Hermann-Josef Tenhagen

Hype um Bitcoin Riskantes Spiel

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Der Bitcoin hat eine gigantische Rallye hingelegt und einige Zocker reich gemacht. Doch Privatanleger sollten das Cybergeld eher als eine Art Computerspiel begreifen – und wenn überhaupt nur kleinere Summen investieren.
Foto: Benjamin gz / Imaginechina / AP

Vergangene Woche hat der Wert der Kryptowährung Bitcoin erst kurzzeitig die Marke von 40.000 Dollar übersprungen, um dann auf fast 30.000 Dollar runterzufallen und die 40.000-Marke wieder zu erklimmen. Nach einer Währung sieht das nicht aus. Was aber ist der Bitcoin dann? Und wie sollten Anlegerinnen und Anleger damit umgehen?

Der Traum der Anarchisten

Das Lokal hieß Café Zapata  und fand sich in einer von Künstlern besetzen Immobilie an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Dort konnte man schon vor mehr als 20 Jahren mit einer Kunstwährung sein Bier bezahlen. Die Kunstwährung war vor allem Ausdruck des politischen Misstrauens gegen das System.

Der Impuls des Misstrauens ist also schon lange da. So fiel die Idee einer Währung, die nicht vom Staat kontrolliert war, in der linken Hacker-Community auf fruchtbaren Boden. Angeblich war es ein japanischer Informatiker, der 2007 den Code für die neue Kryptowährung beschrieb – und der bis heute nicht identifiziert ist. Dahinter steckt die Vorstellung, staatliche Garantien durch Kryptografie, Open Source und gegenseitige Kontrolle ersetzen zu können. Bis heute kann jeder für linke Projekte wie die Wauholland-Stiftung und WikiLeaks  Bitcoins spenden. Das Gleiche gilt für Projekte, die der Open-Source-Bewegung verbunden sind wie Wikipedia.

Zur Wahrheit gehört aber auch: rechtsextreme Projekte mögen den Bitcoin ebenfalls, genau wie Erpresser .

Ich selbst hatte in den ersten zehn Jahren der Bitcoin-Geschichte keine, die Idee hat mich aber schon fasziniert: Bitcoins, das Anarchistengeld für junge Menschen, die dem Staat nicht über den Weg trauten.

Zum Autor
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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Im Fokus der Börsenwelt

Dann verschwand der Bitcoin aus meinem Blick. Bis zum Jahr 2017. Da machte der Bitcoin als Spekulationsobjekt in der Welt der Börsianer von sich reden. Sein Wert stieg binnen Jahresfrist von 1000 Dollar auf fast 20.000 Dollar . Ich lernte, dass man diese Währung herstellen kann, indem man auf seinem Computer aufwendige (kryptografische) Rechenarbeiten ablaufen lässt – das sogenannte Bitcoin-Mining. Und dass Betreiber von Serverfarmen sich auf Rechnerarbeit zum Schürfen der neuen »Währung« Bitcoin konzentrierten. Und dass der Energieverbrauch der Bitcoin-Schürfer und Rechner das Niveau ganzer Länder erreichte  – aktuell übrigens auf dem Niveau von Österreich. Wem, wie mir, das Klima also wichtig ist, der kriegte angesichts dieses Aufwands das Grausen.

Die einen schüttelten also über solche Spekulationen den Kopf, die anderen machte die Spekulation erst richtig heiß und die Dritten begriffen langsam, dass die dahinter liegende Idee von Blockchain gerade auch jenseits dieser Zockerei von großem Wert sein könnte.

Angehende Mathematikerinnen und Mathematiker luden mich als Verbraucherjournalist an die Humboldt-Universität in Berlin ein, wo sie sich über den Wert unterschiedlicher Blockchain-Verfahren stritten. Und ein verdienter »Finanztip«-Mitarbeiter, der sich seit Jahren mit Kryptowährungen beschäftigt, schickte mir ein paar Bitcoin-Anteile auf mein Handy. »Musst Du aber gut drauf aufpassen, wenn Du den Key (den Schlüssel) für Dein Wallet (Konto) verlierst, dann ist der Bitcoin-Anteil futsch.« Passend dazu machten sich Hacker auf dem Jahreskongress des Chaos Computer Club einen Spaß daraus, gängige Verschlüsselungsstricks für die Kryptowährung zu knacken  (Die Präsentation »Wallet Fail« zur Unsicherheit solcher Wallets können Sie hier sehen .)

Mein Smartphone liegt seither wohlverwahrt im Schreibtisch. Man soll das Gerät mit dem verschlüsselten Code zum Bitcoin ja nicht aus der Hand geben. Im Alltag nutze ich seit Jahren ein neues.

Genauso schnell wie der Hype 2017 gekommen war, schien er auch wieder zu Ende. Der Wert des Bitcoins fiel 2018 von 20.000 Dollar auf 3500 Dollar – ein Verlust von 82 Prozent. Die Währungsschwankungen zwischen Dollar und Euro, auf die man als Verbraucherschützer sonst immer hinweist, sind vor dem Hintergrund praktisch irrelevant. Der britische »Independent« berichtete über eine Studie zweier bekannter US-Professoren. Tenor: Der ganze Kurshype von 2017 gehe im Wesentlichen auf einen einzigen Spekulanten zurück .

Nach dem Hype ist vor dem Hype

Ende 2017 habe ich an dieser Stelle geschrieben: Blockchain ist Zukunftstechnologie und Bitcoin ist leider noch vor allem Zockerei.

Tatsächlich wollte 2019 dann Facebook auch so eine Währung an den Start bringen, den Libra . Die Europäische Zentralbank (EZB) und andere Notenbanken begannen sich ernsthaft mit der Idee einer eigenen Digitalwährung zu beschäftigen. Versicherungskonzerne – die beschäftigen traditionell viele Mathematiker – diskutierten den Nutzen von Blockchain für ihre Rechnerprozesse. Und dann, im Herbst 2020, ging dann auch die Spekulation wieder richtig los.

Mit Währung, mit Geld als Zahlungsfunktion hat das wenig zu tun. Sie können mit Bitcoins im Alltag selten bezahlen, weil der Wert so stark schwankt. Auch wenn Lieferando in Berlin inzwischen Pizza für Bitcoins anbietet. Oder für Bruchteile davon.

Wer Sorge hat, dass die Inflation Jahr für Jahr sagen wir fünf Prozent des mühsam angesparten Vermögens auffrisst, der möchte die 100.000 Euro fürs Alter nicht so aufbewahrt wissen, dass es an einem Tag 100.000 sind, am Ende des Jahres 15.000 und wieder ein Jahr später 200.000. Der möchte sich auch nicht in die Hände von Spekulanten wie John McAfee begeben, der den Bitcoin-Kurs Ende des Jahres 2020 bei einer Million Dollar erwartete. Das ist der, der 1987 die Firma mit dem Virenschutz gründete und dann verkaufte:

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Aber die Debatte geht nicht wieder weg. Über 8000 »Kryptowährungen« zählt die Nachrichtenagentur Reuters in dieser Woche. Die Europäische Zentralbank (EZB) ruft interessierte Bürgerinnen und Bürger auf, mit ihr das Konzept einer digitalen Währung zu diskutieren. Und kontaktloses Bezahlen mit Kryptowährungen ohne staatliche Nachverfolgbarkeit behält ja seinen alten anarchistischen Charme für die Anhänger, die liebenswürdigen wie die kriminellen.

Wer macht das Rennen?

Die Zukunft des Bitcoins ist also immer noch völlig offen. Wird es einmal eine seriöse Währung werden? Wird er verboten? Macht eine andere Kryptowährung das Rennen? Facebooks Libra Projekt heißt inzwischen Diem und soll jetzt angeblich in diesem Jahr an den Start gehen . Oder bleiben Bitcoins Spekulationsobjekte, bei denen die Anfänger die Gewinne der Profis finanzieren?

Für Sie heißt das: Beschäftigen Sie sich mit der Technologie, denn sie ist faszinierend und kann für ganz andere Dinge als für Zahlungen verwendet werden, etwa im Gesundheitswesen. Krankenkassen etwa träumen davon, mithilfe der Blockchain-Technologie zum Beispiel die Qualität von Arzneimitteln zu kontrollieren. So könnte die Kühlkette von der Herstellung, über den Transportweg bis zur Auslieferung überwacht und am Produkt gespeichert werden. »Wird die Kühlkette nicht eingehalten, wird das Medikament nicht ausgeliefert« .

Aber betreiben Sie Ihre Geldanlage abseits des Kryptowährungshypes – ganz solide, ganz zukunftsfähig, damit Sie sich nach harter Arbeit Wünsche sicher erfüllen können, dann, wann Sie es wollen und wann Sie es geplant hatten.

Dazu brauchen Sie ein Tagesgeld-Konto, ein Festgeld-Konto und gern auch ein Depot mit marktbreiten, weltweiten ETF .

Und wenn auch PayPal künftig erlaubt, Dinge mit Bitcoins zu bezahlen, die dafür erst mal in Euros, Dollar oder Kronen transferiert werden, ändern Sie damit ihre Haltung nicht . Ihr Möbelladen wird das Ledersofa trotzdem nicht für einen Bitcoin-Preis verkaufen, dafür wäre dieser Preis viel zu sprunghaft. Und auch der Kauf einer Immobilie zu einem festen Bitcoin-Preis wird ihnen bei so sprunghaften Kursen nicht gelingen.

Den Umgang mit dem Bitcoin selbst sehen Sie als Computerspiel. Dafür brauchen Sie klare Spielregeln und einen Spielleiter, der sich auch an die Regeln hält und halten kann. Das ist weniger trivial als es klingt. Auch wenn manche Kryptobörsen inzwischen staatlich reguliert sind und es für Kryptoverwahrer, also die Aufbewahrer von Kryptoschlüsseln für andere Eigentümer, wie sie zum Beispiel die Börse in Stuttgart betreibt, in Deutschland eine offizielle Bafin-Lizenz braucht .

Und wenn Sie spielen, sprich ein wenig um Geld zocken, dann setzen Sie genau so viel ein, wie Sie für jedes andere Computerspiel einsetzen würden.

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