Schließungen von Bäckereien und Metzgereien "Das soziale Miteinander ist in Gefahr"

Der Städte- und Gemeindebund fordert innovative Konzepte von den Kommunen für die Ortsmitte. Die sinkende Zahl von Handwerksbetrieben wie Bäckereien und Fleischereien werde sich sonst auf die Lebensqualität auswirken.

Verfallene Bäckerei in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt
DPA

Verfallene Bäckerei in Dessau-Roßlau, Sachsen-Anhalt


Angesichts der massiven Schließungen von Bäckereien und Metzgereien warnt der Deutsche Städte- und Gemeindebund vor den Folgen. Die Kommunen müssten sich gegen das Ausbluten von Innenstädten und Ortskernen stemmen, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Auch das soziale Miteinander in den Kommunen, wo sich die Menschen beim Bäcker um die Ecke treffen, ist in Gefahr."

Wer heute hier investiere, werde morgen "erfolgreich sein und eine lebenswerte Innenstadt erhalten können", sagte Landsberg. Städte und Gemeinden müssten gemeinsam mit dem örtlichen Handwerk und den Bürgern innovative Konzepte entwickeln.

Wie aus Zahlen des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks hervorgeht, haben in den vergangenen zehn Jahren unter dem Strich je etwa 30 Prozent der Bäcker und Metzger in Deutschland dichtgemacht.

Waren im Jahr 2008 bundesweit rund 15.300 Bäckereien in der Handwerksrolle eingetragen, dem Verzeichnis der deutschen Handwerksbetriebe, waren es Ende 2018 noch knapp 11.000. Die Zahl der Fleischereibetriebe verringerte sich im selben Zeitraum von 18.300 auf rund 12.900.

"Weniger Individualität in ihren Produkten"

Handwerksvertreter machen die zunehmende Bürokratie, die Konkurrenz von Discountern und Supermärkten sowie den Fachkräftemangel und das gesunkene Interesse von Schulabgängern an einer Lehre für den Rückgang verantwortlich.

Der Städte- und Gemeindebund sieht hier auch die Standortpolitik der Kommunen in der Verantwortung. Es müsse die Dominanz von Lebensmittelketten verhindert werden, die "weniger Individualität in ihren Produkten" anböten, sagte Landsberg. Viele Menschen würden erwarten, dass noch handwerklich gefertigte Brötchen oder Brot angeboten würden und seien bei richtiger Vermarktung auch bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen.

Im Video: 7 Tage…... Unter Schlachtern

mmq/AFP



insgesamt 218 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chrismuc2011 24.04.2019
1.
Es liegt doch auch am Verbraucher, dass die kleinen Bäckereien und Fleischereien zumachen. Der Bürger kauft das Brot bei Discountern oder Ketten billigst ein, ebenso Fleisch. Beides wird in hoher Taktung in großen Fabriken industriell hergestellt, verarbeitet und verpackt. Wie soll da ein kleiner Bäcker mithalten. Zumal der Kunde erwartet, dass das komplette Warenangebot von 7:00 bis 20:00h, vermeindlich frisch, zur Verfügung steht. Bei den Fleischereien sieht es noch düsterer aus. Dort kommen noch hohe Auflagen hinzu, was die Einrichtung, Verarbeitung und Lagerung betrifft. Da muss letztendlich der kleine Metzger den gleichen Aufwand betreiben, den ein großstädtischer Schlachthof hat. Das ist nicht finanzierbar. Würde der Kunde ein Brötchen für 50-70 cent und einen Laib Brot für 3-4 Euro akzeptieren, könnten die Bäcker überleben, und auch den Lehrlingen und Gesellen attraktivere Löhne bezahlen. Sinngemäß gilt das Gleiche für Metzgereien.
RalfBukowski 24.04.2019
2. Der Markt regelt sowas
"Viele Menschen würden erwarten, dass noch handwerklich gefertigte Brötchen oder Brot angeboten würden und seien bei richtiger Vermarktung auch bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen." Das halte ich schlicht für falsch. Es sind ein paar, aber nicht viele. Die meisten Leute wollen eben billigbillig. Sonst würden die Backshops in Tankstellen und Supermärkten nicht so erfolgreich sein. Und beim Schlachter sieht das genauso aus.
icke_hier 24.04.2019
3. Unfug!
Was will irgendwer gegen den Verfall von Handwerk und Zunft ernsthaft unternehmen? Wenn man das nachhaltig erreichen wollen würde, müsste man ALLES ändern bzw. rückwärts drehen. Man müsste den gesellschaftlichen 'Konsens', dass heutzutage nur wer studiert ist berufliche Chancen hat ändern, man müsste sich von Digitalisierung und der Dienstleistungsgesellschaft (Hände weg von KI eingeschlossen) entfernen und hin zu produktiver Arbeit - insbesondere als Wertverkörperung - zurückgehen, man müsste diesen lächerlichen Urbanisierungszuzug und damit die perverse Verteuerung (inner)städtischen Lebens unterbinden, man müsste die Billig-ist-geil-Mentalität aus den Köpfen bringen und gleichzeitig realistische Löhne zahlen .... Freunden Sie sich lieber damit an, dass Sie Industriebrötchen und billiges Hormonfleisch jeden 2. Tag auf Ihrem Grill mit Freunden genießen dürfen. Anders ausgedrückt: Sie hinterlassen ja heute auch keine Nachricht an einer Häuserwand, wenn Sie jemanden etwas mitteilen wollen, sondern schreiben eine E-Mail. Sie gehen ja auch nicht mehr in den Wald Holz sammeln, wenn Sie es zu Hause warm haben wollen, sondern fummeln womöglich auf einer App herum, damit Sie es in Ihrer Butze genau um 19:32 Uhr exakt 21,6 Grad haben. Also, was soll das Herumgeheule, dass man etwas gegen 'modern times' tun müsste?
paulus_pax 24.04.2019
4. Bewusstes Dumping macht die Kleinen kaputt
Ganz einfach: Der Laden von der Kette bietet so lange Niedrigpreise, bis der kleine Bäcker um die Ecke nicht mehr kann und aufgibt. Danach werden die Preise heraufgesetzt. Dann kommt das nächste Opfer an die Reihe, denn niemand macht etwas gegen diese Krakenarme und der Konsument schaut in der Mehrzahl nicht so weit...
hohnspiegel 24.04.2019
5. Initiative kommt zu spät
Dieses Ausbluten von Innenstädten und Stadtteilen ist doch schon viele Jahre im Gange, an allen Ecken schiessen Discounter hoch die auch Frischfleisch und Backwaren, mittlerweile in der Filiale fertig gebacken anbieten. In unserem Stadtteil hat letztes Jahr der letzte Bäcker zu gemacht, eine Metzgerei hält sich noch. Mitverantwortlich ist auch die Lage, denn die meisten fahren mit dem Auto zum einkaufen und in der Ortslage gibt es meist nur beim Discounter Parkplätze , dann kauft man dort und fährt nicht mehr extra zum Bäcker oder Metzger und muss oft einen Parkplatz suchen. Dazu kommt dass vielfach Metzgeroder Bäcker ihr einsames Dasein in einer Lage fristen wo es keine weiteren Geschäfte mehr gibt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.