Altkleider Wie Fast Fashion den Secondhand-Markt zerstört

Deutschland ist Recyclingmeister - auch bei Textilien. Doch seit Billigmode den Altkleidermarkt flutet, droht vielen Sammlern das Aus. Ein neues Gesetz könnte ihnen den Rest geben.
Für den Export verpackte und gestapelte Altkleider auf einem Prospekt der Textil-Recycling GmbH: "Das wäre das Ende der kostenlosen Textil-Entsorgung - und der gemeinnützigen Altkleiderspende"

Für den Export verpackte und gestapelte Altkleider auf einem Prospekt der Textil-Recycling GmbH: "Das wäre das Ende der kostenlosen Textil-Entsorgung - und der gemeinnützigen Altkleiderspende"

Foto: SOEX Group / DPA

"Trend Kilopreis" steht an dem Kleiderständer mit Kinder-Sweatshirts, Jeans und Fleecejacken. Preisschilder sucht man an diesen Teilen von H&M, Zara oder C&A vergebens - denn Fast Fashion wird im Kiloshop vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Hamburg-Altona an der Kasse abgewogen und mit zwölf Euro pro Kilo billig verkauft. Hochwertigere Stücke – Markenjeans, Neuwertiges oder Abendkleider - hängen nebenan. Aber: "Wir kriegen immer mehr Billigware, die Qualität der gespendeten Ware nimmt deutlich ab", sagt eine Mitarbeiterin.

Das, was die Mitarbeiterin des DRK-Shops beobachtet, ist ein größer werdendes Problem für die Alttextilbranche: Die schlechtere Qualität der gespendeten oder günstig erworbenen Textilien macht den Handel mit Secondhand-Ware immer weniger profitabel. Leicht war das Geschäft im Alttextilmarkt zwar noch nie, doch jetzt treiben drei Faktoren viele Unternehmen in der Branche an den Rand des Ruins:

  • Immer mehr, immer schneller: Fast Fashion – billig produziert, kurz oder nie getragen, schnell aussortiert - überschwemmt den Secondhand-Markt. Die weltweite Produktion von Textilien hat sich zwischen 2000 und 2015 mehr als verdoppelt, während die Tragedauer rasant gesunken ist.

  • Immer mieser: Die Qualität der mit heißer Nadel genähten Kleidungsstücke sinkt drastisch.

  • Immer unsicherer: Gleichzeitig werden die außereuropäischen Absatzmärkte für Secondhand-Mode unsicherer.

Kiloerlös für Container-Spenden halbiert

Das alles drückt den Preis der Gebrauchtkleidung, nicht nur im DRK-Shop: Seit 2013 hat sich der durchschnittliche Kiloerlös für Container-Spenden etwa halbiert. Damit lohnt sich das Geschäft für viele der kommunalen, karitativen oder gewerblichen Sammler nicht mehr. Die ersten geben auf, während auch die übrigen Unternehmen kaum noch kostendeckend arbeiten - und ganze Hallen anmieten, um die Flut der Alttextilien irgendwo zwischenzulagern. Nach den Läden - deren Kollektionen teils im Wochenrhythmus wechseln - droht nun also auch der Altkleidermarkt an der Fast Fashion zu ersticken.

Jährlich werden in Deutschland etwa eine Million Tonnen Kleidung gespendet, wie aus den aktuellsten verfügbaren Zahlen des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung von 2015 hervorgeht. Damit werden 70 Prozent der Altkleider in Deutschland wiederverwertet - ein Rekord in Europa. Zum Vergleich: In Italien werden nur 11 Prozent der Altkleider recycelt oder weiterverkauft, auch Dänemark kommt nur auf 44 Prozent.

Nicht einmal gut genug für Putzlappen

So weit, so gut. Doch die Branche lebt nicht von der wachsenden Masse an Billigklamotten, sondern vom Weiterverkauf der tragbaren, möglichst hochwertigen Secondhand-Mode. Doch deren Anteil ist über die letzten fünf Jahre um rund fünf Prozent auf gut 50 Prozent der gesammelten Textilien gesunken. "Damit sind die Gewinnmargen für viele Betriebe so weit geschrumpft, dass sie nicht mehr kostendeckend arbeiten", sagt Thomas Ahlmann von FairWertung, dem Dachverband der karitativen Textilsammler. "Es sind viel mehr minderwertige Textilien aus billigem Polyester dabei, viele davon sind nicht mehr tragbar. Doch Lumpen unterstützen unsere soziale Arbeit nicht – im Gegenteil", sagt Ahlmann.

Was nicht als Secondhand-Ware weiterverkauft wird, wird geschreddert oder verbrannt: 20 bis 25 Prozent der Klamotten finden ein zweites Leben in minderwertigen Produkten wie Malervlies, weitere zehn Prozent als Putzlappen. Doch Billigmode lässt sich oft nicht einmal in Putzlappen umwandeln - und wird verbrannt. Das ist teuer: Während das "Downcycling" zu Malervlies bereits ein Zuschussgeschäft für die Betriebe ist, kostet das Verbrennen einer Tonne Kleidung derzeit bis zu 250 Euro.

Doch nicht nur Fast Fashion drückt den Preis. Auch der Müll in den Textilcontainern: Um ein Fünftel auf rund 15 Prozent ist der Anteil der "Fehlwürfe" - also kaputte Haushaltsgeräte, gebrauchte Öllappen oder nasse Badvorleger - in den Textilsammlungen in den letzten Jahren gestiegen.

Umbrüche in vielen Weltregionen erschweren das Geschäft

Manche Verwertungsunternehmen wie Texaid stehen besser da, weil sie eine überdurchschnittliche Secondhand-Quote erreichen: 65 Prozent tragbare Mode sortiert Texaid in seinem Werk im thüringischen Apolda aus täglich rund 350.000 Kleidungsstücken heraus. Knapp vier Fünftel dieser Kleidung verkauft Texaid nach Afrika, in den Nahen Osten, nach Osteuropa und Russland, ein gutes Fünftel in den eigenen Läden in Deutschland.

Doch auch Texaid hat das Problem, dass die weltweiten Absatzmärkte nicht mehr so stabil sind wie früher: "Derzeit befinden sich viele Regionen der Welt in Umbruchphasen, was sich auf die lokale Kaufkraft und die Wechselkurse auswirkt und in einigen afrikanischen Ländern zu Zollbeschränkungen geführt hat. All das beeinflusst den Absatz von Secondhand-Kleidung", sagt Texaid-Chef Thomas Böschen. Auch die chinesische Billigstware in Afrika macht der Secondhand-Branche zunehmend Konkurrenz.

Weitere 400.000 Tonnen Alttextilien pro Jahr?

Paradoxerweise könnte das kürzlich novellierte Kreislaufwirtschaftsgesetz die Situation noch schwieriger machen: Es schreibt vor, Textilien künftig getrennt zu sammeln, damit keine wertvollen Fasern mehr im Müll landen. Während das aus Umweltschutzgründen vernünftig klingt, könnte es der Branche den Rest geben: Weil die Kommunen den gesetzlichen Auftrag, flächendeckend Textilien zu einzusammeln, bis 2025 umsetzen müssen – und so voraussichtlich weitere 400.000 Tonnen Textilien pro Jahr auf den Markt kommen.

Doch wenn das Angebot steigt, die Nachfrage nach Altkleidern aber gleich bleibt, sinkt der Preis. Und genau das könnte die gewerblichen und karitativen Sammler in den Ruin treiben. Kleiderspenden zu wohltätigen Zwecken und als Finanzierungsquelle für Hilfsorganisationen wären dann praktisch nicht mehr möglich. Übrig blieben nur die kommunalen Sammler, die die Kosten der unrentablen Kleidersammlung absehbar auf die Steuerzahler abwälzen würden. "Das wäre das Ende der kostenlosen Textilentsorgung – und der gemeinnützigen Altkleiderspende", sagt Ahlmann.

Auch die Entsorgungsunternehmen sehen die Entwicklung kritisch: "Wir haben überhaupt keine Lösung für diese wachsenden Altkleiderberge", sagt Nicole Kösegi von der Boer Group, einem Recycling-Spezialisten, der auch im Textilmarkt aktiv ist. "Die Sortier- und Recyclingkapazitäten müssen dringend ausgebaut werden."

Faser-zu-Faser-Recycling gibt es bisher kaum

Und weder sei die Recycling-Technik ausreichend entwickelt – noch gebe es genug Nachfrage nach recycelten Fasern aus der Industrie, sagt Kösegi. Bislang wird weltweit weniger als ein Prozent der Textilien in neue Kleidung recycelt. Der Rest ist "Downcycling" – zu minderwertigem Malervlies und Putzlappen eben, die nach einmaligem Gebrauch dann meist verbrannt werden.

"Wir brauchen mehr Forschung im Bereich Textilrecycling, um brauchbare Fasern daraus zu gewinnen. Und öffentliche Förderung, damit bislang teure Recyclingfasern einen Markt bekommen", sagt Kösegi. Tatsächlich könnte aus einem Faser-zu-Faser-Recycling ein gigantisches Geschäft werden, wenn die globale Textilindustrie bis 2030 noch mal um etwa 60 Prozent zulegt, wie eine Studie der Global Fashion Agenda  prognostiziert. "Das sollten wir nicht den Asiaten überlassen", sagt auch Ahlmann von FairWertung.

Um ein Faser-zu-Faser-Recycling möglich zu machen, müssten die Textilproduzenten auch dafür verantwortlich gemacht werden: "Dann würden die schon beim Design die Recyclingfähigkeit mitdenken." Die Folge wäre weniger billiges Polyester-Mischgewebe, einfachere Auftrennbarkeit von gemeinsam verarbeiteten Materialien wie Leder, Knöpfen und Stoffen. Denn je sortenreiner das Recyclingergebnis, desto besser kann man die Materialien wiederverwenden. "Doch für all das braucht es politische Rahmenbedingungen", sagt Kösegi. "Der Konsument alleine kann das über die Nachfrage nicht regeln".

Die Textilindustrie wird zur zweitdreckigsten Industrie der Welt gezählt - gleich nach der Ölindustrie. Allein für die Herstellung einer Jeans werden rund 11.000 Liter Wasser benötigt. Wertvolle Ressourcen wie Erdöl, Holz, Baumwolle oder andere Naturfasern stecken in jedem Kleidungsstück. Bis zu dreihundert verschiedene Chemikalien werden zum Färben, Waschen und Ausrüsten von Textilien verwendet und verunreinigen in den überwiegend asiatischen Produktionsländern die Gewässer.

Wer seine alten Klamotten also in einen Altkleidercontainer wirft oder zu anderen Sammelstellen bringt, spart Ressourcen: Statt vernichtet zu werden, erhalten sie ein zweites Leben, vielleicht landen sie sogar bei Bedürftigen. Ein Kilo wiederverwendetes Textil spart 3,4 Kilo CO2-Emissionen gegenüber einem Neukauf.

Tatsächlich spenden die Deutschen mehr als 70 Prozent ihrer abgelegten Hosen, T-Shirts, Schuhe und Jacken, rund zwölf Kilo pro Kopf und Jahr. Das meiste landet in den Containern, aufgestellt und geleert von karitativen, gewerblichen oder kommunalen Betrieben. Ein kleinerer Teil wird direkt bei Kleiderkammern, in Läden wie H&M oder bei Haustürsammlungen abgegeben.