Altersvorsorge Nichtstun kann so schön sein

Allen Alarmmeldungen von der Rentenfront zum Trotz: Die Deutschen verabschieden sich schleichend aus der privaten Altersvorsorge. Angesichts von Niedrigzinsen und Beratungs-Wirrwarr kann man es ihnen kaum verdenken.
Von Christian Kirchner
Rentner: Künftig immer weniger Geld auf der Bank

Rentner: Künftig immer weniger Geld auf der Bank

Foto: Stephan Scheuer/ picture alliance / dpa

Im Jahr 2013 fühlt man sich in Sachen Altersvorsorge ja immer blöd. Und zwar dann, wenn man nichts tut, weil ja jeder ahnt: Angesichts einer rapide alternden deutschen Bevölkerung wird die eigene gesetzliche Rente schmal ausfallen. Diese Ahnung sollte man ernst nehmen, denn derzeit speisen sich immerhin zwei Drittel des gesamten Alterseinkommens aus eben jener gesetzlichen Rente.

Aber man fühlt sich auch schlecht, wenn man etwas tut. Ist nicht überall zu lesen, wie unrentabel und unflexibel so viele Vorsorgeprodukte sind? Und wie schlecht die Qualität der Beratung? Kein Wunder, dass viele Menschen inzwischen lieber zum Zahnarzt gehen, als die eigenen Fonds und Versicherungen kritisch zu durchleuchten.

Nichtstun als Lösung - das ist populär, und zwar nicht nur aus Geldmangel. Denn auch im einkommensstärksten Fünftel der deutschen Bevölkerung betreiben laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2011 36 Prozent keinerlei private Altersvorsorge. Im einkommensschwächsten Fünftel der Bevölkerung sind es 65 Prozent.

Die Altersvorsorge stößt seit längerem an ihre Grenzen

Diese Zahlen sind mehr als eine von der Euro-Krisenangst geprägte Momentaufnahme. Die Verbreitung der privaten Altersvorsorge stößt trotz der ständigen Warnungen vor Rentenlücke und Altersarmut schon seit längerem an ihre Grenzen:

  • Zwar nutzen immerhin knapp 16 Millionen Deutsche oder knapp 40 Prozent der Förderberechtigten die Riester-Rente. Doch die bot nie eine Zusatzrente, sondern soll lediglich eine 2001 beschlossene Kürzung der gesetzlichen Rente ausgleichen. Und gut zehn Jahre nach Einführung sinkt mittlerweile sogar die Zahl der Riester-Verträge.
  • Trotz eines im Vergleich zur Riester-Rente noch weit größeren Kreises förderberechtigter Menschen gibt es derzeit lediglich magere 1,7 Millionen geförderte Basisrenten (Rürup-Rente).
  • Bei der betrieblichen Altersvorsorge klettert die Zahl der Verträge zwar leicht, aber weniger stark als die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.
  • Sowohl die Zahl der Policen als auch die Bruttobeiträge in der Lebensversicherung sind zuletzt leicht gesunken.
  • Die Zahl der Aktionäre sinkt seit zwölf Jahren. Lediglich jeder fünfzehnte Deutsche ist direkt Aktionär und jeder siebte indirekt, etwa über Investmentfonds.
  • Selbstgenutzte Immobilien gelten zwar als großer Gewinner der Schuldenkrise und der Niedrigzinsen. Dennoch ist die Eigentümerquote in Deutschland in den letzten zehn Jahren nur um vier Prozentpunkte auf im internationalen Vergleich noch immer magere 46 Prozent gestiegen.

Renditefreies Risiko statt risikofreier Rendite

Zwei Dinge haben die Spielregeln der Geldanlage in Deutschland seit Beginn der Finanzkrise 2007/2008 entscheidend verändert: Die schärfere Regulierung sowohl von Finanzdienstleistern selbst als auch ihrer Berater und, noch wichtiger, die Niedrigzinsen. Man muss es sich in seiner ganzen Radikalität vor Augen führen, was derzeit passiert: Die schärfere Regulierung - etwa durch Protokollpflichten - treibt die Kosten und damit auch die vom Endkunden zu entrichteten Gebühren in die Höhe. Sie beschränkt über verengte Anlagespielräume und strengere Kapitalvorschriften die Ertragsmöglichkeiten. Und all dies passiert vor dem Hintergrund eines Zinsniveaus, das nicht einmal die Teuerung auszugleichen vermag.

Was heißt dies nun für Anleger? Eine Folge der Niedrigzinsen ist, dass die Rolle der Gebühren nie bedeutender war als heute. Entsprechend wichtig ist es, sich selbst schlau zu machen, auf kostengünstige Produkte wie Indexfonds zu setzen und wirklich jeden Cent staatlicher Förderungen mitzunehmen.

Früher war das anders. Als es an den Kapitalmärkten mit Aktien nach Abzug der Teuerung rund sechs Prozent und mit Anleihen noch drei Prozent pro Jahr zu verdienen gab - und das teils steuerfrei -, konnten Anleger auch mit einem Dartpfeil Fonds oder Versicherungen wählen und damit selbst ohne staatliche Förderung eine ordentliche Vorsorge betreiben.

Heute sieht die Rechnung, grob vereinfacht - Näheres hier - wie folgt aus: Der Anleihemarkt ist für Investoren bereits nach Abzug von Teuerung und Abgeltungsteuer ein Ort, an dem es statt risikofreier Rendite nur noch renditefreies Risiko gibt.

Mit Konsumverzicht fürs Alter sorgen

Bei Aktien können Anleger bestenfalls noch mit einer realen Rendite von zwei Prozent pro Jahr nach Steuern rechnen. Wer vor diesem Hintergrund auch noch ein bis zwei Prozentpunkte pro Jahr seiner Bruttorendite über Provisionen und Gebühren an Berater, Finanzdienstleister und Versicherer abgeben muss, wird im Idealfall bei unveränderten Zinsen auf eine schwarze Null kommen.

So hat man zwar mit seinem Konsumverzicht etwas fürs Alter getan - aber das macht noch weniger Spaß als ein Zahnarztbesuch.