Streik der Lokführer Steht die Bahn, rollt der Bus

"Die können gerne auch 180 Stunden streiken": Im Tarifstreit von Bahn und Lokführern steht ein Gewinner fest - die Fernbus-Branche. Die Unternehmen rechnen mit exorbitantem Kundenwachstum.
Reisende am Zentralen Omnibusbahnhof in Hamburg: Die Fernbus-Branche profitiert vom Bahn-Streik

Reisende am Zentralen Omnibusbahnhof in Hamburg: Die Fernbus-Branche profitiert vom Bahn-Streik

Foto: Georg Wendt/ picture alliance / dpa

Hamburg - Der bisher längste Lokführer-Streik in der Geschichte dürfte in der Chefetage der Deutschen Bahn extremes Kopfzerbrechen verursachen: Dem Staatskonzern entgeht nicht nur viel Geld, weil er tagelang kaum noch Passagiere und Fracht transportieren kann.

Zudem dürfte der Mega-Ausstand der ohnehin boomenden Konkurrenz noch exorbitantere Wachstumsraten bescheren. Die Fernbus-Branche stellt sich einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE zufolge für die kommenden Tage bereits auf einen Ansturm von Bahn-Kunden ein. Insbesondere die Marktführer rechnen für das kommende Wochenende mit bis zu viermal so vielen Fahrgästen wie gewöhnlich.

Dabei greifen die Unternehmen auf ihre Erfahrungen aus dem bislang jüngsten Bahnstreik-Wochenende zurück. Vom 17. bis 19. Oktober erzielte Flixbus etwa einen dreifach so hohen Umsatz wie am Wochenende zuvor, teilt Sprecherin Bettina Engert mit. Bei Deinbus.de heißt es: "Wir hatten signifikant mehr Nachfrage." Bei BerlinLinienBus stiegen die Zuwächse um 15 Prozent.

Nach Streik-Bekanntgabe: Personal wurde bereits vorgewarnt

Die Konkurrenz von Meinfernbus.de konstatierte damals dreimal höhere Passagierzahlen. Für dieses Wochenende rechnet das Unternehmen sogar mit viermal mehr Passagieren. Allein in der ersten halben Stunde nach der Bekanntgabe des Streiks hätten sich die Zugriffe auf die Webseite verfünffacht, teilt das Unternehmen nun auf Anfrage mit. Auch der ADAC-Postbus verbucht einen starken Kundenandrang. Für das nun anstehende Streikwochenende erwartete ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa zufolge einen Anstieg der Buchungen von 50 Prozent.

Das Umsatzwachstum fällt in der Regel sogar noch größer aus als das der Passagierzahlen. Denn: "Die Preise für einzelne Tickets richten sich nach Auslastung der Busse", sagt Meinfernbus.de-Sprecher Jörn Roßberg. Sind die Busse also so voll wie voraussichtlich in den kommenden Tagen, wird es kaum noch vergünstigte Fahrkarten geben.

Unisono geben sich die Unternehmen zuversichtlich, des erwarteten Ansturms Herr zu werden. "Unsertwegen können die Lokführer auch 180 Stunden streiken", sagt Deinbus.de-Sprecher Christian Janisch in Bezug auf die Vorbereitungen der Branche. So habe man sowohl das eigene Personal als auch Hilfskräfte auf mögliche Sondereinsätze am Wochenende vorbereitet.

Beschleunigter Strukturwandel

Um die Kapazitäten zu erhöhen, setzen die Unternehmen zudem etwa Doppeldecker-Fahrzeuge ein oder lassen gleich mehrere Busse gleichzeitig abfahren. Dabei sind jene Firmen im Vorteil, die keine eigene Busflotte nebst Fahrern unterhalten, sondern mit einem Netz von Partner-Busunternehmen arbeiten.

Zusätzliche Abfahrtszeiten - die das Gedränge an den Busbahnhöfen entzerren würden - dürfen die Unternehmen allerdings nicht anbieten. "Wir müssen uns an den genehmigten Fahrplan halten", sagt Engert. Allerdings werde man insbesondere an erfahrungsgemäß unübersichtlichen Busbahnhöfen, etwa in Frankfurt, zusätzliches Personal an die Stationen schicken.

Die Auswirkung des Mega-Streiks dürften sich allerdings weit über die kommenden Tage hinaus erstrecken. Gut möglich, dass sich der Strukturwandel auf dem innerdeutschen Fernverkehrsmarkt noch beschleunigen wird. Bereits im ersten Halbjahr hatten die Fernbusse den Staatskonzern eigenen Angaben zufolge rund 50 Millionen Euro an Umsatz gekostet.

Nun treibt der Streik etliche Stamm-Bahnfahrgäste zum ersten Mal in Fernbusse. Bei vielen von ihnen dürfte es kaum bei diesem einen Mal bleiben.

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