Globalisierung in der Krise Was Deutschland zu verlieren hat

Die Globalisierung pausiert, Staaten schotten sich in der Pandemie ab. Das sollte nicht zur Regel werden, warnen Wissenschaftler - und rechnen vor, wie viele Billionen den Deutschen ohne freien Handel fehlen würden.
Containerschiff im Hamburger Hafen: In der Pandemie schwächelt der Welthandel

Containerschiff im Hamburger Hafen: In der Pandemie schwächelt der Welthandel

Foto: Christian Ditsch / imago images

Die Globalisierung ist unter Druck geraten: In der Pandemie schwächelt der Welthandel, auch die Reisetätigkeit geht massiv zurück. Die rasende Verbreitung des Coronavirus um den ganzen Erdball hat vielen Menschen vor Augen geführt, dass die weltweite Vernetzung nicht nur Vorteile, sondern auch Risiken mit sich bringt.

Das schlägt sich in Umfragen nieder: Immer mehr Bundesbürger begreifen die Globalisierung nicht mehr als Chance, sondern als Bedrohung.

Doch wie werden sich die Rückschritte bei der Globalisierung während der Pandemie auswirken? Wenn der freie Welthandel grundsätzlich infrage gestellt würde, was hätte das für Folgen für die deutsche Wirtschaft und die Geldbeutel der Bürger?

Indiens Pro-Kopf-Gewinn? Gerade einmal 24 Euro

Die Prognos AG hat wegen der aktuellen Entwicklung für den im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellten "Globalisierungsreport 2020" durchgespielt, wie sich die bisherigen Abschottungstendenzen im Zuge der Corona-Pandemie auf wohl jeden Einzelnen auswirken werden. Ihre Antwort fällt zunächst einmal recht unspektakulär aus: Zwischen 100 und 500 Euro dürften die Abschottungsmanöver der vergangenen Monate am Ende des Jahres jeden Deutschen kosten (hier geht's zur Studie ).

Alles halb so wild also? Das hängt davon ab, ob die Rückschritte bei der Globalisierung nur eine kurzzeitige Episode bleiben - oder zur neuen Normalität werden. Dann könnte die Weltwirtschaft dauerhaft einen anderen, ungünstigeren Wachstumspfad einschlagen. "Der Versuch, die Globalisierung zurückzudrehen, würde mit Wohlstandsverlusten für alle Länder einhergehen", warnt Thomas Rausch von der Bertelsmann Stiftung.

Gestützt wird diese Argumentation vor allem durch den Rückblick auf die Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte. Die Prognos-Forscher haben für die Bertelsmann Stiftung untersucht, wie groß der Beitrag der Globalisierung zum jährlichen Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik war.

Deutschland gehört zu den Gewinnern

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wäre seit 1990 ohne verstärkte Globalisierung jedes Jahr im Schnitt 85 Milliarden Euro niedriger ausgefallen. In Summe - so schätzen die Wissenschaftler - hat Deutschland dank der zunehmenden Globalisierung in den vergangen drei Jahrzehnten knapp 2,4 Billionen Euro mehr erwirtschaftet.

Die Bundesrepublik gehört damit in absoluten Zahlen zu den großen Gewinnern der Entwicklung. Zum "Globalisierungsweltmeister" küren die Forscher allerdings Japan. Höher liegen die gesamtwirtschaftlichen Zugewinne auch in den USA und in China.

Werden diese Zahlen ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt, ändert sich das Bild erheblich. Pro Kopf gerechnet hat die Globalisierung die Wirtschaftskraft in Deutschland seit 1990 jedes Jahr um 1112 Euro wachsen lassen. Deutschland liegt damit nur noch auf Rang sieben, hinter kleineren Volkswirtschaften wie Finnland, der Schweiz, Irland oder Israel. Die USA wiederum rangieren mit einem Plus von 450 Euro pro Kopf unter den 45 betrachteten Staaten lediglich auf Position 26.

Dass kleinere Nationen besonders stark von der Globalisierung profitieren, ist nicht überraschend: Während große Länder wie die USA selbst über einen großen Binnenmarkt verfügen, sind kleinere angewiesen auf eine enge Verflechtung mit Handelspartnern, wenn sie einen Platz finden wollen in den immer komplexer werdenden Wertschöpfungsketten. Die für die USA ausgewiesenen niedrigen Werte wiederum lassen auch erahnen, warum Donald Trump in den USA bislang eher leichtes Spiel mit seinem protektionistischen Kurs hatte.

Den Armen nicht den Motor abwürgen

Sämtliche großen Schwellenländer stehen auf dieser Rangliste ganz am Ende: In Russland hat die Globalisierung die Wirtschaftsleistung pro Kopf pro Jahr um 115 Euro steigen lassen, in China sind es 95 Euro, im Falle Indiens sogar gerade einmal 24 Euro. Verstärkt der freie Welthandel also schlicht die Dominanz der alten Industrienationen?

Ein Grund für das scheinbar schwache Abschneiden der Schwellenländer ist das geringe Ausgangsniveau, von dem aus ihre Volkswirtschaften 1990 gestartet sind. Tatsächlich hat die Globalisierung in Staaten wie China, Südkorea, Polen oder Chile einen erheblichen Beitrag zur wirtschaftlichen Aufholjagd geleistet. Das zeigt sich, wenn die Globalisierungsgewinne in Relation zur Wirtschaftskraft im Jahr 1990 gesetzt werden: In China übersteigen die Gewinne aus dem Welthandel das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 1990 um mehr als das Sechsfache.

Das Fazit der Studienautoren fällt eindeutig aus: Das Tempo der Globalisierung zu drosseln, würde zugleich den Motor abwürgen, den viele ärmere Länder für ihre Aufholjagd brauchen. Die Wirtschaftsvertreter und Politiker sollten deshalb "darauf hinwirken, die Rahmenbedingungen und Standards der Globalisierung weiter zu verbessern", sagt Thomas Rausch von der Bertelsmann Stiftung.

Denn "nur eine gleichberechtigte Teilhabe aller Länder am freien Handel kann für breiten Wohlstand sorgen".

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