Atomangst wegen belgischer Reaktoren Zehntausende in Aachen mit Jodtabletten versorgt

Weil Experten an der Sicherheit belgischer Atomkraftwerke zweifeln, verteilen die Behörden in Aachen Jodtabletten. Seit Ende August sind so bereits hunderttausend Menschen in der Grenzregion versorgt worden.
Atomkraftwerk in Tihange

Atomkraftwerk in Tihange

Foto: Oliver Berg/ dpa

Zwischen dem umstrittenen Atomkraftwerk Tihange in Belgien und Aachen liegen nur rund 70 Kilometer. In der Grenzregion gibt es Angst von einem Unfall in dem anfälligen Atomkraftwerk, und seit Ende August verteilen die Behörden dort Jodtabletten für den Ernstfall - und die Nachfrage ist groß. Bis jetzt sind einer Umfrage der Presseagentur dpa zufolge 40.000 Anträge für jeweils einen Haushalt eingegangen, der auch mehrere Personen umfassen kann.

Damit liegt die Zahl derer, die über die Aktion mit Jodtabletten versorgt worden sind, schätzungsweise bei rund hunderttausend. Anspruch haben etwa 600.000 Menschen - alle Menschen bis zu 45 Jahren, Schwangere und Stillende. Mit Jodtabletten soll Schilddrüsenkrebs vorgebeugt werden, indem verhindert wird, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt.

In anderen Gegenden des Bundesgebiets werden die Tabletten zentral gelagert - und nur im Bedarfsfall ausgegeben. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass die Tabletten zu früh eingenommen werden und nicht wirken.

Allerdings dürfte die Zahl der Menschen, die in der Region Aachen bereits Jodtabletten gelagert haben, noch größer sein als die rund hunderttausend, die durch die aktuelle Aktion umfasst sind. Viele verunsicherte Bürger hätten sich schon vor der Aktion der Behörden Jodtabletten rezeptfrei in den Apotheken gekauft, sagte der Leiter der regionalen Koordinierungsgruppe, Markus Kremer. Darum sei es absehbar gewesen, dass ein Teil der Bevölkerung von dem Angebot nicht mehr Gebrauch machen würde. Er ging davon aus, dass in den letzten Wochen bis zum 30. November noch mehr Personen die kostenlose und unbürokratische Möglichkeit nutzen werden.

"Wenn sich so viele Menschen Sorgen machen und sofort losgehen und sich Jodtabletten holen, dann ist das schon ein alarmierendes Signal", sagte der Sprecher der Städteregion, Detlef Funken.

Wegen der Nähe zum Kraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung schon jetzt mit den Tabletten zu versorgen. Politik und Verwaltung bezweifeln, dass dies im Ernstfall rechtzeitig gelingen kann. Die hoch dosierten Jodtabletten sollen verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt.

Ende 2015 hatten die Aachener Behörden zudem bereits eine atomare Verseuchung in einer Notfallübung durchgespielt . Dennoch betonen die Behörden in einer Broschüre , die Ausgabe der Tabletten sei "eine reine Vorsichtsmaßnahme".

In der Region Aachen ausgegebene Jodtabletten

In der Region Aachen ausgegebene Jodtabletten

Foto: Rainer Jensen/ dpa

Die Sicherheit des Atomkraftwerks Tihange ist wegen Tausender Mikrorisse an Meiler 2 unter Experten umstritten. Die Bundesregierung hatte vergeblich eine vorübergehende Abschaltung bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen gefordert.