Ampelkennzeichnung Anti-Fett-Allianz rebelliert gegen Lebensmittelbranche

Die Nahrungsmittelindustrie kämpft gegen strenge Kennzeichnungsregeln - und fast wähnten sich die Lobbyisten schon am Ziel. Aber sie haben den Widerstand unterschätzt: In einem Brief an deutsche EU-Abgeordnete, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, fordern Ärzte und Krankenkassen die sogenannte Lebensmittelampel.
Übergewichtige Kinder: Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten kostet zig Milliarden

Übergewichtige Kinder: Behandlung ernährungsbedingter Krankheiten kostet zig Milliarden

Foto: Stefan Puchner/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Es sind eindrucksvolle Zahlen, die der fünfseitige Brief auflistet: "In Deutschland sind zwei von drei Männern und jede zweite Frau übergewichtig und adipös (stark fettleibig, Anm. d. Red.). Hinzu kommen etwa 1,9 Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche, davon 800.000 adipös." Das Schreiben ist an alle deutschen EU-Abgeordneten gerichtet. Der Grund für die erschreckenden Zahlen wird gleich mitgeliefert: Männer, Frauen und Kinder nähmen einfach zu viel Fett zu sich. Dabei handle es sich "vor allem um in Lebensmitteln versteckte Fette, beispielsweise in Wurst, Fleisch, Käse, Backwaren oder Süßigkeiten".

Unterschrieben haben den Brief all jene, denen die Gesundheit der Deutschen am Herzen liegt: Der AOK-Bundesverband, der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, die Verbraucherzentralen - aber vor allem der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Bundesärztekammer, die deutsche Herzstiftung und diabetesDE, die Dachgesellschaft der deutschen Diabetesorganisationen.

Unmissverständlich fordern die Unterzeichner eine "verständliche und verbraucherfreundliche Nährwertkennzeichnung", die eine "Entscheidungshilfe" bei der Auswahl von Lebensmitteln darstellen soll. Die Angaben über den Anteil der enthaltenen Inhaltsstoffe sei außerdem mit einer "farblichen Untermalung, d.h. in Form einer 'Nährwertampel' zu verbinden", empfehlen die Experten. Man bitte die Parlamentarier deshalb, sich für eine solche Kennzeichnung einzusetzen. "Für den Fall, dass die Lebensmittelinformationsverordnung eine verbindliche Ampelkennzeichnung nicht EU-weit vorsehen wird, ist es aus unserer Sicht dringend notwendig, dass eine solche Kennzeichnung auf nationaler Ebene möglich ist", heißt es am Schluss des Briefes schließlich in aller Deutlichkeit.

Denn genau darum geht es: Mitte März wird das EU-Parlament über die Kennzeichnung von Lebensmitteln abstimmen - und bislang sah es so aus, als hätte sich die Lebensmittelindustrie mit ihren Wünschen voll und ganz durchgesetzt: Das von Verbraucherschützern, Ärzten und Krankenkassen geforderte farbliche Kennzeichnungssystem, das Lebensmittelinhalte wie Zucker, Salz und Fett mit den Farben rot (hoch), gelb (mittel) und grün (niedrig) angibt, sollte es nicht geben.

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Ampelkennzeichnung: Was wirklich in Lebensmitteln drin ist

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Stattdessen wurde dank gezielter Lobbyarbeit ein Verordnungsentwurf für die Nährwertkennzeichnung diskutiert, der die Ampel EU-weit sogar auf freiwilliger Basis untersagen würde - und das von der Industrie entwickelte GDA-System einführen würde. Der "Guideline daily amount" gibt den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen an - gilt aber als intransparent und irreführend.

Doch die Industrie hat sich wohl zu früh gefreut - und die anhaltende Kritik als lästigen Widerstand nerviger Verbraucherschützer unterschätzt.

Diese Überheblichkeit hat jetzt die Wut der Krankenkassen und Ärzte heraufbeschworen. "Es gab noch nicht mal im Ansatz die Bereitschaft der Industrie, sich mit uns über einen Kompromiss zu unterhalten", zeigt man sich bei einer großen deutschen Krankenkasse irritiert - und das, obwohl kein Experte den Zusammenhang zwischen falscher Ernährung, Übergewicht und bestimmten Krankheiten bestreitet.

Übergewicht und Adipositas seien in den zurückliegenden Jahren deutlich häufiger geworden. Beides seien wichtige, aber vermeidbare Risikofaktoren für chronische Krankheiten wie Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen, heißt es in dem Brief an die Parlamentarier. Und das ist teuer: "Die direkten Kosten für diabetische Patienten beliefen sich im Jahr 2001 auf 30,6 Milliarden Euro und damit auf 15 Prozent der nationalen Gesundheitsausgaben." Angesichts des vorhergesagten Anstiegs dieser Krankheiten um 50 Prozent bis 2030 sei "daher mit einer enormen Kostensteigerung zu rechnen". Insgesamt würden die Kosten, die durch ernährungsbedingte Krankheiten verursacht werden, für Deutschland auf rund 70 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.

Gesundheitsexperten fordern mehr Aufklärung

Genau deshalb fordern die Gesundheitsexperten jetzt mehr Aufklärung - und die muss so verständlich wie möglich sein: "Aus zahlreichen Studien wissen wir, dass bildungsferne und -arme Schichten von dieser Entwicklung ganz besonders betroffen sind", sagt Wolfram Hartmann, Präsident des Kinder- und Jugendärzteverbandes. "Deshalb müssen Lebensmittel so einfach deklariert sein, dass sowohl Analphabeten als auch Menschen mit niedrigem Bildungsniveau mit einem Blick erkennen können, ob bei den von ihnen bevorzugten Lebensmitteln gesundheitliche Risiken bestehen oder nicht."

Dass Großkonzerne wie Nestlé, Mars und Coca-Cola daran kein Interesse haben, ärgert ihn: "Im Gegensatz zu den Behauptungen der Nahrungsmittelindustrie, die offensichtlich ganz erheblichen Einfluss auf die politischen Entscheidungen in Europa hat, ist es nicht wegzudiskutieren, dass es Nahrungsmittel gibt, die aufgrund ihres hohen Zucker- und Fettanteils als regelmäßiger Bestandteil der Ernährung nicht empfehlenswert sind."

"Für eine bessere Gesundheitsvorsorge brauchen wir die Ampelkennzeichnung", sagt auch Mediziner Kai Kolpatzik von der AOK. "Jeder Verbraucher muss die Zusammensetzung von Produkten problemlos erkennen können - und das geht schnell und einfach mit der Ampelkennzeichnung. Das ist durch Studien belegt." Der Arzt wünscht sich deshalb, dass die Politik die Ampelkennzeichnung als Standard vorschreibt.

Klar ist: Der Druck auf die Parlamentarier wird steigen - denn das Unbehagen über die offensichtliche Einflussnahme der Lebensmittelindustrie hat inzwischen auch die Gesundheitsexperten anderer Länder erreicht. Noch diese Woche will deshalb der Verband der europäischen Sozialversicherer an das gesamte EU-Parlament schreiben - die Dachorganisation der gesetzlichen Krankenversicherungen wird sich in dem Brief ebenfalls für eine verbindliche Ampelkennzeichnung aussprechen.

Die Lebensmittelindustrie will nun retten, was zu retten ist: Der Bund für Lebensmittelkunde und Lebensmittelrecht, der Lobbyverband der Branche, hat inzwischen bei der AOK um einen Termin nachgefragt. BLL-Chef Matthias Horst höchstselbst will dabei erklären, warum die Ampelkennzeichnung aus seiner Sicht keinen Sinn macht. So, wie es aussieht, dürfte er aber auf wenig Verständnis stoßen.

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