Warteschleife Voll Sternhagel

Heute schon etwas bewertet? Oder beim Shopping zunächst geschaut, welche Durchschnittsnote ein Produkt hat? Tom König sieht nur noch Sterne - und fühlt sich wie eine Ein-Mann-Ratingagentur.
Kundenrezensionen bei Amazon

Kundenrezensionen bei Amazon

Sobald der neue Guide Michelin erschien, lief Pierre Troigros schnurstracks zum Kiosk, so auch am 15. März 1968. Er schlug den Gastroführer auf und blätterte zu "Les Frères Troisgros". Neben dem Eintrag prangten erstmals drei Sterne. "Das", entfuhr es dem Koch, "ist eine Katastrophe."

Das "Frères" existiert nicht mehr. Aber Sterne gibt es noch - und zwar mehr denn je. Die Skala reicht nun von eins bis fünf, nichts und niemand ist vor ihr sicher. Gerhard Hauptmanns Drama "Vor Sonnenaufgang"? Mäßige drei Sterne. Die Nordsee-Filiale da an den Hamburger Landungsbrücken? Respektable vier Sterne. Sandfarbene Ugg-Boots? Fette fünf Sterne.

Besitzt etwas keine Sterne, existiert es vermutlich gar nicht. Von Klobürste bis Kafka - alles wird benotet. Manchmal kommt es einem vor, als sei die ganze Welt zur Abi-Prüfung einbestellt worden.

Ein Ratingsystem außer Rand und Band

Man kann sich dem Phänomen kaum entziehen. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal einen Akkuschleifer, Badvorleger oder Wasserfilter gekauft, ohne sich die Bewertung anzuschauen?

Ist ja auch praktisch, oder? Nun ja. Ich bin inzwischen geneigt, es mit der Küchenlegende Pierre Troisgros zu halten: Die Sache ist eine Katastrophe, das außer Rand und Band geratene Rating-System nervt gehörig. Der erste Grund dafür ist, dass ich ständig selbst Standard & Poor's spielen muss. Vergangene Woche sollte ich ein Antiquariat, einen Sportartikelversand, eine Hose (blau), einen Rollkragenpullover (schwarz), drei Taxifahrer, eine Wasserflasche, einen chinesischen Science-Fiction-Roman sowie ein Hotel in Bad Soden bewerten. Letzteres händigte mir mit der Rechnung gar einen Zettel aus, der mich ermunterte, positive Bewertungen auf Tripadvisor, HRS und booking.com zu hinterlassen. Wenn es keine Umstände mache.

Macht es aber. Wobei ich die Geschäfte verstehen kann - ohne Sterne keine Pinke. Die meisten Konsumenten scheinen inzwischen nach der Faustregel zu agieren, dass alles, was nicht mindestens fünfzig Bewertungen mit durchschnittlich vier Sternen hat, Verzeihung, blöde Kackscheiße ist.

Das Problem mit der "Weisheit der Vielen"

Mein zweites Problem mit den Sternen: die scheinbar quantitative Objektivität. Das System basiert auf dem, was man "Die Weisheit der Vielen" nennt. In seinem gleichnamigen Buch erklärt der Autor James Surowiecki dieses Prinzip am Beispiel eines Viehmarkts. Dort können Besucher an einem Gewinnspiel teilnehmen und das Gewicht eines Zuchtbullen taxieren. Bildet man den Durchschnitt aller abgegebenen Schätzungen, kommt, oh Wunder, das exakte Gewicht des Bullen heraus.

Soweit die Theorie - in der Praxis funktioniert das oft nicht, weil die meisten Menschen von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Um es etwas differenzierter zu formulieren: Während das Gewicht eines Zuchtbullen eine einfache Angelegenheit ist, sind bei der Bewertung von Soufflés, Seidenblusen oder Schäferromanen Talente gefragt, die der Mehrheit der Bevölkerung stark abgehen: Geschmack, Sachkenntnis, Allgemeinbildung.

Anders lässt sich kaum erklären, warum eine Filiale des Fischfrittierers Nordsee mehr Sterne bekommt als Gerhard Hauptmann. Vier Sterne für diesen Fraß? Wie kann das sein? Die Antwort lautet vermutlich, dass sich in drittklassige Imbisse an den Landungsbrücken nur schwäbische Touristen verirren, die von Fischfrikadellen und Matjes keine Ahnung haben. Das Ergebnis ist entsprechend: "Lecker!"; "Ideal vor König der Löwen!"

Und wurden die Benotungen einmal nicht von grundlos begeisterten Trotteln hochgejazzt, sind sie zu niedrig. In meiner Nachbarschaft gibt es ein exzellentes vietnamesisches Restaurant, seine Bewertung ist aber nur mittelmäßig. Warum? Ein Rezensent vergab lediglich zwei Sterne, weil: "keine Currygerichte auf der Karte". So jemand moniert auch, dass es in der Tapasbar keine Allgäuer Kässpatzen gibt.

"Bewertet nicht, auf dass Ihr nicht bewertet werdet"

Je mehr Produktrezensionen ich für diese Kolumne las, umso mehr kam ich zu dem Schluss, dass hier außerdem ein spezielles teutonisches Problem vorliegt. Andreas Kluth, der Berlin-Korrespondent des "Economist", schrieb unlängst, das Nervige am Deutschen sei, dass er andere ständig korrigiere und ihnen erkläre, wie Dinge zu sein hätten - Germansplaining, quasi.

Dieser unangenehme Zug trieft aus vielen Bewertungen: "Dies als mediterranes Gemüse zu bezeichnen, ist sehr irreführend"; "Steakhaus ohne Sauce béarnaise? Das ist doch der Klassiker!"; "Das ist nicht wie in Italien!" und so weiter.

Ich werde mich diesem ganzen Irrsinn in Zukunft verweigern. Lieber probiere ich Sachen einfach mal aus - und verberge mein persönliches Sternerating tief in meinem Herzen. Schließlich sagte schon Jesus: "Bewertet nicht, auf dass Ihr nicht bewertet werdet."

Hatten Sie auch ein besonderes Serviceerlebnis? Oder haben Sie einen Vorschlag für ein Produkt, das Tom König unter die Lupe nehmen sollte? Dann schreiben Sie an warteschleife@spiegel.de .