69 Cent Das steckt hinter dem Aldi-Kampfpreis für Milch

Aldi senkt den Preis für Milch deutlich. Droht den Landwirten jetzt wieder ein ruinöser Preiskampf? Und was können Verbraucher erwarten?
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Mit einem Billigpreis für Trinkmilch will Aldi kostenbewusste Verbraucher in seine Filialen locken. Für einen Liter Vollmilch in der untersten Preiskategorie zahlen Kunden fortan nur noch 69 Cent, statt bisher 78 Cent. Der Preis für den Liter fettarme Milch der Eigenmarke geht von 68 auf 61 Cent zurück. Andere Händler zogen umgehend nach.

Die Preissenkung kommt nicht zufällig. Alle sechs Monate verhandeln Molkereien und Handelskonzerne die Lieferkonditionen für Trinkmilch. Der 1. Mai war der Stichtag. Aus Sicht des Handels kamen die Verhandlungen zu einem günstigen Zeitpunkt. Denn derzeit ist eine große Milchmenge auf dem Weltmarkt vorhanden. Kühe haben nicht das ganze Jahr hindurch die exakt gleiche Milchleistung. So spielen etwa Futterqualität, Wetter und Jahreszeit eine Rolle. Im Frühjahr gibt es weltweit die höchste Milchmenge.

Bei manchen Bauern dürften angesichts der großen Preissenkungen Erinnerungen an die jüngste Milchpreiskrise 2016 wach werden. Damals bekamen die Bauern teils nur noch gut 27 Cent für einen Liter Milch. Derzeit sind es noch mehr als 30 Cent pro Liter.

Experten sehen keinen Grund zur Panik

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"Es ist zu viel Milchmenge in dem Bereich da, und die Molkereien haben sich bei den Verhandlungen mit dem Handel wieder gegenseitig unterboten", sagte der Sprecher des Deutschen Milchviehverbands, Hans Foldenauer. "In der Summe sind es wir Milchbauern, die dafür die Zeche zahlen."

Experten sehen derzeit allerdings noch keinen Grund zur Panik. Denn den Erzeugern dürfte eine Entwicklung zugutekommen. Während der Preis für Trinkmilch sinkt, erhöhte Aldi den Butterpreis deutlich. Der Preis für das 250-Gramm-Stück stieg um 20 Cent auf 1,79 Euro. Das bedeutet einen Aufschlag von rund 12,6 Prozent. (Lesen Sie hier, warum Butter so teuer ist.)

Laut Milchindustrieverband gibt es eine hohe Nachfrage nach Fett. So sei der Fettgehalt in der Rohmilch Anfang des Jahres niedriger gewesen, zugleich sei viel davon für die Herstellung von fetthaltigerem Käse benötigt worden. Die Käseproduktion war für Molkereien zuletzt deutlich lukrativer.

Der folgende Überblick zeigt, dass in Deutschland nur 15 Prozent der erzeugten Milch direkt zu Trinkmilch verarbeitet wird. Butter macht ebenso viel aus. Der weit größte Teil der Milch wird für Käseprodukte verarbeitet.

Das sei auch der Grund, warum sich die Preissenkungen für Trinkmilch nicht eins zu eins bei den Landwirten niederschlagen, sagt Henrike Burchardi vom Institut für Ernährungswirtschaft (Ife) in Kiel. So würden sich Molkereien bei der Produktion auch daran orientieren, was sich derzeit am besten verkaufen lasse.

Die aktuellen Preissenkungen treffen vor allem Molkereien und deren Lieferanten, die sich schwerpunktmäßig auf Trinkmilch konzentrieren, sagt Marktexperte Andreas Gorn von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI). Molkereien mit einem breiteren Portfolio könnten ausweichen.

Milch wird günstiger, Butter teurer

Hier dürfte der Branche die aktuell hohe Nachfrage nach Butter entgegenkommen. In einer gewissen Konstellation könnten die höheren Butterpreise die geringeren Trinkmilchpreise sogar ausgleichen, sagt Gorn.

Die Experten vom Institut für Ernährungswirtschaft haben ausgerechnet, wie sich der Preis für einen Liter Trinkmilch zusammensetzt. Demnach kommen bei einem Packungspreis von 69 Cent (inklusive 4,8 Cent Mehrwertsteuer) bis zu 34 Cent beim Landwirt an. Ein großer Teil geht laut der Berechnung in Verpackungs- und Produktionskosten.

Zwar geben die Molkereien den Preisdruck des Handels an die Bauern weiter, doch es gebe auch Spielräume, sagt Ife-Expertin Burchardi. In ertragreichen Zeiten würden viele Molkereien Rücklagen anlegen. Dann könnten sie in schlechten Phasen den Lieferanten mehr zahlen, als es der aktuelle Marktpreis eigentlich hergibt.

Lobbyverbände wie der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) propagieren eine Art Nachfolgemodell der 2015 abgeschafften Milchquote. Europaweit sollen sich Landwirte zusammentun und ihre Produktion begrenzen, um die Preise stabil zu halten. In der Realität globalisierter Märkte dürfte das nicht funktionieren, sagt Burchardi. So hätten Berechnungen ergeben, dass europäische Bauern ihre Produktion massiv zurückfahren müssten, damit sich das bei den Preisen bemerkbar macht. Und von den dann höheren Preisen würden dann auch die internationalen Mitbewerber wieder profitieren. Tatsächlich haben also alle Bauern ein Interesse daran, selbst möglichst viel zu möglichst guten Preisen zu produzieren.

Aber wie stabilisieren sich die Preise wieder, wenn es keine Möglichkeit der Absprache gibt?

Wenn die Milchpreise besonders schlecht seien, dann müssten Betriebe aufgeben oder haben weniger Geld, um in gutes Futter und damit mehr Produktion zu investieren, sagt AMI-Experte Gorn. Das trage dann wiederum zu einer geringeren Milchmenge und dann wieder höheren Preisen bei.

Für die Bauern geht es also vor allem darum, in guten Zeiten einen Puffer anzulegen. Denn die Preisschwankungen auf dem Milchmarkt werden bleiben, sagen die Experten.

Gorn rechnet nicht mit einem totalen Milchpreisverfall. Er geht davon aus, dass sich die Preise zur Jahresmitte wieder stabilisieren. Und im November steht dann die nächste Verhandlungsrunde zwischen Handel und Molkereien an. Vielleicht sind dann wieder Preiserhöhungen an der Reihe.

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