Bioland-Präsident "Wir können gar nicht so viel liefern, wie verkauft wird"

2016 könnte für die Biobranche ein Jahr des Triumphs werden: Die Einkommen der konventionellen Bauern sind auf die Hälfte gefallen. Die Ökobranche wird sich jetzt aus der Nische befreien, sagt Bioland-Präsident Jan Plagge.
Biobauer auf Feld: Zahl der ökologisch bewirtschafteten Anbauflächen wächst stetig

Biobauer auf Feld: Zahl der ökologisch bewirtschafteten Anbauflächen wächst stetig

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Für die Land- und Ernährungswirtschaft beginnt das Jahr erst mit der Internationalen Grünen Woche. Bevor die Besucher durch die Hallen voller Essen, Trinken, Tiere und Maschinen wandern dürfen, zieht die Branche alljährlich Bilanz - in diesem Jahr fällt sie bitter aus.

Die Einkommen der konventionellen Landwirte sind im vergangenen Jahr im Schnitt um 35 Prozent gesunken, für das laufende Jahr rechnet Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied mit einem weiteren Rückgang von bis zu 20 Prozent - halbierte Einkommen in nur zwei Jahren also. Für die Lebensmittelindustrie musste Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Verbands der deutschen Ernährungsindustrie (BVE) das schlechteste Ergebnis seit vier Jahren verkünden.

Zur Person
Foto: Bioland/ picture alliance / dpa

Jan Plagge, Jahrgang 1971, ist seit 2011 Präsident von Bioland, dem größten ökologischen Anbauverband in Deutschland, und gleichzeitig Vorstandsmitglied im Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft e.V. (BÖLW) - einem Dachverband von Biobauern, Verarbeitern und Händlern. Als hauptamtlicher Präsident ist Plagge kein aktiver Landwirt - seinen Hof in Niedersachsen hat der Agraringenieur an zwei Bioland-Bauern verpachtet.

Ganz anders in der Biobranche: Die Zahl der Betriebe und der ökologisch bewirtschafteten Anbauflächen wächst stetig, auch wenn der Marktanteil immer noch gering ist. Die Forderung der konventionell wirtschaftenden Kollegen nach einer wieder stärkeren Exportförderung hält Bioland-Präsident Jan Plagge für einen Irrweg. Im Interview erklärt Plagge, der auch im Vorstand des Öko-Dachverbandes BÖLW sitzt, weshalb die große Zeit für bio jetzt erst beginnt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Plagge, was machen Sie eigentlich auf der Grünen Woche? Sie sind Mitveranstalter der "Wir haben es satt!"-Demo, die sich gegen das richtet, wofür die Messe steht.

Plagge: Wir betrachten uns ja nicht als Opposition, sondern wir sind ein wachsender Teil der Land- und Ernährungswirtschaft. Wenn wir nur in unserer Nische bleiben, dann halten wir eine Predigt im Kloster und nicht dort, wo die Menschen sind, die wir überzeugen wollen von einem anderen Weg.

SPIEGEL ONLINE: Täuscht es, oder wirkt die Grüne Woche 2016 etwas ratlos, weil es kein großes Leitthema gibt?

Plagge: Der Eindruck entsteht, weil keines der großen Probleme in den vergangenen Jahren gelöst wurde. Wie sichere ich eine bäuerliche, regionale Wertschöpfung? Wie kann die Branche für bessere Bedingungen in der Tierhaltung sorgen, und wie kann die EU-Agrarförderung sinnvoller eingesetzt werden? Nichts davon ist gelöst.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu der konventionellen Landwirtschaft geht es der Biobranche prächtig - aber der Marktanteil in Deutschland ist immer noch sehr niedrig, auch im Vergleich zu Nachbarländern. Woran liegt das?

Plagge: Naja, 2015 hat die Trendwende eingesetzt: Bioland ist um fünf Prozent gewachsen, sowohl bei der Fläche als auch bei der Zahl der Betriebe, im Rest der Branche dürfte das ähnlich sein. Der Bio-Markt wächst ja immer weiter, das ist unglaublich, trotz der großen Preisabstände, gerade bei Fleisch oder bei der Milch.

SPIEGEL ONLINE: …aber immer noch auf sehr niedrigem Niveau.

Plagge: Bei Eiern, Obst oder Gemüse haben wir immerhin zum Teil zweistellige Marktanteile. Nachholbedarf haben wir tatsächlich beim Fleisch und bei der Milch - aber da haben wir auch die größten Zuwächse. Ich gehe davon aus, dass 2015 mehrere hundert Milchviehbetriebe mit der Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung begonnen haben und die Tendenz hält 2016 an.

SPIEGEL ONLINE: In einer aktuellen Studie heißt es, höchstens sieben Prozent der Verbraucher schauen beim Einkaufen vor allem auf den Preis - warum boomt Bio nicht noch mehr?

Plagge: Weil uns die Ware fehlt. Wir können derzeit gar nicht so viel liefern, wie uns der Handel abnehmen würde - die Wachstumsraten sind dort zu schnell. Seit zwei, drei Jahren ist die Wachstumsgrenze bei Bio ausschließlich die Rohware - nicht die fehlende Nachfrage.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie aus der Falle heraus?

Plagge: Es müssen einfach noch viel mehr Betriebe in Deutschland ihre Produktion umstellen. Wir können jetzt Tausende von konventionellen Bauern in den Biomarkt aufnehmen. Und insofern hat die Politik schon eine Mitschuld, wenn sie jetzt nicht ausreichend Mittel für die Umstellungsförderung bereitstellt. Das Saarland hat bereits einen Förderstopp ausgerufen - was ist das für eine Botschaft?

SPIEGEL ONLINE: Braucht die deutsche Biobranche vielleicht auch größere Betriebe, wie es sie im Ausland schon gibt?

Plagge: Nein, wir wollen eine bäuerliche Landwirtschaft. Wir wollen verhindern, dass die industrielle Produktionsidee auf die ökologische Landwirtschaft übertragen wird - wie das bei Betrieben in Osteuropa geschieht. Das will übrigens auch der Handel nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte? Die Supermarktketten wünschen sich die zuverlässige Lieferung großer Mengen in gleichbleibender Qualität - das ist für kleine Biobetriebe doch schwierig.

Plagge: Nein, das hat sich in den vergangenen zwei Jahren komplett verändert: Jetzt haben auch Supermarktketten großes Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit mit Bauern, die sich zu Lieferkooperativen zusammenschließen. Edeka Süd-West bietet zum Beispiel solchen Bauern, die in regionale Schweineproduktion investieren, Zehn-Jahres-Verträge mit festen Abnahmepreisen an. So bekommen die Bauern Planungssicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Es verwundert ein wenig, dass der Handel, der normalerweise beinhart verhandelt, gerade den Bio-Bauern gegenüber so großzügig ist…

Plagge: Das hat nichts mit Großzügigkeit zu tun. Wenn ich die klassische Einkaufspolitik auf Bio-Waren übertrage, bekomme ich die gleichen Strukturen wie bei konventionellen Waren, die gleichen Qualitätsprobleme, und die gleichen Identitätsprobleme beim Kunden, der sich fragt, warum er mehr zahlen soll. Diese Erkenntnis hat sich auch bei vielen Handelsvertretern durchgesetzt, die jetzt zu einer anderen Zusammenarbeit bereit sind - schließlich verdienen sie gutes Geld mit Bio und wollen in Zukunft noch mehr gutes Geld mit Bio machen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach einer goldenen Zukunft - wann ist es denn soweit, dass die Biobranche auch auf der Grünen Woche nicht mehr nur eine halbe Halle bekommt?

Plagge: Ich glaube, dass sich Bio in zehn Jahren Richtung Mainstream entwickelt haben wird. Dann werden wir die zehn Prozent Marktanteil längst überschritten haben und in Richtung 20 Prozent gehen. Zuerst wird Bio eine ganze Halle auf der Grünen Woche füllen und dann werden wir auch gleichberechtigt in der Auftaktpressekonferenz der Messe sitzen - dann wird es keine politische Trennung in Bio und konventionell mehr geben.

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Foto: Messe Berlin