitnehmerrechte, Schutz von Frauen, die Uno-Nachhaltigkeitsziele, Transparenz oder die Verantwortung für Kleinbauern: Im Vergleich mit Supermärkten in anderen Ländern schneiden die deutschen Ketten besonders schlecht ab.

Die Organisation Oxfam hat in einem "Supermarkt-Check" die öffentlich zugänglichen Quellen zur Geschäftspolitik von 16 der größten und am schnellsten wachsenden Supermärkte in Deutschland, in den USA, Großbritannien und in den Niederlanden ausgewertet und die erreichten Punkte in insgesamt vier Kategorien zusammengefasst.

Bei speziellen Schutzmaßnahmen für Frauen erreichen die deutschen Unternehmen Aldi, Lidl, Edeka und Rewe Null Prozent der Gesamtpunktzahl, beim Schutz von Arbeiterrechten lag die höchste Bewertung bei zwei Prozent. "Keine dieser Ketten", heißt es in dem Bericht, "wird ihrer Verantwortung gerecht, das Risiko von Menschenrechtsverletzungen in ihren Lieferketten zu identifizieren, öffentlich zu machen und entsprechend darauf zu reagieren".

Die deutschen Händler bleiben damit hinter der ausländischen Konkurrenz zurück: "In Ländern wie den USA oder Großbritannien sind die Supermärkte viel weiter", sagt Franziska Humbert, Oxfam-Expertin für soziale Unternehmensverantwortung. Sie fordert die Handelsketten dazu auf, mehr soziale Verantwortung für ihre Lieferkette zu übernehmen: "Die Einkaufspolitik ist Teil der Sorgfaltspflicht der Supermärkte. Sie müssen mit ihren Lieferanten sprechen und die Einhaltung der Menschenrechte einfordern." Der Supermarkt-Check ist Teil der Studie "Die Zeit ist reif", die Oxfam jetzt veröffentlicht hat.

Edeka weist die Vorwürfe auf SPIEGEL-Anfrage scharf zurück: Die Bewertung sei intransparent, es handle sich "um eine Kampagne und nicht um eine wissenschaftlich-objektive Studie". Das Unternehmen stellte zudem in Frage, "ob Oxfam aufgrund des eigenen Hintergrunds die richtige Organisation für die Bewertung eines solchen Sachverhalts zum Thema Menschenrechte ist" - ein Seitenhieb auf den Sexskandal bei Oxfam in Haitiund im Tschad.

Aldi, Lidl und Rewe zeigten sich dagegen offen für die Kritik. Aldi lobt Oxfam ausdrücklich und begrüßt auch den Supermarkt-Check, weil er die Möglichkeit biete "gemeinsam mit anderen Akteuren mögliche Risiken zu identifizieren", die Empfehlungen werde man prüfen. Lidl und Rewe schrieben, sie nähmen die Verantwortung entlang der Wertschöpfungskette "sehr ernst" und setzten sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und "effektiv zu kontrollieren". Aldi, Lidl und Rewe verweisen auf ihre zahlreichen Initiativen und den bevorzugten Einkauf zertifizierter Produkte, mahnen aber an, dass höhere Standards sinnvoll seien, wenn sie für alle gelten.

Die Profite der Supermärkte steigen - die der Arbeiter stagnieren

Oxfam sieht das in der Analyse ähnlich. Die Schlüsse, die die Organisation zieht, ähneln den Grundsätzen des "Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte" (NAP) der Bundesregierung. Auch da geht es darum, deutsche Unternehmen zu mehr Verantwortung entlang ihrer Lieferketten zu drängen. Leider fehlen in dem von Unternehmen und Regierung hochgelobten Plan verbindliche Vorschriften. Vor einer gesetzlichen Prüfpflicht, wie es sie in Frankreich gibt, schreckte die Regierung zurück - vielleicht auch, weil Vertreter von Siemens und den Arbeitgeberverbänden mitformuliert haben.

Aber auch wenn es verpflichtende Elemente oder gar Gesetze gäbe: Es ist zweifelhaft, ob diese durchgesetzt werden könnten. In Südafrika etwa sind Arbeiterinnen durch Gesetze eigentlich gut geschützt - nur kennen sie diese häufig selbst nicht, und Kontrollen sind selten. In Seminaren vermittelt Colette Solomon mit der Organisation Women on Farms deshalb dieses Wissen - so können die Arbeiterinnen ihre Rechte besser durchsetzen. Der Erfolg ist groß.

Selbst dort, wo Produzenten gewillt sind, ihren Arbeitern weitgehende Rechte einzuräumen und existenzsichernde Löhnen zu zahlen, fehlt ihnen häufig das Geld dazu. Auch daran tragen Supermarktketten die Hauptschuld. Die Oxfam-Untersuchung zeigt, dass sich die Profite verschoben haben: Während vor gut 15 Jahren noch fast elf Prozent vom Endverkaufspreis an die Kleinbauern ging, waren es 2015 nur noch gut sieben Prozent.

"In einer globalisierten Welt ist auch die Verantwortung globalisiert"

Die Lebensmittelhändler dagegen steigerten ihren Anteil von gut 42 Prozent auf mehr als 51 Prozent. Zwar gilt dieser Befund nur für bestimmte Produkte wie Bananen, Kaffee, Bohnen oder Trauben - die Größenordnung soll aber in etwa auf das gesamte Sortiment zutreffen. Die Entwicklung zeigt zudem noch etwas anderes: Die Arbeiter am einen Ende der Produktionskette könnten problemlos existenzsichernde Löhne bekommen, wenn die Lebensmittelhändler am anderen Ende nur minimal mehr zahlten - bei Bananen aus Ecuador beispielsweise wären es gerade einmal zwei Cent mehr pro Kilo.

Bananenplantage in Ecuador

Bananenplantage in Ecuador

Foto: M. Haegele/ Oxfam

Ob das Geld dann auch wirklich bei den Arbeitern ankäme, ist allerdings fraglich. Aktivistin Solomon hält es zumindest für möglich, sicher sei es aber nicht. Auch Oxfam-Expertin Humbert sagt, dass es ebenso auf Exporteure und Produzenten ankomme, die dann ihren Arbeitern höhere Löhne zahlen müssten. Entscheidend sei aber, dass Supermarktketten mit der Zahlung höherer Preise dafür die Voraussetzung schaffen und beginnen, Verantwortung zu übernehmen. Die neue Rangliste soll dazu beitragen: Oxfam will sie jährlich aktualisieren, damit die Händler einen Anreiz haben, sich zu verbessern.

Solomon sieht es so: "In einer globalisierten Welt mit globalisierten Lieferketten", sagt sie, "sind auch Moral und Verantwortung globalisiert." Die Einkäufer von Aldi, Lidl und Co. sollten bei den nächsten Preisverhandlungen also auch an die Arbeiterinnen denken, die auf den Plantagen jene Produkte ernten, die hier verkauft werden.

Video: Wie billige Bananen produziert werden

NDR
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