Schlammlawine in Brasilien Hunderte Opfer verklagen TÜV Süd auf Schadensersatz

Der verheerende Dammbruch in Brasilien hat ein juristisches Nachspiel für den TÜV Süd. Bewohner des Katastrophengebiets verlangen Schadensersatz von der deutschen Prüfungsfirma.

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Neun Monate nach der verheerenden Schlammlawine in Brasilien mit mehr als 250 Toten verklagen rund 900 Bewohner des Katastrophengebiets sowie die Gemeinde Brumadinho den TÜV Süd auf Schadensersatz.

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Heft 44/2019
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Wie das Landgericht München II dem SPIEGEL bestätigte, ging die Klage am Dienstag ein. Die Höhe der Klagesumme wird von den beauftragten Anwaltskanzleien SPG Law und Grohmann noch ermittelt. Sie dürfte in den zwei- oder dreistelligen Millionenbereich gehen.

Am 25. Januar war der Abraumdamm I der Eisenerzmine Corrégo do Feijão des Rohstoffmultis Vale nahe der Stadt Brumadinho geborsten. Die Schlammlawine tötete mindestens 252 Menschen, 19 weitere werden noch immer vermisst. In den Monaten vor dem Unglück hatten brasilianische TÜV-Mitarbeiter den Katastrophendamm begutachtet und ihn als stabil zertifiziert - obwohl sie zuvor intern massive Zweifel an der Sicherheit des Damms geäußert hatten.

Die brasilianische Staatsanwaltschaft vermutet, dass die Prüfer nachsichtig waren, weil sie ihre Geschäfte mit dem Bergbauriesen Vale nicht gefährden wollten. Dies legen Auszüge aus dem internen E-Mail-Verkehr der brasilianischen TÜV-Mitarbeiter sowie eine Zeugenaussage nahe. Insgesamt hatte der TÜV Süd für Vale mehr als 30 Dämme zertifiziert. Die Münchner Prüforganisation warnte Monate nach dem Unglück vor weiteren Dammbrüchen.

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Dammbruch: Verheerende Schlammlawine in Brasilien

"Der TÜV Süd und Vale sind direkt verantwortlich für den Tod Hunderter Menschen", sagte Angélica Amanda Andrade, die Schwester einer getöteten Frau, dem SPIEGEL. Andrade und vier andere Angehörige hatten in der vergangenen Woche bereits bei der Staatsanwaltschaft München Strafanzeigen gegen den für Brasilien zuständigen TÜV-Süd-Manager M. und gegen die Prüforganisation eingereicht. Die Staatsanwaltschaft muss als Nächstes entscheiden, ob sie Verfahren aufnimmt gegen M. und gegen den TÜV.

Im Zivilprozess der 900 Anwohner geht es nun um Geld. Der TÜV Süd erklärte am Donnerstagabend auf Anfrage, man nehme zu laufenden Verfahren keine Stellung. Ihm sei keine Klage bekannt. Die Organisation hat im Konzernabschluss allein für Rechtsverteidigungs- und Beratungskosten Rückstellungen in Höhe von rund 33 Millionen Euro gebildet.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
brooklyner 25.10.2019
1.
Ach ja, hätten sie mal sauber gebaut, anstatt jetzt bei Firlefanz und Treppengeländer die Türen einzurennen, um gegen das vermeintlich reiche Land im Nordosten zu klagen. Von den Beztroffenen hatte sicher nie einer etwas von der Existenz des TÜV gehört, bevor irgendweiche Kanzleien zu Sammelklagen im Frühstücksfernsehen aufgerufen haben. Nichtsdestotrotz hat unaufgeregte Aufklärung eine klare Daseinsberechtigung.
gunpot 26.10.2019
2. Ich möchte doch gerne wissen,
ob sich die brasilianische Staatsanwalt jetzt nur noch auf den TÜV Süd konzentriert, oder sich auch mit Vale und der eigenen Regierung beschäftigt. Warum die eigene Regierung? Weil man recherchieren sollte. warum immer noch Menschen in der unmittelbaren Nähe eines Dammes wohnen durften. Da kann die Sicherheit dieses Dammes 10 mal bescheinigt werden, Menschen in dieser Zone nicht leben.
DJ Doena 26.10.2019
3.
Verklagen sie den TÜV, weil sie wirklich glauben, dieser sei (Mit)Schuld an der Katastrophe, oder weil sie denken, da sei am ehesten Geld zu holen?
chiefseattle 26.10.2019
4. TÜV-Prüfung
Wenn der TÜV schon prüft, dann sollte er es auch nach bewährten Normen machen und keinen Abstrich wegen Geschäftsinteressen machen. Wenn eine Firma den TÜV holt, um zu prüfen, dann erwartet man eine wahrheitsgemäße Analyse. Das war in diesem Fall nicht so.
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