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23. Oktober 2014, 04:39 Uhr

"Anne Will"-Talk zum Streikchaos

Die Freiheit nehmen sie sich

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Verkehrte Welt bei "Anne Will": Lokführer beschwören die Freiheit, ein Airline-Lobbyist sorgt sich um die Solidarität. Und die Talkrunde zeigt, dass für die aktuellen Streiks auch die Politik verantwortlich ist.

Seinen Trumpf zückte Claus Weselsky schon nach wenigen Minuten. Da holte der Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL ein Grundgesetz aus der Tasche. Aus Artikel 9, Absatz 3 der deutschen Verfassung leitet sich das Recht auf Arbeitskämpfe "zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen" ab.

Doch geht es wirklich um Arbeitsbedingungen, wenn die GDL bei der Deutschen Bahn und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) bei der Lufthansa derzeit im steten Wechsel zu Streiks aufrufen? Werden nicht vielmehr überholte Privilegien auf dem Rücken der Kunden verteidigt? Kurz: Ist all das "Arbeitskampf oder Erpressung"?

Das sollte am Mittwochabend die Talkrunde von Anne Will klären. Dort trafen GDL-Chef Claus Weselsky und VC-Präsident Ilja Schulz auf den früheren Hamburger Bürgermeister und Arbeitskampfschlichter Klaus von Dohnanyi (SPD), den Ex-Fernsehmoderator und heutigen Luftfahrtlobbyisten Klaus-Peter Siegloch und die "Zeit"-Journalistin Kerstin Bund.

Das Erstarken von Spartengewerkschaften ist kein Zufall

Auch nach dieser Diskussion dürfte Weselsky kaum Liebesbriefe von Bahnkunden erhalten haben. Ihm flögen ja derzeit viele "Nettigkeiten um die Ohren", sagte der GDL-Chef. Das war eine freundliche Umschreibung der Tatsache, dass selbst Mitglieder der eigenen Gewerkschaft seinen Kurs scharf kritisieren. Warum Weselsky sich einer Schlichtung verweigert, konnte er ebenso wenig schlüssig beantworten wie die Frage, warum die Lokführergewerkschaft nun auch für anderes Zugpersonal verhandeln will. Weselsky versuche, "Leute zu vertreten, die er gar nicht zu vertreten hat", stellte Dohnanyi unter Applaus fest.

Doch der Buhmann Weselsky hatte auch starke Momente. Dabei wurde klar, dass das Erstarken von Spartengewerkschaften wie GDL und VC kein Zufall ist, sondern durch politische Entscheidung befördert wurde. Schließlich waren Bahn und Lufthansa einst Staatsbetriebe, die privatisiert wurden. Aus verbeamteten Lokführern mit sicherem Job, aber ohne Streikrecht wurden zunehmend normale Arbeitnehmer, die heute weniger als der Durchschnittsdeutsche verdienen. Nun müsse man eben in Kauf nehmen, "dass diese Tarifkräfte ihre Freiheit nutzen", sprich: streiken, so Weselsky.

Während sich also ein Gewerkschaftschef auf die Freiheit berief, sagte ausgerechnet Klaus-Peter Siegloch, sein Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) beobachte mit Sorge eine "Entsolidarisierung" unter den Arbeitnehmern. Das war dann doch etwas zu viel des Rollentausches. Schließlich dürfte den Airlines weniger die Solidarität fehlen als jene Zeiten, in denen es noch keine Spezialgewerkschaften mit besonders hohen Forderungen gab.

"Die Bahn fehlt mir überhaupt nicht"

Wie die Privilegien der Piloten zum wachsenden Wettbewerbsdruck in der Luftfahrtbranche passen, konnte Schulz allerdings nicht so recht begründen. Im Gegensatz zu Lokführern verdienen Piloten weit überdurchschnittlich und wollen auch weiterhin ohne Abstriche vorzeitig in den Ruhestand gehen können. Dabei argumentieren sie mit der besonderen Verantwortung, die Piloten für ihre Passagiere tragen.

Mit Bezug auf den Streik redeten beide Gewerkschafter die Rolle ihrer Branchen dann aber auffällig klein. "Der Verkehrssektor gehört nicht zur Grundversorgung", erklärte Schulz. Weselsky wies empört einen Vorstoß der Journalistin Bund zurück, wonach Lokführer Betreiber von "kritischer Infrastruktur" sind und ihre Streiks deshalb früher ankündigen sollten.

Tatsächlich zeigt der Blick in eine Liste des Bundesinnenministeriums: Schon heute werden Züge und Flugzeuge genauso zur kritischen Infrastruktur gezählt wie Kraftwerke oder Krankenhäuser. Dazu gehören aber auch Straßen, auf denen in Deutschland zunehmend Fernbusse unterwegs sind. Ein Filmbeitrag zeigte Busunternehmer, die sich angesichts des Streiks über enormen Zulauf freuen. Ein Passagier beteuerte, die Bahn fehle ihm überhaupt nicht. Auch das gehört eben zur größeren Freiheit: Die Kunden entdecken neue Optionen.

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