Lebensmittelkennzeichnung Mars steigt aus Nährwertampel der Industrie aus

Die Lebensmittelkonzerne verweigern sich seit Jahren einer simplen Nährwertkennzeichnung in Form einer Ampel - und setzen auf ein eigenes Konzept. Mars ist jetzt überraschend ausgeschert.
Ampel-Kennzeichnung (Archiv)

Ampel-Kennzeichnung (Archiv)

Foto: DPA

Es ist eine unerwartete Kehrtwende: Seit Jahren bekämpfen die großen Lebensmittelkonzerne EU-Pläne für die Einführung einer sogenannten Nährwertampel. Damit sollen Verbraucher anhand der Ampelfarben Rot, Gelb und Grün auf den ersten Blick erkennen, wie viel Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren oder Salz das jeweilige Lebensmittel enthält. Der Industrie ist das offensichtlich zu viel Transparenz, sie setzt auf ein anderes Modell. Erst im vergangenen Jahr haben sich die Großkonzerne Nestlé, Mondelez, Unilever, Coca-Cola, Pepsi und Mars zusammengetan, um das eigene System voranzubringen.

Jetzt aber hat sich Mars, der viertgrößte Lebensmittelkonzern der Welt, aus dem gemeinsamen Projekt verabschiedet. Stattdessen spricht sich der US-Konzern für eine gesetzliche Regelung aus. Auf SPIEGEL-Anfrage schreibt Mars: "Wir brauchen eine europaweite Lösung, die allen Verbrauchern in der EU zugutekommt und die Unternehmen Aufwand und Kosten erspart."

Die Wendung überrascht deshalb, weil die Debatte seit Jahren köchelt und die Standpunkte verhärtet sind. Schon vor zehn Jahren wurde die europaweit einheitliche Kennzeichnungspflicht in Brüssel diskutiert, die Nährwertampel der britischen Lebensmittelbehörde FSA sollte das Vorbild sein. Dabei richtet sich die Ampelfarbe nach den Nährwertgehalten auf der Basis von 100 Gramm. So wird das Zuckerfeld rot, wenn ein Produkt mehr als 15 Prozent Zucker enthält, ähnlich ist es bei Fett oder Salz. Im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments scheiterte die Vorlage allerdings, was bis heute als einer der größten Lobbyerfolge der Lebensmittelindustrie gilt.

Eigene Ampel - fast ohne rot

Immerhin: Seit Ende 2016 gilt für alle verpackten Lebensmittel in der EU eine Pflicht zur Kennzeichnung für den Gehalt von Fett, gesättigten Fetten, Kohlenhydraten, Zucker, Eiweiß und Salz. Allerdings dürfen die Angaben im Kleingedruckten auf der Rückseite der Verpackung stehen.

Weil Verbraucherschützer, Krankenkassen oder Ärzteverbände aber immer wieder eine leicht verständliche, europaweit einheitliche Nährwertkennzeichnung fordern, haben die "Big Six" genannten Lebensmittelkonzerne Ende vergangenen Jahres vorauseilend ihre eigene Ampel vorgestellt. Der Name: "Evolved Nutrition Labelling" (ENL), also "weiterentwickelte Kennzeichnung für Lebensmittel".

Das Prinzip ist ähnlich, legt aber nicht einheitlich 100 Gramm zugrunde, sondern "Portionsgrößen" - mit ganz anderer Wirkung, wie die Organisation Foodwatch Anfang des Jahres in einem Vergleichstest zeigte . Demnach würde der Brotaufstrich Nutella keine rote Ampel bekommen, ebenso wenig die Tuc-Cracker von Mondelez oder die Cini-Mini-Frühstückscerealien von Nestlé. Mit der britischen Ampelkennzeichnung bekäme Nutella drei rote Ampeln, die Tuc-Cracker zwei und die Cini-Minis eine.

Industrie will ohne Mars weitermachen

Laut Mars genieße die eigene Lösung "derzeit nicht die Glaubwürdigkeit und den erforderlichen breiten Konsens, um daraus eine tragfähige Lösung zu machen". Deshalb habe sich der Konzern aus der Initiative zurückgezogen.

Foodwatch begrüßte die Entscheidung: "Glückwunsch, Mars ist zur Vernunft gekommen! Wir brauchen keine irreführende Industrie-Ampel, die Zuckerbomben gesünder darstellt als sie wirklich sind. Wir brauchen eine verbraucherfreundliche Ampelkennzeichnung, die EU-weit verbindlich ist und von unabhängigen Experten entwickelt wird", sagte Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen der Organisation.

Die auf "Big Five" geschrumpfte "ENL"-Gruppe will aber weitermachen, wie die Initiative mitteilte. Schließlich sei es immer das Ziel gewesen, "die Bedürfnisse der Verbraucher zu berücksichtigen, die eine leicht verständliche Nährwertkennzeichnung auf Basis einer realistischen Portionsgröße wünschen". Die Gruppe glaube "fest an die Kraft der gemeinsamen Aktion" und werde weiter mit allen Beteiligten gemeinsam an einer europäischen Lösung arbeiten. Ob Mars noch dazu zählt, ist allerdings unklar.