Arme Strom- und Gaskunden Anbieterwechsel? Leider nicht möglich

Die meisten Stromkonzerne erhöhen zum 1. Januar ihre Preise, auch Gas ist teuer. Verbraucherschützer und sogar das Bundeskartellamt fordern zum Anbieterwechsel auf. Das Problem: Wer wirklich arm ist und einen Schufa-Eintrag hat, wird von den Billiganbietern oft gar nicht beliefert.
Stromzähler in Dresden: Wechsel unmöglich

Stromzähler in Dresden: Wechsel unmöglich

Foto: dapd

Hamburg - Ursula H. ist ratlos: Zum 1. Januar 2013 hat ihr Gasversorger die Preise erhöht. Dann muss die 72-Jährige jeden Monat 144 Euro zahlen, damit ihre Zweizimmerwohnung warm wird. Auch der Strom wird teurer, statt 35 zahlt sie künftig 61 Euro. H. hat wenig Geld und würde deshalb gerne zu einem billigeren Energieversorger wechseln. Aber keiner nimmt sie.

Das Problem von Ursula H. ist ihr Eintrag bei der Schufa. Sie musste Privatinsolvenz anmelden, jetzt lebt sie von 770 Euro Rente und Grundsicherung vom Sozialamt. Davon kann sie die 260 Euro Miete für ihre Zweizimmerwohnung in Markkleeberg zahlen, auch für Telefon und Medikamente reicht es noch. Wenn sie nun aber noch mehr als 200 Euro monatlich für Licht und Heizung zahlen muss, wird es finanziell eng.

Dabei hat H. alles versucht: Sie hat ihrem aktuellen Gasanbieter geschrieben, einen Antrag bei einem neuen gestellt, das sächsische Sozialministerium eingeschaltet - und trotzdem keinen Erfolg gehabt.

Der Gasanbieter eprimo, der mit dem Slogan "mehr Kunde, weniger Kosten" wirbt, lehnte H. mit der Begründung ab, dass "zu ihrer Person bei Schufa Holding AG ein nicht ausreichender Bonitätswert" vorliege. Immerhin verspricht der Energiediscounter, ein neues attraktives Angebot zu machen, "wenn sich Ihre Situation geklärt hat". Angehängt ist ein Auszug aus den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) des Unternehmens, nach denen eprimo berechtigt ist, eine Bonitätsauskunft über den Kunden einzuholen. So machen es alle Energieversorger, schließlich wollen sie keine Kunden, die ihre Rechnungen mehrfach nicht bezahlt haben.

"Wir halten die hohen Stromkosten für Geringverdiener für ein Problem"

Einen Eintrag bei der Schufa bekommt jeder, der es mehrfach versäumt hat, eine Rechnung oder eine Kreditrate zu zahlen - egal ob er Millionär ist oder Hartz-IV-Empfänger. Allerdings sind es in der Regel Menschen mit geringem Einkommen und ohne Vermögen, die einen schlechten Bonitätswert bekommen - und üblicherweise einen besonders hohen Anteil ihres Einkommens für Strom und Gas ausgeben. Genau diese Klientel hat aber kaum eine Chance, ihre Energiekosten durch den Wechsel zu einem günstigeren Anbieter zu senken.

Stattdessen landen sie im Grundversorgungstarif des örtlichen Anbieters. Der ist verpflichtet, jeden aufzunehmen - in der Regel aber deutlich teurer als die zahlreichen Discountangebote. H. beispielsweise würde laut Verbraucherportal Verivox bei einem anderen Stromanbieter rund 200 Euro im Jahr sparen. Rechnet man den üblichen Neukundenbonus ein, wären es sogar mehr als 280 Euro. Der Wechsel des Gasanbieters würde ihr sogar zwischen 300 und 430 Euro pro Jahr bringen - wenn er denn möglich wäre.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hält Sozialtarife für einkommensschwache Haushalte allerdings für unnötig. Bezieher von Transferleistungen wie Hartz IV bekämen die Heizkosten ja sowieso erstattet - dann zahlen die Steuerzahler die hohen Gasrechnungen. Anders ist es beim Strom, den zahlen auch Hartz-IV-Empfänger aus ihrem knappen Budget selbst.

Die Opposition hat das Thema dankbar aufgegriffen. "Wir halten die hohen Stromkosten für Geringverdiener für ein Problem", sagt der SPD-Fraktionsvize Ulrich Kelber SPIEGEL ONLINE. Die Sozialdemokraten wollen die Stromanbieter dazu verpflichten, einen sogenannten Niedrigverbrauchertarif anzubieten.

Die Kosten darin dürften pro Kilowattstunde nicht höher sein als beim günstigsten Tarif des Anbieters. Allerdings soll das Billigangebot nur für eine begrenzte Strommenge gelten, um die Verbraucher zum Stromsparen zu animieren. Laut Kelber könnte der Staat innerhalb dieses Tarifs sogar auf die Stromsteuer verzichten.

Bis es so weit kommen könnte, müsste die SPD aber erst einmal die Bundestagswahl im kommenden Jahr gewinnen. Ursula H. wird in der Zwischenzeit weiter zahlen müssen. Der Energieberater, den sie beauftragt hat, stellte fest, dass ihr Kühlschrank ein echter Stromfresser ist. Für einen neuen fehlt der 72-Jährigen allerdings das Geld.

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