Hermann-Josef Tenhagen

Coronapandemie Was Sie tun müssen, wenn Sie sich bei der Arbeit infizieren

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
In der Coronapandemie ist der Arbeitsplatz oft ein gefährlicher Ort. Wer sich dort ansteckt, sollte das unbedingt dokumentieren und melden, um bei Folgeschäden gut abgesichert zu sein.
In Schlachthöfen kam es bereits mehrmals zu Coronaausbrüchen

In Schlachthöfen kam es bereits mehrmals zu Coronaausbrüchen

Foto: dpa/Tönnies

Das klingt vielleicht nicht wichtig, ist es aber: Eine Coronainfektion kann ein Arbeitsunfall sein. Das kann einen großen Unterschied machen, falls jemand unglücklicherweise unter Long Covid leidet , also Langzeitsymptome hat. Denn dann würde unter Umständen die Berufsgenossenschaft eine Rente zahlen.

Dazu müssten Sie sich natürlich während der Arbeit angesteckt haben. Und es müsste zu einer anerkannten Berufskrankheit führen. Bisher ist das aber praktisch fast nur in Gesundheitsberufen so.

Dabei gibt es Infektionsherde für Covid natürlich auch in Schlachthöfen , in Hausgerätefabriken, bei Lebensmittelherstellern, in Büros und sogar in Betonwerken. Was müssen Mitarbeiterinnen also tun, um bei Langfristfolgen so ordentlich geschützt zu sein wie bei einer Berufskrankheit?

Arbeitsunfall Covid

Mehr als 47.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind allein im Januar und Februar 2021 wegen Covid bei der Arbeit krank geworden und haben dies auch ihrer Berufsgenossenschaft oder der gesetzlichen Unfallversicherung gemeldet, berichten die Unfallversicherer. Das sind 50 Prozent mehr als im gesamten Jahr 2020. Offenbar wird der Arbeitsplatz als Ort der Ansteckung immer relevanter. Das RKI zeigt bei den registrierten Coronaausbrüchen (ab 5 Personen) bislang 10 bis 15 Prozent am Arbeitsplatz an. Drei Millionen Infektionen sind in Deutschland bisher insgesamt registriert.

Die Dunkelziffer ist also wahrscheinlich hoch. Das ist nicht bloß die Klage der Gewerkschaften wie Ver.di, auch die Statistiken der gesetzlichen Krankenkassen legen das nahe. Viele Beschäftigte haben sich womöglich bei der Arbeit angesteckt, ohne dass dies in den Statistiken richtig auftaucht. Nur ein Beispiel: In Berlin haben Busfahrerinnen und Busfahrer eine fast 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, an Corona zu erkranken, als Normalbeschäftigte . Als Berufskrankheit wird das bislang meist nicht anerkannt.

Und im Westfälischen haben sich bei der AOK Nordwest mehr als doppelt so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Zimmereien mit Corona krankgemeldet als der Durchschnitt nahelegen würde. Noch höher lagen die Werte nur in der Kindererziehung und Betreuung und im Medizinbereich . Bei Landwirten, die viel draußen arbeiten, lag die Infektionsrate hingegen zwischen März und Oktober 2020 erwartungsgemäß nur bei einem Drittel des Durchschnitts.

Ohne dass die Versicherten viel davon mitbekommen, streiten Krankenkassen und Berufsgenossenschaften hinter den Kulissen um die richtige Einstufung: Ist es ein Arbeitsunfall? Eine Berufskrankheit? Oder keins von beidem? Für die Kosten von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten müssen die Arbeitgeber in der gesetzlichen Unfallversicherung allein aufkommen, bei den Kosten normaler Unfälle und Erkrankungen zahlen die Krankenkassen, also Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam.

Warum ist die Anerkennung als Berufskrankheit oder Arbeitsunfall wichtig? Arzt ist doch gleich Arzt, Krankenhaus gleich Krankenhaus. Tatsächlich hat die Einstufung als beruflich verursachte Erkrankung vor allem bei schwereren Krankheitsverläufen eine hohe Bedeutung für die Beschäftigten – und eine langfristige Relevanz .

Auf der Habenseite für die Beschäftigten: Die Berufsgenossenschaft oder Unfallversicherung bezahlt länger Lohnersatz, sie bezahlt berufsbezogene Reha-Maßnahmen und auch Umschulungen. Sie nimmt dabei viel Geld in die Hand, um die Erkrankten schnell und gesund wieder an den Arbeitsplatz zurückzubringen. Die Arbeitgeber haben hier ein hohes Interesse, sie zahlen es schließlich allein. Wenn am Ende alles nichts hilft, zahlt die gesetzliche Unfallversicherung auch eine vergleichsweise hohe Rente für Menschen, die einen bleibenden Schaden erlitten haben.

Wenn als Spätfolge einer solchen Covid-Infektion im Job nach Jahren Schäden auftreten, ist es also wichtig, dass die Erkrankung vorher als möglicher Arbeitsunfall oder Berufskrankheit registriert ist .

Wann die gesetzliche Unfallversicherung einspringt

Im Prinzip lassen sich drei Fälle unterscheiden:

Erstens: Beschäftigte, bei denen eine Coronaerkrankung am Arbeitsplatz ohne großes Federlesen als Berufskrankheit akzeptiert wird. Die Berufsgruppen finden Sie in einer Liste 3101 für die gesetzlichen Unfallversicherungen und Berufsgenossenschaften . Dazu gehören zum Beispiel Ärztinnen und Krankenpfleger, Mitarbeiterinnen aus Arztpraxen, ambulanten Pflegediensten und Apotheken – aber auch Arbeitnehmer aus Laboren, Fahrerinnen und Sanitäter bei Krankentransporten oder Rettungsdiensten.

Inzwischen gehören Mitarbeiterinnen in der Kinder-, Jugend-, Familien- und Altenhilfe zu dieser Gruppe. Und natürlich Betreuer für behinderte oder psychisch erkrankte Menschen – oder für Drogensüchtige und Obdachlose. Der Oberbegriff lautet hier Wohlfahrtspflege.Tatsächlich sind diese Gruppen nach einer Statistik der Barmer Krankenkasse  besonders betroffen.

Zweitens: »Gleiches gilt für Personengruppen, die bei ihrer versicherten Tätigkeit der Infektionsgefahr in einem ähnlichen Maße besonders ausgesetzt waren«, heißt es zusätzlich bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Explizit erwähnt werden hier Friseure und Kosmetikerinnen. Die Gewerkschaft Ver.di nennt auch Optiker und Tätowiererinnen. Explizit nicht gilt eine solche Einstufung für Verkäufer und Busfahrerinnen. Und das, obwohl Busfahrerinnen und Busfahrer von Covid offenbar häufig hart getroffen werden. Sie sind statistisch am längsten im Job ausgefallen, sagt die Barmer.

Drittens: Die andere Möglichkeit ist die Anerkennung einer Covid-19-Erkrankung als Arbeitsunfall, wenn die Voraussetzungen für die Berufskrankheit nicht vorliegen. Die Regeln dafür hören sich eigentlich nachvollziehbar an, im Detail kann es allerdings sehr schwierig werden. Der Erkrankte muss nämlich einen sogenannten Vollbeweis führen. Er muss die Person benennen, bei der er sich angesteckt hat (Indexperson), mit der er also lange intensiv Kontakt hatte. Einfacher wird das nur, wenn sich in Firmen nachgewiesene Krankheitsausbrüche ereignen. Wie zum Beispiel in den Schlachthöfen von Tönnies und Westfleisch in Westfalen, im Miele-Werk in Euskirchen oder in den Gemüsebetrieben im bayrischen Mamming. Allein bei den Schlachthöfen hat die zuständige Berufsgenossenschaft in den vergangenen Monaten über 600 Fälle anerkannt, sagte der Sprecher der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN), Michael Wannhoff.

Auch für erkrankte Schülerinnen und Schüler ist die gesetzliche Schüler-Unfallversicherung schon eingesprungen, wie bei einem Beinbruch beim Schulsport. Im Januar und Februar wurden bundesweit 73 solcher Fälle gemeldet und 41 anerkannt. Angesichts der Zahl der erkrankten Lehrerinnen und Lehrer liegt auch hier der Verdacht einer ordentlichen Dunkelziffer nahe.

Unbedingt melden

Eigentlich muss der Arbeitgeber, die Schule, der behandelnde Arzt oder bei Verdacht auch die Krankenkasse die Infektion melden. Für Infizierte ist es aber wichtig, hier auf Nummer sicher zu gehen. Hat der Arbeitgeber oder Arzt vielleicht nicht gemeldet, können Sie das auch formlos selbst tun.

Manches Unternehmen hat kein Interesse an einer Meldung, weil das zu vielen Nachfragen und zur Beeinträchtigung der Produktion führt. Vielleicht sind auch die gesetzlichen Präventionsstandards der Covid-Arbeitsschutzverordnung oder die Arbeitsschutzregelungen nicht eingehalten worden: »Die Arbeitgeber/innen tun immer noch zu wenig. Statt zum Beispiel die Abstände zwischen den Arbeitsplätzen zu vergrößern beziehungsweise den Beschäftigten zur Kontaktreduzierung Homeoffice anzubieten, finden viele das Tragen von Masken zum Schutz der Beschäftigten ausreichend!«, so Katrin Willnecker, Expertin von Ver.di. »Maske allein reicht aber nicht.«

Die eigene Meldung ist deshalb so wichtig, weil es Jahre später bei neueren Erkenntnissen darauf ankommen kann, die Infektion noch zu beweisen. Die AOK Nordwest zum Beispiel berichtet, dass in weniger als der Hälfte aller Fälle einer Krankschreibung wegen Covid von März bis Oktober 2020 der »gesicherte Nachweis einer Infektion … dokumentiert wurde«, es gab meistens nicht einmal einen PCR-Test.

Und womöglich kämpfen

Die Meldung selbst ist dann aber noch keine Garantie, dass die gesetzlichen Unfallversicherer oder Berufsgenossenschaften sich des Falls annehmen. Vielmehr wird ein Teil der Covid-Erkrankungen (15 bis 20 Prozent) nicht als Berufserkrankung anerkannt und sogar ein Großteil der als Arbeitsunfall angemeldeten Erkrankungen nicht als solcher akzeptiert.

Oft fehle der Name der Indexperson, bei der man sich angesteckt haben soll, oder der Kontakt mit dieser Person. Tatsächlich wäre ein solcher Nachweis dann auch für den Busfahrer schwer zu führen, räumt Stefan Boltz von der DGUV ein.

Von gut 2700 Arbeitsunfallmeldungen mit Covid wurden bundesweit im Januar und Februar nur 29 Prozent als Versicherungsfall anerkannt. 2020 haben Arbeitgeber, Ärzte und Arbeitnehmer gut 12.000 Arbeitsunfallmeldungen abgegeben. Da wurde noch in 35 Prozent der Fälle ein Versicherungsfall bestätigt .

Klappt es nicht im ersten Anlauf, gelten die normalen Regeln des Sozialrechts. Der Covid-Erkrankte bekommt einen Bescheid, er sei nicht beruflich erkrankt, zuständig für seine Behandlung sei deshalb die Krankenkasse. Damit fällt man nicht ins Bodenlose. Trotzdem können und sollten Sie als Patient innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Mit dem beschäftigt sich dann der sogenannte Widerspruchsausschuss der Unfallkasse. Sagt der auch nein, bleibt noch der Weg zum Sozialgericht – genau wie beim Ärger mit der Krankenkasse .

Bauen Sie vor

Machen Sie sich klar. Es könnte sich noch viel später herausstellen, dass es Langzeitfolgen gibt, für die der schwierig nachzuweisende Arbeitsunfall verantwortlich ist. Deshalb sollten Sie zwei Dinge in jedem Fall tun:

  • Erstens, selbst die Akten zu Ihrer Erkrankung, zu Ihren Anträgen und zu den Bescheiden von Kranken- und Unfallkassen sammeln und festhalten.

  • Und zweitens, mindestens im sogenannten Verbandsbuch ihres Arbeitgebers die Covid-Erkrankung und die Umstände dokumentieren lassen. Das muss der Arbeitgeber nämlich führen.

Man weiß ja nie.

Bleiben Sie gesund.