Hermann-Josef Tenhagen

Fünf Risiken Was das Coronavirus für uns alle bedeutet

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Reisen, Job, Geldanlage: Die Ausbreitung des Coronavirus beeinträchtigt auch unser Leben. Die Risiken scheinen dabei allerdings unterschiedlich groß zu sein.
Frau mit Mund- und Nasenmaske: Die Angst wächst auch in Deutschland

Frau mit Mund- und Nasenmaske: Die Angst wächst auch in Deutschland

Foto: Fabian Strauch/ dpa

Die Apothekerin an der Ecke hat keinen Mundschutz mehr. Der Autoingenieur bangt um seinen Job, Autozulieferer wie Bosch, Schaeffler und Webasto leiden unter der Corona-Krise. Aktionäre sehen fallende Kurse, Piloten und Stewardessen erwarten Stress und sehr viele von uns sorgen sich um ihre Gesundheit.

Doch wie groß sind die Risiken der Corona-Epidemie für uns hierzulande wirklich? Fünf große Risiken lassen sich identifizieren

  • Das Risiko für unsere Gesundheit

Es handelt sich beim Coronavirus um ein neuartiges Virus, das offenkundig erst vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, sich jetzt aber recht einfach von Mensch zu Mensch überträgt. Die Zahl der Angesteckten hat die Zahl der Betroffenen des Sars-Grippevirus 2003 weit hinter sich gelassen. Auch in der Inkubationszeit sind Erkrankte ganz offensichtlich sehr ansteckend, wie der Fall der chinesischen Mitarbeiterin des Automobilzulieferers Webasto zeigt. Diese hatte auf einer Tagung in Bayern mehrere deutsche Kollegen angesteckt, ohne selbst schon Symptome zu haben .

Gleichzeitig scheint der Verlauf der Krankheit oft mild zu sein, die Zahl der Toten im Verhältnis zu den Angesteckten ist bislang niedrig. Die geschätzt etwa 20.000 Toten zusätzlich, die die schwere Grippewelle 2018 in Deutschland gekostet hat, rücken das Risiko in Perspektive .

Andererseits: Die britische Regierung hat schon Anfang der Woche angekündigt, alle Reisenden aus der chinesischen Provinz Hubei unter Quarantäne zu stellen. Die Weltgesundheitsorganisation rief am Donnerstag den Internationalen Gesundheitsnotstand aus, um die weltweite Ausbreitung besser eindämmen zu können. Die Bundesregierung holt inzwischen mit der Bundeswehr etwa 90 Deutsche aus der Region Wuhan zurück, die zunächst auf einem Luftwaffenstützpunkt unter Quarantäne bleiben sollen.

  • Das Risiko für den Job

China ist Deutschlands größter Handelspartner, noch vor den USA. Die Millionenmetropole Wuhan und die 60-Millionen-Provinz Hubei sind wirtschaftliche Zentren, gerade für die Autoindustrie. Deutsche Autozulieferer sind dort aktiv und müssen jetzt natürlich Umsatzeinbrüche befürchten. Bosch beschäftigt 60.000 Menschen in China und hat zwei Werke in Wuhan. VW hat mit seinen Joint Ventures 33 Fabriken in China und beschäftigt dort 95.000 Menschen . Und Webasto hat die größte seiner elf chinesischen Fabriken gerade in der Region eröffnet . 600.000 Batterien für E-Autos sollen dort hergestellt werden.

Aktuell halten sich die Auswirkungen noch in Grenzen, weil viele Betriebe wegen der chinesischen Neujahrswochen ohnehin geschlossen haben. Aber schon bald werden die Schließungen auch Rückwirkungen auf Erfolg und Arbeitsplätze hierzulande haben. Die deutschen Exporte nach China liegen bei über 90 Milliarden Euro.

  • Das Risiko für die Konzerne

Manche Konzerne hängen ziemlich existenziell vom Erfolg in China ab. VW stellt dort mittlerweile vier von zehn Autos her. BMW verkauft in China mehr Fahrzeuge als in Deutschland und den USA zusammen. Deutsche Firmen haben mehr als 80 Milliarden Dollar in China investiert . Andere beschließen gerade drastische Schritte. Lufthansa hat angekündigt, die kommenden zwei Wochen nicht nach China zu fliegen. Schon zuvor hatten Britisch Airways, United Airlines und Cathay den Verkehr reduziert.

  • Das Risiko für Ihre Geldanlage

Am Aktienmarkt soll man langfristig anlegen - und weltweit - zum Beispiel mit einem Indexfonds auf den MSCI World . Dann ist das Risiko am kleinsten und trotzdem winkt eine ordentliche Rendite. Einer Pandemie, also einer weltweiten Coronaepidemie, kann man auch mit weltweit anlegenden Indexfonds schlecht ausweichen. Die zentrale Frage bleibt hier: Wie lange hält die Krise an? Vorläufig gibt es noch keinen Grund zur Beunruhigung für langfristige Anleger.

Zum Autor
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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Für einzelne Branchen und für kürzere Zeiträume können die Risiken viel größer sein. In der vergangenen Woche haben die Aktien von Lufthansa und der Britisch Airways Tochter AIG um sieben bis acht Prozent an Wert verloren.

Um das Risiko besser einschätzen zu können, lohnt ein Blick in die Vergangenheit: Seit der Sars-Epidemie 2003 gab es für deutsche Anleger viel gravierendere Einschnitte - etwa die Finanzkrise 2007 bis 2009 und anschließend die Griechenland- und Eurokrise. Die Sars-Epidemie hat die chinesische Wirtschaft und die Weltwirtschaft damals vor 17 Jahren gut überstanden. Chinas Wirtschaft wuchs im Jahr 2003 etwas weniger schnell, die Aktienmärkte erholten sich aber damals binnen wenigen Monaten. Die wirtschaftlichen Kosten der Epidemie mit 800 Toten sollen sich damals auf 40 Milliarden Dollar belaufen haben.

Doch Ende 2002 war China für den Welthandel gerade so bedeutsam wie Frankreich und schickte sich gerade erst an, an Japan vorbeizuziehen.

Heute ist die internationale Vernetzung der chinesischen Wirtschaft viel weiter fortgeschritten. Chinas Anteil am Welthandel ist mehr als doppelt so groß wie damals, liegt bei 12 Prozent. Nicht nur bei Exporten und Importen. In China wurden 2019 rund 24 Millionen Autos und noch mal über vier Millionen Nutzfahrzeuge hergestellt. Allein der VW-Konzern stellt in China so viele Autos her wie alle Konzerne in Deutschland zusammen.

China ist inzwischen der weltgrößte Exporteur und zweitgrößter Importeur nach den USA, zudem der weltgrößte Energieverbraucher. Veränderungen bei diesen Kennziffern können erhebliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben.

Wie wichtig der chinesische Konsum heute ist, hat die Kursentwicklung der Aktien von Luxusgüterhersteller in den vergangenen zwei Wochen gezeigt: Konzerne wie LVHM, Hermes, Burberry und auch Boss verloren erheblich an Wert.

Und mehr wird kommen: Der Börsenwert von Fluglinien ist geschrumpft,  Starbucks hat die Hälfte seiner Cafés, Ikea die Hälfte seiner Möbelhäuser in China vorläufig geschlossen. Der Starbucks-Kurs rauschte trotz Erfolgszahlen in den Keller.

US-Wissenschaftler haben in Studien 2017 und 2018 ausgerechnet , dass die Kosten einer Pandemie schnell 500 Milliarden Dollar betragen können, auch wenn das immer noch deutlich weniger als ein Prozent der Weltwirtschaft repräsentiert.

  • Reisende von und nach China

Jährlich reisten zuletzt etwa 600 bis 650 Tausend Menschen aus Deutschland nach China, davon waren rund zwei Drittel Geschäftsreisende.

Aktuell ist zwar keine Reisesaison, auch Veranstalter wie Studiosus hatten ohnehin bis Mitte März keine Reisen geplant. Dieser Veranstalter strich aber gleich alle Reisen bis Mitte April und erlaubt die kostenlose Stornierung aller Touren bis Ende Mai. Schon am vergangenen Wochenende hat die chinesische Regierung sämtliche Gruppenreisen im Land untersagt.

Das Auswärtige Amt schließlich hat am Dienstag einen Warnhinweis für die betroffene chinesische Provinz erlassen. Der Tourismus in China wird in den kommenden Monaten sicher keine Rolle mehr spielen.

Gravierender könnte die Auswirkung für den Tourismus in Deutschland sein. Noch 2003 sind Chinesen wenig gereist. 2018 sollen dagegen schon 150 Millionen Chinesen aus der Mittelschicht unterwegs gewesen sein . 1,6 Millionen chinesische Touristen jedenfalls haben 2018 Deutschland besucht, jeder Zehnte davon allein Berlin. Die werden 2020 in der Zahl eher nicht kommen.

Mein vorläufiges Fazit: Das größte Corona-Risiko droht unseren Jobs, das zweitgrößte unserer Geldanlage, jedenfalls kurzfristig. Das gesundheitliche Risiko durch das Coronavirus tritt dahinter deutlich zurück - jedenfalls nach aktuellem Stand.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Cathay habe den Flugverkehr komplett eingestellt. Tatsächlich wurde er nur reduziert.

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