Mobilitätskonzepte Diese Alternativen gibt es zum eigenen Auto

Ob Carsharing, Leihfahrräder oder Fahrdienste: Es gibt Alternativen zum eigenen Fahrzeug - selbst auf dem Land. Schauen Sie, welches Angebot zu Ihnen passt.

Leihfahrräder und -autos des DB-Unternehmens Flinkster
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Leihfahrräder und -autos des DB-Unternehmens Flinkster

Eine Kolumne von


Eines muss man Uber lassen: Der US-Konzern hat das Thema Mobilitätskonzepte in die Schlagzeilen gebracht. In Deutschland ist Uber wegen rechtlicher Einschränkungen derzeit nicht besonders präsent. Und auch von Investoren gab es zuletzt einen Dämpfer. Der Börsengang brachte nicht ganz so viel Geld ein wie erhofft, der Kurs sackte anschließend ab.

Meiner Meinung nach steht Uber ohnehin nicht für die strahlende Zukunft der Mobilität, sondern für einen Konzern, der Milliarden verbrennt, Fahrer abzockt und seinen Vorständen exorbitante Gehälter zahlt (45 Millionen Dollar Jahresgehalt für den Chef).

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Doch der missglückte Börsengang und Schlagzeilen über Ubers rabiate Praktiken können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Bedarf für neue Mobilitätslösungen gibt. Sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus ökologischen Erwägungen.

Modellrechnungen der OECD (PDF) zeigen, dass man nur fünf Prozent aller aktuell angemeldeten Autos benötigt, um den Innenstadtverkehr ohne Zeitverlust abzuwickeln, wenn man auf Sharing und autonomes Fahren setzt - zumindest in Städten wie Helsinki, Dublin oder Lissabon.

Machen Sie sich Gedanken über Alternativen

Immer mehr Menschen drängen in die Städte. Dort nehmen Autos Platz weg, verursachen Staus und sind ein wichtiger Faktor für Luftverschmutzung. Im Konflikt um den Abgasbetrug beim Dieselmotor geht es nicht nur um manipulierende Konzerne und die Wahl der richtigen Antriebsform, sondern auch um das Auto und die Zukunft des Individualverkehrs an sich.

Doch Hand aufs Herz: Wirkliche Veränderungen stehen bei uns bislang meist nur an, wenn das Auto kaputt geht oder sich Familienzuwachs ankündigt.

Doch das Angebot an Alternativen ist inzwischen so groß, dass sich ein genauerer Blick lohnt.

  • Prüfen Sie, ob Carsharing für Sie in Frage kommt. 2,5 Millionen Mal haben sich Bürger fürs Carsharing in Deutschland angemeldet. Manche sicher bei mehreren Anbietern. Es gibt schon über 20.000 Carsharing-Fahrzeuge. Carsharing gibt es in 740 Städten und Gemeinden.
    In sieben Großstädten kann man das Auto per App finden und im Stadtgebiet stehenlassen. Die "Free-Floating"-Anbieter DriveNow und Car2Go prägen das Stadtbild (demnächst werden sie unter der Marke ShareNow verschmolzen).

    In kleineren Städten und Gemeinden dominieren hingegen Systeme, bei denen man das Auto an bestimmten Stellen abholen kann und dorthin auch wieder zurückbringen muss. Wichtigster Anbieter - aber bei weitem nicht der einzige - ist die Bahntochter Flinkster mit 4.500 Autos in 400 Städten.
  • Ach ja, und wenn Sie fürs Wochenende ein Auto brauchen: Die guten alten Autoverleiher haben für solche Anforderungen oft immer noch die besseren Preise. Manche wie Sixt bieten sogar Carsharing oder Auto leihen zur Auswahl an.
  • Testen Sie nach dem Schützenfest die Bürgerbusse oder Ruf-Taxi-Systeme im öffentlichen Verkehr ihrer Heimatgemeinde. Bürgerbusse mit Ridesharing gibt es seit 35 Jahren, damals gestartet in Nordrhein-Westfalen. Inzwischen gibt es fast 400 Kommunen mit solchen Modellen, allein in NRW sind 3.300 ehrenamtliche Fahrer unterwegs.
  • Nutzen Sie E-Auto-Bestellsysteme wie die BVG-Tochter Berlkönig mit 40 Autos und festangestellten Fahrern in der Berliner Innenstadt oder die VW-Tochter Moia, die ihre Fahrer auch fest anstellt und immerhin 100 E-Autos in Hamburg und 75 Benziner in ganz Hannover an den Start bringt.
  • Für viele junge Städter ist das Rad das wichtigste Verkehrsmittel. Die Unter-40-Jährigen (und auch Touristen) sind die Hauptkunden für einige Zehntausend Leihräder, die die Bahntochter Callabike (15.000 in 70 Städten), Nextbike (20.000 in 60 Städten) und chinesische Firmen inzwischen in Dutzenden deutschen Städten anbieten.
  • Demnächst werden auch noch die Elektrostehroller hinzukommen. Noch ist unklar, wie gut die angenommen werden. In jedem Fall sind sie eine vergnügliche Ergänzung zu den Leihrädern (zumindest für die Fahrer).
  • Wer sich nicht von seinem Auto trennen mag: "Sharen" Sie es mit den Nachbarn. Ich komme vom Bauernhof, dort werden seit langem teure technische Geräte geteilt, die man nicht oft benötigt. Wenn Sie den persönlichen Kontakt scheuen, können Sie Ihr Auto über Plattformen wie Drivy oder Getaway anderen Privatpersonen gegen Entgelt anbieten - inklusive Versicherung.

Prüfen Sie vor allem, welche ihrer Mobilitätsbedürfnisse die neuen Systeme tatsächlich erfüllen können. Mit welchem Verkehrsmittel kommen Sie am besten zur Arbeit? Braucht Ihr Kind wirklich ein Elterntaxi oder kann es zu Fuß in den Kindergarten oder zur Schule gehen? Müssen Sie einen Fahrradanhänger oder ein Lastenrad für den Wochenendeinkauf anschaffen? Ist das Modell alltagstauglich, wenn Sie irgendwann den Führerschein abgeben wollen oder müssen?

Unter 7000 Kilometer lohnt kein eigener Wagen

Und machen Sie dann einen Strich drunter. Was kostet das Modell an Geld und an Zeit, in der Woche, im Monat?

Fürs erste überschlägige Rechnen hier ein paar Daumenregeln: Unter 10.000 Kilometer Fahrstrecke pro Jahr ist Carsharing oft günstiger als ein neues eigenes Auto. Unter 7.000 Kilometer ist die Sache klar: Pkw-Besitzer zahlen fast immer drauf.

In Großstädten wird schon mehr neue Mobilität gelebt. Dort gibt es meist einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, immer mehr Fahrradwege und Sharing-Modelle. Dort geben viele der unter 30-Jährigen kein Geld mehr aus für den Führerschein - wozu auch. Dort praktizieren auch Taxizentralen das Sharing-Modell und organisieren Sammeltaxis für die Kunden.

Sogar der ADAC geht davon aus, dass die Zahl der Autos in den Städten in Zukunft tatsächlich abnehmen wird - bis zu 30 Prozent in den kommenden 20 Jahren. Bislang nimmt sie allerdings noch zu.

Auch deshalb sollten Politiker über kostenlosen Nahverkehr nachdenken. Mindestens aber sollten Kommunen die Erfahrungen auswerten, die Studenten mit Jahreskarten des regionalen Nahverkehrs zu einem Euro am Tag machen.

Umstieg aufs E-Auto statt kompletter Verzicht

Und wer auf dem Land wohnt und nicht aufs eigene Auto verzichten will: Verkehrswissenschaftler wie Alexander Jung von der Agora Verkehrswende sehen im E-Auto inzwischen die Lösung für besseren Verkehr auf dem Land. Dort hätten viel mehr Menschen den Stellplatz und das Potential für die eigene Ladestation, womöglich gar mit eigenem Strom.

Ein Tipp für E-Auto-Pioniere: Installieren Sie einen Akku mit Ladestation in der Garage, wenn Sie die Solaranlage schon auf dem Dach haben. Ökologisch ist das allemal.



insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Darkqueen 18.05.2019
1.
Das Problem ist das Leute mit negativer Schufa kein Carsharing machen können, also werden arme Leute nicht an der neuen Mobilität teilnehmen können
Wolfilein 18.05.2019
2. Lächerlich
Auf dem Land (Schwäbische Alb) gibt es gar nichts in Sachen Carsharing! Taxis sind auch sehr rar und wenn man z.B. pünktlich zum Arzt oder Bahnhof muss sollte man das Taxi mindesten einen Tag zuvor bestellen.
Hamberliner 18.05.2019
3. Vertütelung zweier unterschiedlicher Themen
Herr Tenhagen scheint selber nicht zu wissen, über welches zweier Themen er schreiben will: 1.) Alternativen zum Auto oder 2.) Alternativen zum Eigentum. Zu 1.): Er reist wohl nicht so viel und hat gar nicht mitbekommen, dass beispielsweise in den Mittelmeer-Metropolen der Individualverkehr überwiegend aus Zweirädern besteht. In weiten Teilen der Erde ist das so. In Barcelona, in den Teilen der Stadt wo das Straßennetz als regelmäßiges Quadrate-Gitter gestaltet ist, gibt es sogar an jeder Kreuzung vor der Ampel einige Meter Straße, wohin nur Zweiräder sich vordrängeln dürfen um auf grün zu warten. Zu 2.) Das wichtigste Verkehrsmittel sind immer noch die eigenen Füße. Bei der Fortbewegung mit diesen trägt und braucht man Schuhe. Warum eigentlich eigene Schuhe? Man trägt im Bett keine, man trägt zuhause keine, und bei der Arbeit im Büro wären Badelatschen, Puschen oder Birkenstock-Holzsandalen auch viel angenehmer. Herr Tenhagen kann doch bestimmt ausrechnen, unterhalb wieviel km Fußmarsch pro Tag sich eigene Schuhe gar nicht rentieren. Da muss eine Alternative her, und die kommt bestimmt bald: Shoesharing. Man installiert eine Shoesharing-App auf dem Smartphone, und kurz vor Feierabend tippt man drauf. Dann kommt von der Straße ein kleiner autonom fahrender Roboter, oder aus der Luft eine Drohne, und stellt einem die Schuhe vor die Füße, die ein anderer User vorher ausgezogen und freigegeben hat. Die Schuhe sind alle made in China, bestehen aus Plastik, werden nach jeweils einem Monat entsorgt weil sie kaputt sind, und der Service wird von einem US-amerikanischern Konzern betrieben, dessen Aktien als Technologiewerte an der Börse gehandelt werden und auch im NASDAQ auftauchen. Proud to share!
edu86 18.05.2019
4. Möglichkeiten auf dem Land?
Ich komme zur Arbeit nur mit einem Auto hin. Carsharing auf dem Land muss zu 100% immer einer für mich da sein. Das was hier vorgeschlagen wird ist lachhaft. Völlig an der Realität vorbei.
Der Bruddler 18.05.2019
5. Was ist mit Pendlern?
Alles schön und gut, wenn man in der Großstadt wohnt und in der Nähe des Wohnortes arbeitet. Nur wer tut das denn? In der Pendlerhochburg Rhein-Main sind Wege zur Arbeit von 30-50 km normal und trotz eklatanter Staus ist der überfüllte, langsame und unzuverlässige ÖPNV keine Alternative. Daher statt über Sharing und City Maut zu schwafeln, endlich den ÖPNV ausbauen und Engstellen im Straßenverkehr beseitigen.
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