Amazon jagt Vermittler von Fake-Bewertungen Fünf Sterne für 25 Dollar

Millionen Kunden verlassen sich auf Amazon-Rezensionen. Doch wie vertrauenswürdig sind die? Der Konzern verklagt nun zwei internationale Agenturen, die Fake-Bewertungen verkaufen.
Amazon-Paket: Leere Kisten für Fake-Rezensionen

Amazon-Paket: Leere Kisten für Fake-Rezensionen

Foto: imago images/CHROMORANGE

Auf den ersten Blick kommt AppSally ziemlich gut an. Mit vier von fünf Sternen haben die knapp 11.000 Nutzerinnen und Nutzer das Unternehmen bislang bewertet. Viel Vertrauen sollte man in diese Zahlen allerdings nicht haben. Zu AppSallys Geschäft gehört es, gefälschte Bewertungen auf Internetplattformen wie Amazon, Ebay oder Etsy zu verkaufen.

Nun verklagt Amazon AppSally und Rebatest, einen weiteren Anbieter von Fake-Bewertungen. »Beide operieren international und stechen damit heraus, wie dreist sie dieses Geschäft betrieben«, sagt Dharmesh Mehta, Amazon-Vizepräsident für weltweites Kundenvertrauen, dem SPIEGEL. Der weltgrößte Onlinehändler reicht Klagen in den USA und Deutschland gegen die Anbieter ein. AppSally und Rebatest reagierten auf Anfragen des SPIEGEL nicht.

Normalerweise kaufen Händler dabei positive Bewertungen und verschicken ihre Produkte kostenlos an die Autoren, die AppSally oder Rebatest ihnen vermitteln. Zum einen dient das kostenlose Produkt als Bezahlung, zum anderen können die Händler so einen verifizierten Kauf vortäuschen, der auf Amazon besondere Glaubwürdigkeit hat. AppSally verschicke aber auch leere Pakete, um Käufe vorzutäuschen, sagt Mehta.

Auf der Plattform, hinter der ein neuseeländisches Unternehmen zu stecken scheint, gibt es jede denkbare Bewertung zu kaufen: Ab 25 Dollar gibt es verifizierte Bewertungen, schon für 20 Dollar markiert jemand eine Bewertung als hilfreich oder stellt eine Frage zum Produkt. Zusammen hätten AppSally und Rebatest mehr als 900.000 Fake-Tester, heißt es von Amazon.

Jagd auf Fake-Tester in Telegram-Gruppen

Amazon geht dagegen mit einer Kombination aus künstlicher Intelligenz und mehr als 10.000 Mitarbeitern vor, die Amazon-Foren nach Fake-Bewertungen durchkämmen. Arbeiten die Bewertungsvermittler beispielsweise mit bestimmten Sätzen, die ihre bezahlten Bewerter verwenden sollen, können Algorithmen diese mit der Zeit erkennen und Bewertungen, die solche Sätze enthalten, automatisch löschen.

Inzwischen durchforstet Amazon auch Facebook- oder Telegram-Gruppen, in denen sich Fake-Tester organisieren. 16.000 solcher Gruppen habe man den Betreibern der sozialen Netzwerke im vergangenen Jahr gemeldet, Gruppen mit insgesamt elf Millionen Mitgliedern seien in der Folge geschlossen worden.

Trotzdem gleicht die Jagd auf die Fake-Tester einem Katz-und-Maus-Spiel – und die Mäuse vermehren sich schnell: Im Jahr 2020 habe man 200 Millionen gefälschte Bewertungen gelöscht, bevor ein einziger Kunde sie gesehen habe, rühmte sich Amazon schon vergangenes Jahr. Eine aktuellere Zahl habe man noch nicht, sagt Mehta. Aber es seien mit Sicherheit noch mehr geworden.

Amazon spart sich durch seine Nutzerbewertungen eine Armee eigener Produkttester – dafür muss die Plattform nun das Problem der anonymen Fake-Rezensionen lösen. Deshalb setzt der Konzern auch auf Klagen: »Wir haben schon große Geldstrafen erwirkt. Es sind schon Leute dafür ins Gefängnis gegangen«, sagt Mehta. Ein Sieg im Gerichtssaal schrecke nicht nur ab, sondern verschaffe Amazon auch Informationen, wie die Bewertungshändler arbeiten.

In Deutschland fährt Amazon diese Strategie schon länger: Gegen den Bewertungsvermittler »AMZ Tigers« hat das Unternehmen bereits drei einstweilige Verfügungen und Bußgelder von insgesamt 95.000 Euro erwirkt, heißt es von einer mit den Verfahren vertrauten Person.

Hinter AMZ Tigers oder der inzwischen offline genommenen Seite testerjob.net steckte Norbert Weber. Der Gründer mehrerer Bewertungs-Handelsagenturen gab noch 2019 auf Digitalkonferenzen eindeutige Tipps an Amazon-Händler: »Wir verkaufen Bewertungen. So hart wie sich’s anhört. Ihr lasst euer Produkt umsonst bei denen, die schreiben ’ne Bewertung. Die Bewertung ist so, dass ihr damit zufrieden sein werdet«, sagt er. Und kurz darauf: »Ich sag’s mal ganz offen, wir sind hier ein Barcamp: dass da auch mal ein echter Test stattfindet, ist bei uns eher weniger so.«

Inzwischen ist die Website von AMZ Tigers längst vom Netz genommen, Weber gibt sich geläutert. Er wolle nichts mehr »mit dem Thema Amazon zu tun haben«, schrieb Weber dem SPIEGEL vor wenigen Monaten.

»Das zeigt, dass wir da Wirkungstreffer landen«, heißt es von Amazon.