Bausparkassen Wir geben Ihrer Zukunft kein Zuhause

30 Millionen Bausparverträge halten die Deutschen, mehr als drei Millionen wurden zuletzt jährlich abgeschlossen. Doch in Niedrigzinszeiten werden Kunden lästig - den Sparern geht es ans Leder.
Bausparvertrag: Kaum ein Finanzprodukt wird so gut verkauft

Bausparvertrag: Kaum ein Finanzprodukt wird so gut verkauft

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Kaum ein Finanzprodukt wird so gerne gekauft wie ein Bausparvertrag. Entweder um sich damit einen preiswerten Kredit für die Zukunft zu sichern oder um mit einer satten Prämie statt des Kredits einfach nur fürs Häuschen anzusparen.

Doch bei niedrigen Zinsen empfinden die Bausparkassen ihre sparenden Kunden offenbar mehr und mehr als Bedrohung. Erst haben im Winter mehr als ein Dutzend Bausparkassen Zehntausenden langjährigen Kunden gekündigt; jetzt geht es Bausparern mit neueren gut verzinsten Sparoptionen in ihren Verträgen ans Leder. Kunden, die man so einfach nicht kündigen kann.

Bausparkassen galten in der Öffentlichkeit lange als die Guten. 30 Millionen Bausparverträge  halten die Deutschen, mehr als drei Millionen wurden zuletzt jedes Jahr abgeschlossen. Die Bausparsumme beträgt mehr als 800 Milliarden Euro.

60 Prozent der Deutschen sahen vor der Kündigungswelle 2014 im Bausparen den ersten Schritt zur eigenen Immobilie, hat TNS Infratest vor einigen Monaten im Auftrag der Landesbausparkassen  herausgefunden. Das Argument der Anbieter: In Zeiten hoher Zinsen böten sie Baufinanzierung für niedrigere Zinsen an und machten die Finanzierung für viele Häuslebauer erst möglich. (Dass die vorher lange gespart und den Säckel der Bausparkassen gefüllt haben, vergessen Kunden und Beobachter oft.)

Zurück in die Konfliktzone: Auf meinem Tisch liegt gerade ein sogenannter Vario-Vertrag der LBS West, der einem Kunden mit Prämie 2,5 Prozent Zinsen zusichert. Der Kunde war so glücklich mit dem Zins, dass er seit 2010 jeden Monat (nach Zustimmung der Bausparkasse) das Doppelte der Regelsparrate einzahlte - also mehr, als er laut Vertrag müsste. Frei nach dem Motto, wenn eine Zinswette zugunsten des Kunden ausgeht, ist das auch mal schön.

Doch jetzt widerruft die Bausparkasse ihre Einwilligung zur höheren Sparrate. Sie sagt dem Kunden, er dürfe monatlich nur noch maximal 40 Euro einzahlen, gern auch weniger, und er dürfe auch kündigen. Die Bausparkasse LBS West - mit 2,6 Millionen Verträgen eine der ganz großen - versucht, den Kunden loszuwerden.

Der Kunde wehrt sich, weist darauf hin, dass die LBS West vor Jahren ihre Zustimmung zur Mehrzahlung erteilt habe. Das sei aus seiner Sicht ein Vertrag. Er betont, dass einmal geschlossene Verträge in Deutschland gelten. Auch der Hinweis auf opulente Konzernzentralen und Vorstandsgehälter fehlt nicht. Es gebe noch genug "Einsparpotenzial" bei der LBS West, bevor diese sich Kunden spare.

Finanzgeschäfte basieren auf Vertrauen

Doch die LBS West kennt kein Erbarmen. Die "geschäftspolitische Entscheidung" gelte für alle Bausparverträge der Bauart Vario. Vario sieht in der Regel schöne Zinsprämien vor, wenn man den Kredit nicht nimmt. Rund 1,1 Millionen solcher Vario-Verträge hält die LBS West. Mehr sparen als regelmäßig vorgesehen ist nicht mehr erlaubt. "Ausnahmen" könnten nicht zugelassen werden, heißt es in dem Schreiben an den Kunden mit bemerkenswerter Härte. Konkret betroffen seien aktuell aber nur 1600 LBS-Kunden, so die Pressestelle des Konzerns. Und für Riester-Sparer mache man Ausnahmen. Tolle Ansage für den Kunden.

Rechtlich ist das wahrscheinlich nicht einmal zu beanstanden: Der Bausparvorstand gewährt eine höhere Sparrate, jetzt streicht er sie wieder. Aber es ist natürlich ein Geschäftsgebaren nach Gutsherrenart. Aus Kundensicht ist der Vorgang nur ein erneutes Indiz dafür, dass man bei Finanzdienstleistern auf Zusagen von Mitarbeitern und Flexibilitätslyrik pfeifen sollte. Am Ende darf man nur auf das vertrauen, was vertraglich fest zugesichert ist . Und dadurch zeigt sich, dass Vertrauensgeschäfte auch mit Bausparkassen immer schwerer werden.

Finanzgeschäfte sind aber nun einmal vor allem Vertrauensgeschäfte. Die Vertragsmathematik der Bausparkassen haben die Kunden früher wie heute nicht verstanden, sie hat sie auch nicht interessiert. Entscheidend ist für die Kunden nur, was hinten rauskommt. Ob also der (Vario-)Bausparvertrag, der auch als Sparvertrag angepriesen wurde, seine Aufgabe erfüllt.

Wenn am Ende immer öfter nur Schikanieren und Kündigen herauskommt, ist das System Bausparkasse bald am Ende. Von wegen, wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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