Anleger und das Brexit-Risiko Don't panic

Was passiert mit unserem Geld, wenn der Brexit kommt? Und was müssen Anleger jetzt noch unternehmen? Zunächst einmal: Ruhe bewahren. Die Antworten.

Die City of London am 23. Mai
AFP

Die City of London am 23. Mai

Eine Kolumne von


"Die Zukunft ist ungewiss" lautet ein Bonmot, das vielen zugeschrieben wird, etwa dem Physiker Niels Bohr, aber auch dem Schriftsteller Mark Twain. Gewiss ist aber, dass nach einem möglichen Brexit die wirtschaftliche Zukunft Großbritanniens noch ungewisser wird.

Und auch als Sparer, Kreditnehmer, Steuerzahler oder einfach nur als Arbeitnehmer in Deutschland fragt man sich, was angesichts der drohenden Entscheidung kommende Woche zu tun ist.

Die Antwort ist gewiss: Ruhe bewahren. Als Verbraucher in Deutschland passiert Ihnen - egal wie die Briten abstimmen - erstmal nicht viel. Denn die wirtschaftlichen Auswirkungen eines möglichen Brexits bekommen vor allem die Briten zu spüren.

Ein paar Ausnahmen gibt es:

  • Wer viele britische Aktien oder Aktienfonds mit einem hohen Anteil derselben besitzt, muss sich für die kommenden Monate auf mehr Unruhe einstellen. Schon in den vergangenen Jahren waren britische Aktien kein besonders gutes Investment. Während der britische Aktienindex FTSE 100 in den vergangenen fünf Jahren gerade etwa zehn Prozent zulegte, brachte ein global orientierter Aktienindexfonds, der sich am Index MSCI orientierte, rund 80 Prozent Wertsteigerung. Für den normalen Kleinanleger sind global anlegende Aktienindexfonds ohnehin meistens die bessere Wahl. Sie schwanken weniger und sind von solchen lokalen Krisen weniger betroffen.

  • Einige britische Banken zahlen ganz ordentliche Zinsen auf Festgeldkonten, vor allem verglichen mit den 0,1 Prozent, die in Deutschland standardmäßig gezahlt werden. Und sie zahlen diese Zinsen für Euro-Anlagen nicht in Pfund. Der Anleger aus Deutschland hat also bei Angeboten wie dem der Close Brothers fast kein Währungsrisiko . Bislang gibt es auch keine Berichte, die die Solidität dieser Banken infrage stellen. Trotzdem besteht Grund zur Vorsicht. Denn die britische Einlagensicherung FSCS bröselt für Kontinentaleuropäer. Sie ist nämlich in Großbritannien auf bis zu 75.000 Pfund pro Kunde und Bank festgeschrieben. Was einst den 100.000 Euro in Kontinentaleuropa entsprach, ist inzwischen deutlich weniger wert. Ein britisches Pfund entspricht (Stand 17.06.) 1,27 Euro, für den Euro bekommt man fast 80 Pence, so viel, wie lange nicht mehr. 75.000 Pfund entsprechen dann nur noch 94.500 Euro. Die 100.000-Euro-Marke ist gerissen.

Auf Gold schwören? Vorsicht.

Wer in näherer Zukunft größere Ausgaben in Pfund Sterling tätigen will oder muss - zum Beispiel das Studium oder den Internatsaufenthalt der Kinder bezahlen - trägt ein direktes Währungsrisiko: Denn beim Brexit wird das Pfund wahrscheinlich zunächst weiter nachgeben. Das räumt sogar die Bank of England ein. Gewinnt hingegen das Europa-Team, wird sich das Pfund womöglich erholen.

Wen es zeitlich nicht drängt, der kann auch an dieser Stelle die Ruhe bewahren. Die Ausstiegstruppe hat in den vergangenen Tagen einen Plan zum endgültigen Verlassen der Union bis 2019 hingelegt, genug Zeit also, auf einem günstigen Moment für den Währungstausch zu warten.

Wie bei jeder Krise gibt es eine Gruppe von Sparern und Anlegern, die auf Gold schwören. Ich gehöre erklärtermaßen nicht dazu und würde deshalb auch diesmal vom Kauf größerer Goldmengen abraten. Zehn Prozent des freien Vermögens in Gold sind in Ordnung für die, die dann ruhiger schlafen, mehr muss nicht sein.

Das letzte Rekordhoch beim Gold haben Anleger 2011 gesehen, damals musste man rund 1900 Dollar für die Feinunze ausgeben. Die Kaufkosten für Kleinanleger sind inzwischen gefallen, im vergangenen halben Jahr ist der Goldpreis auch deutlich gestiegen, dennoch kostet die Feinunze Gold nur rund 1300 Dollar. Insgesamt hat Gold in der Vergangenheit pro Jahr weniger Rendite gebracht und mehr geschwankt als der Weltaktienindex MSCI World.

Zuletzt noch eine Idee für Praktiker der Wirtschaft, die nicht vor fundamentalen Veränderungen ihres Geschäftsmodells zurückschrecken: Vielleicht gibt es bald in Berlin Pubs für Briten, die sich weiterhin dem Kontinent verbunden fühlen - so wie es die "Ständige Vertretung" für Exil-Bonner in der neuen Hauptstadt gibt. Ich war neulich dort und habe den Besitzer gefragt, ob das nicht was für ihn wäre. Die Antwort kam mit einem Lächeln: Nein, und auf diesen Gedanken sei er auch noch nicht gekommen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.
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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
romeov 18.06.2016
1. Ruhe bewahren
...sollen immer die dummen Ahnungslosen, sie stützen das System indem sie sich vernünftig verhalten. Die, die den Durchblick haben wetten dann schon auf den Zusammenbruch und stecken sich die fette Kohle ein, investieren gerade in Gold und sind wieder voll dabei, wenn die Aktienkurse am Boden sind.
max-mustermann 18.06.2016
2.
Zitat von romeov...sollen immer die dummen Ahnungslosen, sie stützen das System indem sie sich vernünftig verhalten. Die, die den Durchblick haben wetten dann schon auf den Zusammenbruch und stecken sich die fette Kohle ein, investieren gerade in Gold und sind wieder voll dabei, wenn die Aktienkurse am Boden sind.
Sie haben es erkannt, im normalen Arbeitsleben ist es nicht anders. Die ganzen kleinen Arbeiter und Angestellten erwirtschaften den Gewinn eines Unternehmens und garantieren so dessen existenz, aber die dicke Kohle stecken die Manager ein egal was für (Fehl-)Entscheidungen sie treffen.
PaulchenGB 18.06.2016
3.
Verbraucher zu spüren". Was für ein Blödsinn. Wenn auf die Exporte nach GB "Strafzölle" erhoben werden und sich die Verbraucherpreise erhöhen, kaufen die Briten eigene Produkte und Substitute aus Außereuropäischen Ländern. Die deutschen Waren werden Ladenhüter und werden letztendlich verbilligt angeboten. Gewinne der BRD-Unternehmen sinken, schlecht für Schäuble und die Börse. Und letztlich: für wie blöd werden die Nicht-EU'ler CH und Norwegen eigentlich gehalten. Die haben sehr genau ausgerechnet, dass es wesentlich günstiger ist, hunderte von Millionen € in die EU-Kasse zu zahlen als diesem Verein beizutreten. Kommt es nicht zum BREXIT, wird GB nicht mehr Rosinen picken sondern Brocken.
vegeta73 18.06.2016
4. Interessant wirds wenn eine der vier Grossen
aus der EU austritt. Andere werden das genau beobachten und vielleicht nachahmen wenn es nicht so schlimm kommt wie in den deutschen Medien gebehtsmühlenartig wiederholt. Italien und Frankreich könnten dann folgen und dann wäre plötzlich Deutschland wieder alleine mit seinen kleinen Satellitenökonomien. Dann werden deutsche Produkte wieder teuer und das deutsche Dumping zu Lasten anderer ist dann vorbei. Interessant wirds
exil-berliner 18.06.2016
5. Alle Anlagetipps sind reine Spekulation...
Zitat von romeov...sollen immer die dummen Ahnungslosen, sie stützen das System indem sie sich vernünftig verhalten. Die, die den Durchblick haben wetten dann schon auf den Zusammenbruch und stecken sich die fette Kohle ein, investieren gerade in Gold und sind wieder voll dabei, wenn die Aktienkurse am Boden sind.
genau richtig von Ihnen formuliert! Wer sich auf Finanztipps von der Spiegel Redaktion verlässt kann auch gleich das Handelsblatt lesen. Allen anderen viel Glück - Gold hat die letzten Wochen fast 10% zugelegt, wird wenn ein Brexit kommt weitersteigen, wenn der Brexit nicht kommt implodieren also mindestens wieder 10% ins Minus drehen.
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