Berufsunfähigkeit Worauf Sie bei der Versicherung achten sollten

Was passiert, wenn Sie nicht mehr arbeiten können? Gegen Berufsunfähigkeit sollte jeder versichert sein. Doch die Verträge sind teuer - und haben große Tücken. Was für Kunden wichtig ist.

Arbeiter in Dresden
DPA

Arbeiter in Dresden

Eine Kolumne von


Ein bemerkenswerter Markt: Jeder Vierte, der sich dagegen absichern will, wenn er aus gesundheitlichen Gründen seinen Beruf künftig nicht mehr ausüben kann, bekommt nicht den Schutz, den er sucht.

Und von den schließlich glücklich Versicherten bekommt erneut jeder Vierte im Fall der Fälle gar kein Geld. Diese Leute beantragen eine Berufsunfähigkeitsrente - und der Versicherer, an denen sie jahrelang Tausende, manchmal Zehntausende Euro an Beiträgen überwiesen haben, will einfach nicht zahlen.

Beide Zahlen stammen nicht von den bösen Kritikern der Versicherungsbranche, sondern aus der Branche selbst.

Die Zahlen sind beunruhigend genug. Sie zeigen jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Aber der Reihe nach:

Berufsunfähigkeitsversicherungen sind nicht sexy, aber für die meisten Menschen elementar notwendig, wenn sie von ihrer eigenen Hände Arbeit leben müssen. Denn Arbeitnehmer, die aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben können, sind durch die staatliche Erwerbsunfähigkeitsrente nur sehr unzureichend abgesichert. Praktisch bedeutet das für viele kaum mehr als das Sozialhilfeniveau, krank und arm wie eine Kirchenmaus.

Deshalb wollen immerhin einige Hunderttausend Menschen jedes Jahr diesen Schutz für sich. Und erleben dann, dass viele Versicherer ihre schönen Policen zwar eifrig bewerben, sie aber dann nicht herausrücken wollen. Selbst wer einen Vertrag kriegt, muss sich zuvor inquisitorische Fragen zu seiner Gesundheit gefallen lassen. Und wie in der heiligen Inquisition ist der Fragende gleichzeitig Ankläger und Richter - und befindet oft, dass der Kunde nicht den Ansprüchen genügt.

Oder der Kunde kommt gar nicht in die Verlegenheit, Gesundheitsfragen beantworten zu müssen. Etwa als Musiker oder Flugbegleiter - da winken Versicherer sofort ab. Solche Leute dürfen nicht einmal in die Inquisition. Es ist ein echter Kampf, einen solchen Vertrag zu bekommen.

Nun werden Sie vielleicht sagen, das geht ja auch nicht, dass sich etwa ein schon krebskranker Mensch über die Berufsunfähigkeitsversicherung eine schöne Rente sichern will.

Doch darum geht es gar nicht. Gefragt wird bei der BU-Inquisition nicht nach schweren Erkrankungen, sondern in der Regel nach allen Arztbesuchen der vergangenen fünf Jahre und allen Krankenhausaufenthalten der vergangenen zehn. Wenn sich also Ihre Freundin voriges Jahr von Ihnen getrennt hat, Sie in ein tiefes Loch gefallen sind und deshalb therapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben, sollen Sie das vorm Vertragsabschluss angeben - und werden möglicherweise keinen Vertrag bekommen. Meine Kolleginnen bei Finanztip haben deshalb für alle Schutzsuchenden einen Leitfaden durch die Welt der Gesundheitsfragen entwickelt.

Selbst die Mitarbeiter der Versicherungen finden diesen Umgang mit möglichen Kunden eigentlich absurd. 2009 hat die Stiftung Warentest in einem Feldtest herausgefunden, dass Außendienstler der Allianz und der Alten Leipziger in vier von fünf Fällen ihren Kunden rieten, eine ausgeheilte Gastritis beim Versicherungsantrag lieber zu verschweigen. Die hätte halt den Versicherungsschutz gefährdet.

Das absurde Theater treibt Blüten. Im September erzählte Bundesrichterin Marion Harsdorf-Gebhardt, dass in ihrem IV. Senat beim Bundesgerichtshof der Fall eines Kunden verhandelt worden sei, der nach seiner Berufsunfähigkeit kein Geld bekommen sollte. Er hatte eine Erkrankung verschwiegen. Der Versicherungsvertreter hatte aber ehrlicherweise in dem Verfahren ausgesagt, dass er selbst es war, der beim Einreichen des Antrags die Erkrankung des Kunden verschwiegen habe. Seine Begründung: "Sonst würde ich nichts mehr versichern", also keine Verträge mehr verkaufen können.

Für solche Fälle hat der Bundesgerichtshof einst die "Auge und Ohr"-Regel entwickelt. Alles was der Kunde dem Vertreter der Versicherung gesagt hat, hat der damit auch dem Konzern gesagt und eben nicht verschwiegen (BGH Beschluss IV ZR 508/14).

Noch mal: Sie brauchen einen solchen Vertrag. Wenn Sie nämlich aus gesundheitlichen Gründen Ihren Beruf nicht mehr ausüben können, werden Sie sonst arm. 736 Euro beträgt die volle Erwerbsunfähigkeitsrente, die neue Rentner 2016 vom Staat im Schnitt gezahlt bekamen. Gegen das Armutsrisiko hilft nur eine Berufsunfähigkeitsabsicherung. Auch wenn die Verfahren absurd anmuten.

Leider ist es die Regel, dass viele, die einmal ihre BU-Rente ausgezahlt bekommen wollen, dafür hart kämpfen müssen. Das Viertel der Versicherten, das gar kein Geld bekommt, ist nämlich tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs.

Sehr oft bekommen Kunden einfach nicht die Leistung, die ihnen zusteht, sondern werden mit Krümeln abgefunden. Einer krebskranken Lehrerin werden statt 500 Euro Rente im Monat einmalig 2000 Euro angeboten. Einem depressiven Schlachter 14.000 Euro. Aber erst, nachdem er den Anwalt eingeschaltet und ein Fernsehteam eingeladen hat. Dabei könnten bei den 1200 Euro Monatsrente, auf die er Anspruch hat, bis zum Rentenalter von 67 Jahren rund 500.000 Euro zusammenkommen.

Besonders perfide ist ein weiterer Trick mancher Versicherer: Sie verlangen im Leistungsfall vom Kunden, alle Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden. Sie tun das ganz offenbar in der Hoffnung, irgendeinen Ansatz zu finden, nicht zahlen zu müssen. Berechtigt ist aber nur das Ansinnen, die Ärzte zu entbinden, die zur konkret in Rede stehenden Berufsunfähigkeit des Kunden Auskünfte geben können (BGH IV ZR 121/15).

Auch hierzu hat der Bundesgerichtshof kürzlich noch einmal ein Donnerwetter losgelassen. Eine allgemeine Schweigepflichtentbindung kann im Leistungsfall nicht verlangt werden, so Richterin Harsdorf-Gebhardt, eine solche Datenerhebung sei wahrscheinlich rechtswidrig. Und doch ist sie viel geübte Praxis, wie andere Richter bestätigten.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Was bleibt dann? Zweimal fünf Schritte, einmal vor Abschluss der nötigen Versicherung, und einmal im Versicherungsfall.

Das sollten Sie vorher tun:

  • Schließen Sie die Versicherung ab, solange Sie noch jung und gesund sind.
  • Lassen Sie sich unbedingt beraten und vergleichen Sie Angebote.
  • Achten Sie darauf, dass die versicherte Summe ausreicht, um Ihre laufenden Kosten für Familie, Wohnung, Versicherungen sowie Altersvorsorge zu finanzieren.
  • Gesundheitsfragen beantworten Sie korrekt mit Hilfe von Ärzten und Behandlungsunterlagen.
  • Vielleicht schließen Sie sogar drei Monate vor dem Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung noch eine Rechtsschutzversicherung ab.

Mehr dazu im Ratgeber von Finanztip.

Und falls Sie berufsunfähig geworden sind:

  • Holen Sie sich Hilfe beim Antrag durch einen Versicherungsberater oder eine erfahrene Anwaltskanzlei.
  • Reichen Sie alle erforderlichen Unterlagen vollständig ein.
  • Fordert der Versicherer Unterlagen nach, müssen Sie darauf unbedingt reagieren.
  • Unterschreiben Sie keine Vereinbarung, nach der Ihnen nur eine zeitlich befristete Rente zusteht.
  • Lehnt der Versicherer Ihren Antrag ab, wenden Sie sich spätestens dann an einen Fachanwalt

Auch diese Tipps haben wir bei Finanztip in einem Ratgeber weiter ausgeführt.

Als der Gesetzgeber vor 15 Jahren die staatliche Versicherung der Berufsunfähigkeit für alle Jahrgänge ab 1960 oder jünger praktisch aufhob, da hatte die Politik eine klare Idee: Die Versicherungswirtschaft sollte einspringen und eine private Vorsorge die staatliche Leistung ergänzen. Offenbar funktioniert das nicht. Es stünde einer neuen Bundesregierung gut zu Gesicht, aus dieser Situation endlich Konsequenzen zu ziehen und bessere Regeln für guten Versicherungsschutz zu etablieren. Denn schließlich soll der Markt für die Kunden da sein, nicht für die Anbieter.



insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dingstabumsta 28.10.2017
1. Systematisch für ...
..Berufsunfähigkeitsversicherung ist doch die, dass die nur für noch für wenige reiche Arbeitnehmer bezahlbar ist. Dazu kommt noch, dass viel geübte Praxis wie die Policen nicht auszuzahlen, oder andere Hürden einzubauen Versicherer gerade bei der Berufsunfähigkeits - Versicherung nicht zu trauen ist. Und mit 50 Jahren einen Vertrag zu bekommen, der auch bezahlbar ist, steht in einem anderen Buch...den nichts in Deutschland ist Diskriminierender als die Versicherungsbranche! Jemand der den Mindestlohn bekommt, oder in einem gnadenlosen prekären Niedriglohnsektor Arbeitet oder bei Zeitarbeit fällt da raus! Ich belasse es bei meiner Hausrat und Haftpflicht, und werde mich wenn es denn so kommen soll, auf die soziale Grundsicherung verlassen müssen...wie bei der Rente auch! Zitat: ..das Sozialhilfe-Niveau, krank und arm wie eine Kirchenmaus... ist absolut stimmig....aber Zitat: Die Versicherungswirtschaft sollte einspringen und eine private Vorsorge die staatliche Leistung ergänzen...funktioniert leider nicht, und gehört zugunsten der Verbraucher Reformiert!
marthaimschnee 28.10.2017
2. der Gesetzgeber hat nicht das geringste begriffen
er treibt mit der Rente ja praktisch das selbe erneut .. und wieder funktioniert es nicht! Und jetzt sind die am Ruder, die den Staat am liebsten auf das nötige Minimum, nämlich auf den maximalen Schutz des wie auch immer erbeuteten Privatvermögens vor einer wütenden Masse, schleifen wollen. Insofern ist in dieser und jeder anderen Frage des Schutzes der Allgemeinheit vor der Rendite rein gar nichts vom Gesetzgeber zu erwarten.
Ein_denkender_Querulant 28.10.2017
3. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht
Diese Art Grsundheitsprüfung wird bei vielen Versicherungen verlangt. So ist es, wenn wir die soziale Marktwirtschaft begraben und schierem Kapitalismus das Zepter übergeben. Alle wollen es, bezahlen tun es Schwache und Kranke. Ansonsten hilft Aufklärung. Warum sagen Eltern ihren Kindern nicht, dass sie mit 17 wegen jeder Beziehungskiste nicht sofort zum Psychologen rennen sollen, sondern zuerst Versicherungen wie gegen Befrfsunfähigkeit oder Krankheit abschließen sollten? Danach kann man dann auch notwendige Behandlungen machen, oder man muss fünf Jahre warten. Bei bestimmten Berufen, wie Musikern, ist es ebenso möglich, bestimmte Risiken, wie Taubheit, auszuschließen.
issernichsüss 28.10.2017
4. Man sollte sich auch bei den BU-Versicherungen nicht der Illusion
hingeben, dass einem die Versicherung im Ernstfall ehrlich und fair behandeln wird. Versicherte sind gut beraten, wenn sie sich gleich von Anfang an, durch einen fachlich guten Anwalt beraten lassen. Denn wer erst dann einen Fachanwalt hinzu zieht, wenn Probleme durch die eigene Unbedarftheit entstanden sind, der ist schon deutlich im Nachteil. Und der Versicherungsnehmer sollte auch immer bedenken, dass ihm selbstverständlich erfahrene Profis gegenüber stehen, deren oberstes Ziel es ist, die Ablehnung/Abweisung von Ansprüchen durchzuboxen.
MPS 28.10.2017
5. Und wenn man es braucht, dann ...
.... dann kämpft die Krankentagegeld-Versicherung gegen die Berufsunfähigkeit-Versicherung. Die Erstere sagt nach Einforderungen etlicher Gutachten: der wird nie wieder arbeiten können. Die Zweitere ist durchaus der Meinung, dass dies nicht stimmt. Also ist niemand dafür zuständig. Der beste Tipp im Artikel: 3 Monate vor Abschluss eine Rechtsschutzversicherung abschließen, dann selber sparen - aber wer kann das schon. Bitter, bitter, bitter. Und immer diese unangekündigten "Hausbesuche", weil man ja telefonisch nicht zu erreichen war ... das war den Hausbesuchern selber peinlich. Und Selbstständige sollten aufpassen, wenn sie so eine Versicherung in jungen Jahren abschließen, bitte nicht irgendwann 20 Jahre später als Geschäftsführer arbeiten, ohne das zu melden. Das gilt dann nicht. Oder auch, dass der Verdienst der letzten 2 Jahre als Grundlage angerechnet wird. Also nix mit, im hab vor 25 Jahren mal eine Versicherung abgeschlossen, zahle jeden Monat meinen Beitrag und will im Fall des Falles eine Leistung. Der Artikel und das Thema haben noch Luft nach oben!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.