Hermann-Josef Tenhagen

Anleitung für Bankkunden So entgehen Sie Negativzinsen und Gebühren

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Schlechte Nachrichten für Kunden: Die Banken wollen Ihr Geld nicht mehr. Selbst die Direktbank ING verlangt künftig ab 50.000 Euro Negativzinsen. Was Sie nun tun können – und wie Sie sich sogar Geld zurückholen.
Logo der ING Bank

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Robin Van Lonkhuijsen / dpa/ANP

Nächster Tiefschlag für alle Zinssparer. Jetzt will die ING, die größte Direktbank in Deutschland, bei einem Kontostand über 50.000 Euro auch Verwahrentgelte. Für Neukunden und auch für Bestandskunden, die so viel Geld auf der hohen Kante haben. Wohin nun mit dem ganzen Geld? Und was ist aus der ING geworden?

Dahinter stecken im Kern zwei deutlich weiterreichende Fragen:

  1. Was machen ich als Sparerin bei Banken und Sparkassen mit meinem Geld in den kommenden Jahren, wenn ich es denn nicht unmittelbar brauche? Das Vergleichsportal Verivox hat gerade ausgerechnet, dass sich die Zahl der Banken, die solche Verwahrentgelte erheben, in den vergangenen sechs Monaten verdoppelt hat. Schon zuvor, also 2020, hatten Deutsche Bank, ING, DKB und auch N26 solche Verwahrentgelte für Neukunden eingeführt. Auch eine »Finanztip«-Umfrage unter namhaften Banken im Juni brachte vor allem eine Antwort: Negativzinsen?  Ja, gibt's bei uns.

  2. Was machen die Banken mit uns, wenn schon die vermeintlich effiziente ING anfängt, so etwas wie Verwahrentgelte bei allen großen Kunden zu erheben, statt ihr Geld einfach an Kreditkunden weiterzuverleihen, wie sich das für eine Bank gehört?

Besser Sparen mit TFI

Zu Punkt 1: Für Ihre Geldanlage gibt eine einfache Strategie, die auch schon in der jüngeren Vergangenheit vernünftig gewesen wären: TFI.

  • Die ersten 5000 Euro aufs Tagesgeld, damit Sie nie wieder in den Dispo brauchen. Das spart Ihnen die zehn Prozent Zinsen bei der Bank. Wenn Sie dann noch 0,2 Prozent Zinsen auf Ihr Tagesgeld bekommen wie bei der österreichischen Tochter der russischen Sberbank – umso besser.  Auf die österreichische Einlagensicherung können Sie sich verlassen. 

  • Sie haben schon mehr als diesen Notgroschen gespart? Irgendwas zwischen 5000 und 15.000 Euro können Sie auf einem Festgeldkonto für den geplanten Umbau des Badezimmers oder den nächsten Gebrauchtwagen parken. Die französische Credit Agricole bietet über ihre deutsche Tochter CACF aktuell gut 0,5 Prozent pro Jahr für zwei Jahre. 

  • Und den Rest – egal ob 3000, 30.000 Euro oder 100.000 Euro – teilen Sie nach Ihrer persönlichen Risikobereitschaft auf. Eine Portion davon, wie eben beschrieben, in Tagesgeld oder Festgeld ohne Strafzins. Die andere Portion, die Sie lange entbehren können, legen Sie in einem weltweiten Indexfonds an. Der investiert in mehr als tausend unterschiedliche Aktien, aber ganz langweilig ohne schnelle Zockerei. Gute Depots  dafür sind kostenlos, wie früher mal die Girokonten. Und manche Bank hat auch die Kosten für die entsprechenden Fondssparpläne auf 0 gesenkt.

TFI mit 10.000 oder 100.000 Euro

Bevor hier der Vorwurf kommt, wer hat denn schon 30.000 oder 50.000 Euro auf der hohen Kante? Die Frankfurter Banker der ING, ehemals immerhin eine Gewerkschaftsbank, haben in der Begründung für ihre Verwahrentgelt-Forderung geschrieben, dass allein bei ihnen rund 720.000 Kunden mehr als diese 50.000 Euro auf einem Konto haben. Die sollen zusätzlich zu allen Neukunden in einen neuen Vertrag gedrängt werden und dabei die Verwahrentgelte akzeptieren.

Kleiner Tipp: Wer bei der ING ein Girokonto und ein Extra-Konto (so heißt das Tagesgeldkonto dort) unterhält, kann dort vorerst noch jeweils 50.000 Euro ohne die Androhung von Verwahrentgelten anlegen. Also im Zweifel mit diesem kleinen Schachzug umverteilen.

Dass die Kunden mit den großen Tagesgeldkonten sich nicht nur bei der ING sammeln, hat sich schon im vergangenen Jahr gezeigt. Die Stadtsparkasse München berichtete diese Woche, dass Kunden im vergangenen Jahr rund 1,7 Milliarden Euro zu ihr verlagert hätten, um den Verwahrentgelten bei anderen Banken zu entgehen. Sie hatte bis dahin keine.

Die Einlagen der Kunden auf tagesfälligen Konten in Deutschland stiegen zuletzt auf gigantische 2500 Milliarden Euro. Und die Sparquote stieg 2020 auf fast 17 Prozent im Schnitt. Im ersten Quartal 2021  lag sie sogar bei 23,2 Prozent. Das ist doppelt so viel wie die Höchststände vor Corona. Die, die genug haben, konnten weder reisen noch zum Italiener oder in die teure Boutique gehen. Statistiken aus der Vergangenheit zeigen, dass vor allem Gutverdiener viel sparen.

Das Sparerinnen-Modell TFI mit Tagesgeld, Festgeld, Indexfonds geht mit insgesamt 10.000 Euro oder auch mit 100.000 Euro. Das Geld, das ich in drei Monaten zum Überleben brauche, gehört aufs Tagesgeldkonto. Das Geld für die nächste größere Anschaffung aufs Festgeldkonto. Und den Rest, den Sie vorläufig nicht brauchen, in den Indexfonds. Vorsichtigere Naturen nehmen einen kleineren Börsen-Anteil, offensivere greifen beherzter zu.

Natürlich können Sie auch ein paar Tausend Euro in ein Schließfach legen. Aber nur, wenn Sie das ohnehin haben. Sonst wäre es teurer als die Verwahrentgelte. Und vergessen Sie nicht, der Hausratversicherung Bescheid zu geben, dass Sie viel Bargeld horten.

Holen Sie Ihr Geld zurück

Kniffliger ist die Antwort auf die zweite Frage: Welche neue Bankenwelt kommt da auf uns zu? Keine Zinsen, kein Service, aber Gebühren, selbst wenn sie nicht legal sind? Meine Antwort ist, holen Sie Ihr Geld zurück! Gerade, wenn Sie nichts zu verschenken haben.

Nehmen wir wieder das Beispiel der ING. Die hat am Tag vor der Verkündung der Verwahrentgelte erklärt, dass sie bei ihren Kunden erst mal nicht weiter jene Gebühren erhebt, die laut einem kürzlich ergangenen BGH-Urteil nicht rechtmäßig sind.

Das ist das Mindeste. Viel spannender wäre gewesen zu erfahren, wie eine eigentlich effiziente Bank zwei Monate nach dem bahnbrechenden Urteil des Bundesgerichtshofs (Aktenzeichen XI ZR 26/20) die Rückzahlung der Gebühren auf den Weg  bringt.

Für die meisten Bankkunden im Land könnte nämlich die Kombination aus reinem Tisch bei den Gebühren (sie bekommen Geld zurück) und Verwahrentgelte bei hohen Summen auf Giro- und Tagesgeldkonten erst mal ein Geschäft sein. Sie können von ihrer Bank jeweils weit mehr Geld als Gebühren zurückverlangen, als sie in den kommenden Jahren an negativen Zinsen zu erwarten haben.

Die Rechtslage ist eindeutig: Diese Gebühren müssen zurückerstattet werden. »Das hat das Potenzial, richtig teuer zu werden«, sagt auch der Chef der Bankenaufsicht  bei der Bafin, Raimund Röseler. Von drei Milliarden Euro ist die Rede. Man könnte auch sagen, es wird lukrativ für Kunden.

Und es tröpfelt schon. Ich habe diese Woche Nachricht von ersten Volksbanken bekommen, die ihren Kunden Gebühren plus Zinsen klaglos zurückgezahlt haben. Und auch Entscheidungen von Ombudsleuten der Genossenschaftsbanken gesehen, die etwa der VR Bank Rhein-Mosel südlich von Bonn aufgetragen haben, diese Gebühren zurückzuzahlen, nachdem die Bank selbst bei dem Kunden noch gemauert hatte. Die Genossenschaftsbank weigert sich zwar, den Schlichterspruch anzuwenden. Die Kunden können bei der Bank aber jetzt auf deren Kosten ein Inkassobüro an den Start bringen.

Hier  finden Sie auch einen Musterbrief, um Ihr Geld per Einschreiben zurückzuholen. Erst wenn es mit dem Musterbrief nicht sofort klappt, sollten Sie die Ombudsleute der Bankenverbände einsetzen oder eben die Dienstleister, die für Sie das Inkasso bei der Bank betreiben.

Wann haben Sie zuletzt 250 Euro Zinsen kassiert?

Um Ihnen mal ein Beispiel für die Dimension zu geben: Wer 2012 ein Konto mit drei Euro Monatskosten und kostenloser Kreditkarte eröffnet hatte, seit 2016 aber nun sieben Euro im Monat zahlt plus 20 Euro pro Jahr für die Kreditkarte, muss eigentlich die ganze Zeit nur die drei Euro zahlen und kann tatsächlich rund 250 Euro zurückverlangen – plus Zinsen.

Vier Euro zu viel im Monat macht 48 Euro im Jahr, plus 20 Euro für die Kreditkarte. Die illegalen Gebühren vor 2018 sind leider verjährt. Trotzdem kommen so 204 Euro für die Jahre 2018 bis 2020 zusammen und noch mal 44 Euro Konto- und Kreditkartengebühren für 2021.

Um so viel Zinsen in einem Jahr einzunehmen, müssten Sie als Kunden schon 50.000 Euro bei einer französischen Bank wie CACF für zwei Jahre festlegen. Deren französische Einlagensicherung ist auch über die rechtlichen Regeln der EU hinaus sehr solide.

Solche Zinsen gibt es bei den heimischen Banken nirgends. Unsere kleine Umfrage ergab: Berliner Volksbank, Sparkasse Köln/Bonn, Stadtsparkasse München, Frankfurter Sparkasse und Haspa zahlen gar keine Zinsen auf Tagesgeldkonten, ING, DKB, Postbank und Apobank zwischen 0,001 und 0,01 Prozent. Also 50 Cent bis 5 Euro für 50.000 Euro Einlage. Falls Sie sich für den FC Bayern München erwärmen können, zahlt die Hypovereinsbank auf ihre Fan-Sparkarte  immerhin 0,03 Prozent bis 20.000 Euro!

Die Deutsche Bank, die Bremische Volksbank oder die Stadtsparkasse Köln/Bonn versuchen im Rahmen einer Zusammenarbeit mit den Vermittlern von Weltsparen oder Zinspilot das Geld Ihrer Kunden zu Banken mit höheren Zinsen in Schweden, Bulgarien oder im Baltikum zu verschieben.

Mit anderen Worten – für alle Bankkunden gilt künftig die Ga&TFI Strategie: Gebühren abwehren und Erspartes auf Tagesgeld, Festgeld und Indexfonds verteilen.

Die EZB ist nicht an allem schuld

Und noch ein Tipp: Sie sollten den Banken bei deren Lamento über die böse, böse Europäische Zentralbank (EZB) nicht glauben. So arm sind die Banken nicht dran.

Die Banken müssen bei der EZB immer schon Milliarden als Sicherheit für ihre Geschäfte hinterlegen, dafür bezahlen sie natürlich keine Negativzinsen. Außerdem gewährt die EZB ihren Banken einen Freibetrag, der sechsmal so hoch ist wie die Summe, die sie als Sicherheit hinterlegen müssen. Und auch dafür werden keine Strafzinsen  fällig. Die werden erst fällig, wenn Banken darüber hinaus Geld bei der EZB parken, weil sie einfach keine Idee mehr haben, an wen sie dieses Geld denn nun wohl verleihen können. Genau dieser Ideenlosigkeit wollte die EZB mit den Strafzinsen ja abhelfen.

Ärgerlich obendrein, dass schon 2018 und 2019 einige Banken an den Verwahrentgelten mehr verdient haben, als sie an Negativzinsen an die EZB zahlen mussten.  Und das war, bevor die EZB die Belastung noch mal gesenkt hat.

Deshalb sind die Klagen des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) gegen Verwahrentgelte bei einzelnen Banken auch politisch nur zu verständlich. Juristisch argumentiert der VZBV, bei jedem Tagesgeldkonto gebe der Kunde doch der Bank einen Kredit, dafür könne die Bank dann nun wirklich kein Geld verlangen. 

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