Überlastete Stromnetze Bei Sonnenschein wird die Solaranlage von Herrn Husemann abgeschaltet

An mehr als 90 Tagen wurde die Anlage eines Mittelständlers in diesem Jahr schon zwangsabgeregelt. Ein Einzelfall oder drohende Normalität? Netzbetreiber, Solarwirtschaft und Bundesnetzagentur sind sich uneins.
Solaranlage in Bayern: »Betrug an der Bevölkerung«

Solaranlage in Bayern: »Betrug an der Bevölkerung«

Foto:

McPHOTO/M. Gann / imago images/blickwinkel

Jens Husemann erlebt eine paradox erscheinende Situation. Sobald die Sonne scheint, wird seine Solaranlage im fränkischen Aurach vom Netzbetreiber ausgeschaltet. »Jeden Tag«, sagt der Mittelständler. Auf mehr als 90 Tage Zwangsabschaltungen kommt Husemann in diesem Jahr jetzt schon. Der produzierte Strom wird quasi weggeworfen, weil die Leitungen zum Weitertransport überlastet sind.

»Das ist Betrug an der Bevölkerung«, sagt Husemann angesichts der stark steigenden Strompreise und angesichts des eigentlich überall gewollten Ausbaus der Fotovoltaik. An sich könnte seine Anlage rund fünfzig Haushalte mit Strom versorgen. Wegen des immer wieder über viele Stunden erfolgenden Abschaltens – im Fachdeutsch »Abregelung« – geht der bei München lebende Husemann aber schon jetzt davon aus, dass seine Anlage bis zum Jahresende nicht mal die Hälfte der möglichen Kapazität ins Netz bringt.

Beim Netzbetreiber N-Ergie, der für Husemanns Anlage zuständig ist, räumen die Verantwortlichen das Problem offen ein. In verschiedenen Teilen des Netzgebiets habe es im vergangenen Jahr an insgesamt 257 Tagen Abregelungen gegeben, von denen insbesondere große Fotovoltaik-Freiflächenanlagen betroffen gewesen seien. »Die Anzahl der Eingriffe und die abgeregelten Energiemengen haben mit dem dynamischen Wachstum der erneuerbaren Energien in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen«, erklärt ein Unternehmenssprecher.

»Netzengpässe werden aller Voraussicht nach noch zunehmen«

Ursache dafür seien Netzengpässe, aber auch Maßnahmen wie der Ausbau und die Instandhaltung der Netze. Dass sich dies bessern wird, sieht das Unternehmen nicht. Wegen des fehlenden Tempos beim Ausbau der Stromnetze erwartet N-Ergie sogar das Gegenteil: »Netzengpässe werden deshalb in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach noch zunehmen.« Die Auflösung solcher Engpässe werde Jahre in Anspruch nehmen.

Aber handelt es sich hier um ein allgemeines Problem oder nur um ein regionales Phänomen? Darüber gehen die Ansichten auseinander.

Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft, sagt, dass die Abregelung zur Vermeidung von Netzüberlastungen eigentlich stärker die Windenergie betrifft. Bei der Solarenergie handele es sich eher um regional und zeitlich begrenzte Engpässe, laute die Rückmeldung der im Bundesverband organisierten Unternehmer. »Vereinzelt hören wir aber, dass vor allem in ländlichen Gegenden in Bayern häufiger abgeregelt wird.« Auch große Anlagen in Ostdeutschland seien teilweise von Abregelungen betroffen. Dabei hatte die Denkfabrik Agora Energiewende im vergangenen Jahr ausgerechnet : Um die Ziele des Pariser Abkommens einzuhalten, müsste sich sowohl der Zubau von Windkraft an Land als auch der Solarenergie bis 2030 verdreifachen.

Für die Zukunft mit dem geplanten beschleunigten Ausbau sowohl von Windkraft als auch von Fotovoltaik fürchtet die Solarwirtschaft ein wachsendes Problem. Je nach Beschaffenheit der Stromnetze und dem regionalen Ausbaustand könnten dann auch die Betreiber von Solaranlagen – insbesondere im ländlichen Raum – stärker von Abschaltungen betroffen sein, sagt Körnig. »Dies gilt insbesondere dann, wenn sich politische Maßnahmen zu lange hinziehen sollten, die darauf abzielen, das Stromnetz in Deutschland hinreichend auszubauen und Stromerzeugung und Strombedarf deutlich flexibler aufeinander abzustellen.« Er fordert als Grundprinzip die Regel »Nutzen statt Abregeln«.

Nach den jüngsten vorliegenden Zahlen für das Jahr 2020 mussten 6,1 Terawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien abgeregelt werden. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 2500 Kilowattstunden in einem Zweipersonenhaushalt wäre das die Strommenge für mehr als 2,4 Millionen Zweipersonenhaushalte, die einfach verloren gegangen ist.

Trotz der hohen Zahlen sieht die Bundesnetzagentur aber kein generelles Problem: »Die Aussage, dass ein bedarfsgerechter Netzausbau in den kommenden Jahren nicht erfolgen kann, wird in dieser Allgemeinheit nicht geteilt«, sagt ein Behördensprecher. Nur bei einem Teil der Maßnahmen komme es zu Verzögerungen, etwa wegen Genehmigungsverfahren oder einer Überlastung von Fachfirmen.

Husemann steht Geld für den nicht genutzten Strom zu

Bei N-Ergie heißt es hingegen, dass es aktuell zu Problemen komme, sei »Ausdruck übergelagerter systemischer Fehlentwicklungen« – es laufe also grundlegend vieles schief.

Der über seine ständig abgeschaltete Solaranlage verärgerte Husemann ist derzeit auch verstimmt über Verzögerungen bei den Ausgleichszahlungen. Aber hier gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während der produzierte Strom durch die Abregelung weg ist, bleiben seine finanziellen Ansprüche bestehen. Etwa 35.000 Euro Nachschlag stehen Husemann jetzt schon für in diesem Jahr produzierten Strom zu, der nie eine Steckdose erreicht hat.

pbe/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.