Private Krankenversicherung Kommt der Corona-Aufschlag für Ungeimpfte?

Ein Vorstoß aus der Versicherungsbranche sorgt für Aufsehen: Ungeimpfte sollen in der privaten Krankenversicherung womöglich bald extra zahlen. Der Ärger über den Vorschlag ist groß – auch innerhalb der Branche.
Wer sich nicht gegen Corona impfen lässt, könnte bald mehr für die private Krankenversicherung zahlen müssen

Wer sich nicht gegen Corona impfen lässt, könnte bald mehr für die private Krankenversicherung zahlen müssen

Foto: Christopher Neundorf / dpa

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Wer sich nicht gegen Corona impfen lassen will und eine private Krankenversicherung abschließen möchte, könnte in Zukunft extra zur Kasse gebeten werden. Unter den Versicherern läuft aktuell eine Debatte darüber, wie die hohen Kosten der Covid-19-Behandlungen an die Versicherten weitergegeben werden können.

In die Öffentlichkeit gebracht hat das Thema R+V-Chef Norbert Rollinger mit einer scharfen Kritik an Impfverweigerern. Die zeigten »ein sozial schädliches Verhalten«, sagte Rollinger »t-online« . Er könne sich deshalb eine Unterscheidung zwischen gegen Corona Geimpften und Nicht-Geimpften vorstellen. Wann es die ersten Tarife privater Krankenversicherer dazu geben werde, hänge davon ab, »wie lange sich die schweigende Mehrheit der Geimpften von den hartnäckigen Impfverweigerern noch auf der Nase herumtanzen lässt«. Der R+V-Chef verglich die Impffrage mit der Unterscheidung von Rauchern und Nichtrauchern, die bereits heute Teil von Tarifen sei.

Der Vorstandschef einer der größten deutschen Versicherungsgruppen wirft damit eine zentrale Frage für die Branche auf: Wer zahlt die Kosten für Coronainfektionen von Ungeimpften? Die gesetzlichen Krankenkassen dürfen rechtlich nicht nach dem Impfstatus unterscheiden, doch für die privaten Krankenversicherungen und deren rund 8,7 Millionen Kunden geht es um viel Geld. Denn: Covid-19-Behandlungen, womöglich sogar im Krankenhaus, und die Langzeitfolgen der Krankheit kosten pro Versichertem schnell mehrere Zehntausend Euro. Das belegen Daten mehrerer Versicherungsunternehmen.

Versicherungsbranche ist überrascht

In der Branche selbst ist man von der plötzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit offenbar überrumpelt worden. Beim PKV-Verband, dem Dachverband der privaten Krankenversicherer, heißt es, man müsse erst einmal intern über den Vorstoß der R+V beraten. Sogar die R+V selbst muss nach dem Interview beschwichtigen. »Das war nur als Denkanstoß für eine offene Debatte gedacht«, erklärt Sprecher Grischa Brower-Rabinowitsch auf Anfrage. »Weder bei uns noch in der Branche wird meines Wissens an solchen Tarifen gearbeitet.« Der scharfe Ton des R+V-Chefs deutet allerdings darauf hin, dass das nicht so bleiben muss.

Denn rechtlich spricht nach Ansicht von Experten nichts dagegen. »Private Versicherer könnten ohne Probleme nach dem Impfstatus fragen«, sagt David Sahlender. Er ist Fachanwalt für Versicherungsrecht und vertritt regelmäßig Kunden gegenüber deren Versicherungen. Weil Verträge zwischen Versicherern und Versicherten reine Privatsache seien, gebe es keine rechtlichen Hürden. Wer allerdings bereits einen laufenden Vertrag hat, muss sich keine Sorgen machen. »So ein Vertrag kann vom Versicherer nicht ohne Weiteres einseitig beendet werden«, sagt Sahlender. Nur wenn sich wesentliche Bedingungen änderten, sei das möglich, der Impfstatus habe damit aber nichts zu tun. Privatversicherte, die etwa einen neuen Tarif mit mehr Leistungen oder niedrigerem Selbstbehalt wollen, könnten allerdings in Zukunft nach ihrem Impfstatus gefragt werden.

Private Versicherer fragten ohnehin detailliert nach dem Gesundheitsstatus ihrer Kunden, etwa nach Verletzungen oder Vorerkrankungen, erklärt der Jurist. Da sei auch die Frage nach dem Impfstatus kein Problem. »Das ist eine ganz normale Frage. Bei der Unfallversicherung fragt man auch, wer Motorrad fährt und wer nicht«, sagt Sahlender. Es gehe ausschließlich darum, das höhere Risiko einer Coronaerkrankung finanziell abzudecken. Kurzum: Wer sich nicht impfen lassen will, obwohl es keinen gesundheitlichen Grund dafür gibt, der zahlt womöglich bald drauf.

Verbraucherschützer üben Kritik

Kritik an dem Vorschlag kommt bereits von Verbraucherschützern. »Sich jetzt mit Ungeimpften einen Einzelfall herauszugreifen, ist nicht zielführend. Dann müsste man auch in anderen Fällen, zum Beispiel bei Masern, spezielle Tarife vorsehen«, sagte der Versicherungsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), Lars Gatschke, dem »Handelsblatt«.

Auch der Bund der Versicherten äußert sich zurückhaltend. »Ruhig Blut«, mahnt Vorstandssprecher Axel Kleinlein und verweist darauf, dass es noch keine statistischen Daten dazu gebe, wie viel eine Coronainfektion über Monate und Jahre kostet. »So habe ich auch den R+V-Chef verstanden: Wir müssen langfristig schauen«, sagt Kleinlein. Er rät Versicherern davon ab, mit einem neuen Tarif als PR-Gag vorzustoßen, das sei schlicht unseriös.

Versicherer äußern sich zurückhaltend

Eine SPIEGEL-Umfrage unter den größten privaten Krankenversicherern zeigt: Konkret ist bisher noch nichts.

So lehnt etwa die Marktführerin Debeka eine Unterscheidung nach Impfstatus ab. »Das ist weder sinnvoll noch praktikabel«, sagt Debeka-Sprecher Gerd Benner. Der administrative Aufwand sei unverhältnismäßig hoch. Ähnlich äußerten sich AXA, die Generali-Tochter Central und die BBKK.

Die HUK-Coburg setzt darauf, sich die Frage nach der Coronaimpfung in Zukunft sparen zu können. »Es ist wichtig, dass sich so viele wie möglich impfen lassen. Dann ist eine mögliche Unterscheidung nicht erforderlich«, heißt es von dort. Bis dahin dürfte es allerdings noch dauern, denn aktuell sind nur gut 63 Prozent der Deutschen vollständig geimpft. Die Debatte wird also weitergehen.

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