Hermann-Josef Tenhagen

Homeoffice, Selbstständige, Mietaufschub Wie andere EU-Länder Verbrauchern in der Krise helfen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Ob gestundete Kredite oder Hilfen für Selbstständige – in anderen EU-Ländern ist die Unterstützung für Verbraucher deutlich besser geregelt als in Deutschland. Ein Überblick.
Foto: Ezequiel Gim√ nez / imago images / Westend61

Die Coronakrise stellt uns vor völlig neue Herausforderungen: gesundheitlich wie finanziell. Da hilft es sehr, zu schauen, was unsere europäischen Nachbarn für Ideen haben. Und welche Erfahrungen sie damit machen. Es gibt viel zu lernen.

Im internationalen Vergleich standen wir in Deutschland schon vor den aktuellen Maßnahmen  gar nicht so schlecht da  . Das heißt aber nicht, dass es nicht auch besser geht.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Denn einige Fragen können wir uns in dieser besonderen Lage nicht oft genug stellen: Entwickeln wir genug Phantasie? Wie können wir die wirtschaftlichen Schäden abmildern? Und wie kommen wir weg von mehr oder minder harten Varianten eines Lockdowns? Um das Einschränken insgesamt kommen wir ja nicht herum, aber vielleicht haben Regierungen und Politiker in anderen Ländern ja auch andere Lösungen entwickelt, die unsere Politik inspirieren können .

Kurzarbeitergeld

Wir sind in Deutschland-Export-Europameister, und wie wir die Rolle halten, darin haben wir Erfahrung und das funktioniert auch in der Krise ganz gut. Deshalb hat sich der Rest der Welt auch durchaus vom deutschen Kurzarbeitergeld inspirieren lassen .  

Das Ziel, die funktionierenden Belegschaften in der Krise zusammenzunhalten, also erfolgreiche Firmen in den Startlöchern zu halten, wird in Großbritannien mit den sogenannten Furlaugh-Regeln  verfolgt. In Frankreich heißt das erklärtermaßen in Deutschland abgeguckte Modell chômage technique. Den Antrag kann der Arbeitgeber dort - wie auch anders in Frankreich – zentral und online stellen. Dann beträgt die Reaktionszeit der Verwaltung maximal 48 Stunden. Ohne Antwort in dieser Zeit gilt der Antrag als genehmigt . Das ist mal eine Ansage. Arbeitgeber zahlen 70 Prozent des Brutto – oder 100 Prozent des Netto bei Mindestlohnangestellten.

Die Regierung der Niederlande hat ihre Kurzarbeiterregeln coronabedingt schon im März durch ein weitreichendes steuerfinanziertes Modell ersetzt. Es hilft Arbeitgebern, deren Umsatz durch Corona mindestens 20 Prozent unter den Vergleichsmonaten des Jahres 2019 liegen . Um den Umsatzverlust schlüssig auszurechen, stellt die Regierung den Unternehmen sogar einen Rechner zur Verfügung .

Soloselbstständige

Deutschland ist beim Kurzarbeitergeld vorn: Beim Unternehmerlohn dagegen tun wir uns schwer. Die bisher ausgelobten Hilfen sind schwer zu beantragen und unklar formuliert in dem, was sie leisten. Folglich wurden kaum Mittel abgerufen: Gerade die Soloselbstständigen konnten viele Hilfen nicht abrufen, weil sie sich immer auf die Betriebskosten eines Unternehmens bezogen. Und die liegen etwa bei Beraterinnen und Musikern halt nahe null. Ihre Hauptkosten sind ihr Lebensunterhalt. Vom Überbrückungsgeld sind auch deshalb in den vergangenen Monaten nur wenige der 25 Milliarden Euro abgerufen worden.

Hier sind andere Länder in Europa deutlich weiter: Die Briten zum Beispiel hatten schon im Frühjahr ein Konzept an den Start gebracht, nachdem Selbstständige mit weniger als 50.000 Pfund Jahreseinkommen in den vergangenen Jahren bis zu 80 Prozent ihres Einkommens ersetzt bekamen. Der Satz wurde dann im Sommer auf 70 Prozent gesenkt und angesichts des neuen Shutdowns mindestens für November wieder auf 80 Prozent erhöht. Ausgezahlt wird das Geld vom Finanzamt.  

Modelle mit Unternehmerlohn gibt es auch in Belgien . Dort sieht die Regierung für Soloselbstständige monatliche Zahlungen von 1292 Euro vor – mit Kindern 1614 Euro. Nicht viel Geld, aber Anerkennung der Tatsache, dass diesen Selbständigen für die Gesundheit des Landes das Arbeiten verboten wurde.

Kreditpausen

Die Briten hatten auch das Modell der Kreditpause wesentlich weiter ausgebaut – vor allem in der Baufinanzierung. In Großbritannien leben zwei Drittel der Einwohner in der eigenen Immobilie . In Deutschland ist es nur die Hälfte. 

Ein Kredit fürs eigene Haus oder die eigene Wohnung gehört von Schottland bis zum Ärmelkanal zum Standard – auch in ärmeren Bevölkerungskreisen. Dort gilt jetzt: Wer seine Raten für die Immobilie nicht zahlen kann, darf sechs Monate Kreditpause einlegen. Das Modell ist gerade Ende Oktober für Neumeldungen noch einmal verlängert worden . Die großen Baufinanzierer unterhalten eigens Onlineportale, auf denen ihre Kunden diese Atempause einfach beantragen können. In dieser Zeit auflaufende Zinsen werden allerdings auf den Kredit aufgeschlagen. 

Eine Stundung für Baukredite von sechs Monaten hat auch Belgien eingesetzt. Dort liegt die Wohneigentumsquote mit gut 70 Prozent sogar noch über der in Großbritannien. Und in Italien können Selbständige und Freiberufler bei ihren Raten für die Immobilienfinanzierung 18 Monate Pause beantragen, falls sie wegen Corona in finanzielle Schwierigkeiten geraten .

Mietstundung

Auch Mietern in finanziellen Nöten wird in anderen europäischen Ländern manchmal mehr geholfen als hierzulande. Das deutsche Mietmoratorium war ja im Sommer nach drei Monaten ausgelaufen und die Wohnungsgesellschaften hatten gesagt, so schlimm sei es nicht gewesen. Das von Corona hart getroffene Spanien hingegen hat ein Zwangsräumungsmoratorium bis 2024 verabschiedet, gleichzeitig aber Entschädigungen für die Hausbesitzer auf den Weg gebracht.  

Autokredite

Selbst bei Autokrediten hatte zum Beispiel die britische Regierung sechs Monate Kreditpause für 6,5 Millionen Autofinanzierungen und andere Ratenkredite möglich gemacht. Diese endeten aber am 31. Oktober und sind bislang noch nicht verlängert . In Deutschland gab es im Frühjahr drei Monate Aufschub, die allerdings zinsfrei an die Laufzeit des Kredites angehängt werden.

Homeoffice

Auch beim Homeoffice haben andere europäische Länder einfache und großzügige Regeln gefunden. Die Briten punkten mit einer verbraucherfreundlichen Pauschalregelung. Wer vom Chef 2020 auch nur einen Tag ins Homeoffice geschickt wird, kann dafür beim Finanzamt die schon vorgesehenen Wochenpauschalen von sechs Pfund für das ganze Jahr geltend machen: Also rund 300 Pfund im Jahr. Alternativ kann der Arbeitgeber die Summe steuerfrei an Mitarbeiter auszahlen . Seit 5. November haben die Briten Homeoffice sogar vorgeschrieben, in allen Fällen, in denen dies möglich ist.

Die Niederländer, die schon lange die gesetzliche Möglichkeiten für Homeoffice in allen Betrieben mit mindestens zehn Mitarbeitern geschaffen haben, wurde von ihrer Regierung Mitte Oktober aufgefordert, wann immer möglich von zu Hause zu arbeiten.

Wenn Arbeitnehmer Homeoffice beantragen, hat der Arbeitgeber in den Niederlanden seit 2015 einen Monat Zeit, dies mit schwerwiegenden Gründen abzulehnen. Tut er nichts, gilt das Homeoffice als genehmigt .

Bei der Steuer im Homeoffice gelten allerdings in den Niederlanden Regeln wie in Deutschland . Um die Kosten des eigenen Büros zu Hause absetzen zu können, muss man vor allem dort arbeiten und es muss ein abschließbarer Raum sein. 

Im Frühling schon hatte die Industrieländerorganisation OECD eine spannende Studie zu den Homeoffice-Potenzialen in den Mitgliedstaaten veröffentlicht. Tenor: Homeoffice hilft auch gegen die schlimmen wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Notwendig dafür ist eine gute Ausbildung der Arbeitnehmer und eine vernünftige Breitbandausstattung . Am ersten fehlt es in Deutschland nicht, am zweiten umso mehr.

Die Beispiele zeigen, manchmal lassen sich mit kreativen Idee die Hilfen noch zielgerichteter steuern und die wirtschaftlichen Folgen besser eindämmen. Patentlösungen sind das dann noch immer nicht.

Es gibt auch das Gegenteil: Kreative Ideen, um Bürger finanziell über Wasser zu halten, gehen in anderen Ländern manchmal auch einher mit weitgehenden Eingriffen ins Privatleben. Den wohl weitgehensten Eingriff machte die britische Regierung: Dort ist Heiraten vorläufig verboten . Das Sterben konnte Boris Johnson allerdings nicht untersagen.

(Wer aktuell in Not ist, kann sich über hiesige Hilfsmaßnahmen im Corona-Ratgeber von Finanztip  informieren oder einen Blick auf die Lotsen-Seite des Bundesarbeitsministeriums werfen (PDF) .

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