Hermann-Josef Tenhagen

Tenhagen-Kolumne Soll man jetzt Aktien kaufen?

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Noch in keiner Krise ist der Dax so schnell abgestürzt wie in dieser. Lohnt es sich also jetzt, billig zu investieren? Kommt darauf an, wie abgebrüht Sie sind.
New Yorker Börsenhändler vor rund einer Woche

New Yorker Börsenhändler vor rund einer Woche

Foto: Lucas Jackson/ REUTERS

In den vergangenen vier Wochen kannte der Aktienmarkt quasi nur eine Richtung - nach unten. Und wie immer bei solchen Krisen und Crashs gibt es Menschen, die irgendwann die Losung ausgeben: Dies sei jetzt die richtige Zeit, um Aktien zu kaufen. Und in der Tat ist der Kauf solcher Wertpapiere jetzt 30 Prozent billiger als vor einem Monat - das ist der Stand vom vergangenen Donnerstag.

Das gilt für Anteile am für uns weltweit bedeutendsten Aktienindex MSCI World. Beim Dax wäre der Preisnachlass sogar 40 Prozent. Wenn das Sofa im Möbelhaus um 30 bis 40 Prozent heruntergesetzt wäre, würde man ja auch zuschlagen. 

Okay, der Sofavergleich hinkt. Das Sofa ist nach 15 Jahren verschlissen, das Depot hoffentlich nicht. Stattdessen habe ich mal etwas anderes gemacht, nämlich nachgesehen, was früher in Situationen passiert ist, in denen ein kluges, gemischtes internationales Aktiendepot 30 Prozent unter Höchststand gefallen ist. Als Synonym für ein solches Depot habe ich - wo das schon möglich war - den MSCI World genommen. Den gibt es als Datenreihe seit 1969 . Und ich verwende dabei immer in Euro umgerechnete Werte.  

Beim Blick in die Vergangenheit habe ich dann drei interessante Zeitpunkte gefunden. 1973, die Jahre 2000/2001 und die Finanzkrise 2008/2009.

1973 erschütterte die Ölkrise die Märkte. Die arabischen Ölstaaten drosselten ihre Rohölförderung, der Preis schoss in die Höhe, die Aktienmärkte brachen ein. Von ihrem Höhepunkt im Dezember 1973 ging es ein Jahr lang für die Börsen nur nach unten. Der Watergate-Skandal in den USA half da auch nicht gerade. Den Tiefpunkt erreichten die Märkte dann im Dezember 1974 - mit einem Minus von mehr als 50 Prozent. Und es dauerte tatsächlich mehr als sechs Jahre, bis zum Februar 1981, um all diese Verluste wieder aufzuholen.

Der zweite Einbruch kam mit dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Die frühen Internetfirmen verbrannten viel Geld und wurden nicht schnell genug profitabel. Nach dem langen Hype des "Neuen Marktes" verlor die Börse plötzlich die Geduld - und ab Herbst 2000 ging es dramatisch abwärts. Die Anschläge des 11. September 2001 auf World Trade Center und Pentagon vertieften die Krise. Auch hier dauerte es lange, bis der Tiefststand erreicht war: Erst im Frühjahr 2003 war es so weit: mehr als 50 Prozent unter dem Höchststand.

Der wurde aus Sicht eines Euro-Anlegers über mehr als ein Jahrzehnt auch nicht wieder erreicht. Im Herbst 2007 näherten sich die Kurse an den Börsen der Welt endlich wieder diesem Höchststand, um dann in der Finanzkrise krachend und erneut sehr schnell abzustürzen. Der zweite Tiefpunkt war im Frühjahr 2009 erreicht. Und es dauerte bis 2014, um aus diesem Tal wieder herauszukrabbeln und dann auch gegenüber dem Stand von 2000 aus Sicht eines Euro-Anlegers einen neuen Höchststand zu erreichen.

Andererseits: Seit 2009 ging es dabei in der Tendenz nur nach oben. Wer im Sommer 2009 gekauft hatte, konnte sich im Februar 2020 über eine Verdreifachung des angelegten Geldes freuen.

Was lehrt uns das?  Es kann für Aktienanleger ziemlich schlimm werden, und es kann auch recht lange dauern. Aber am Ende ist der Markt in der Vergangenheit immer wieder zurückgekommen. Und, das zeigen unsere "Finanztip"-Analysen: Im Schnitt aller 15 Jahresperioden haben Anleger für das eingesetzte Geld eine Rendite von acht Prozent im Jahr gesehen.

Daraus lese ich zwei Botschaften:

  • Erstens: Im Prinzip ist es eine gute Idee, einen Teil seines Geldes über lange Zeit vernünftig am Aktienmarkt anzulegen. Die Renditen waren in der Vergangenheit meist gut, dabei konnte man sogar Verluste vermeiden .

  • Zweitens: Wenn ich nicht auf dem Höhepunkt des Marktes einkaufe, sondern weit darunter, wie aktuell, verbessern sich meine Chancen auf eine ordentliche Rendite, und es vermindert sich das Risiko, lange in der Verlustzone zu bleiben. Und beide Effekte sind erheblich.

Wie ordentlich sich die Rendite verbessert und wie sehr sich die Verlustzone verkürzt, kann man natürlich nicht wissen. Aber da man aktuell schon mindestens 30 Prozent unter den Höchstständen einkauft, hat man natürlich einen Vorteil, selbst wenn der Tiefststand noch nicht erreicht ist. Nach 15 Jahren wäre die jährliche Rendite rein rechnerisch um 2,4 Prozent höher, und die Verlustphase wäre sicher um Jahre verkürzt.

Also dann: Los, einsteigen?

Na ja. Die Vergangenheit bietet keine Garantie für die Zukunft. Und ein Phänomen wie die Coronakrise und die Reaktion der Staaten und Firmen darauf hatten wir in der Weltwirtschaft noch nie.

Selbst wenn Sie hartgesotten sind, sollten Sie ruhig noch mal drüber schlafen. Ich persönlich würde mit größeren Summen noch mal warten. So schnell wie diesmal sind die Kurse noch bei keiner der vergangenen Krisen gefallen. In einigen Wochen sind Sie schlauer.

So oder so: Ich würde ohnehin nur einen Teil des Geldes, das ich tatsächlich für 15 Jahre entbehren kann, auf einem MSCI-World-Indexfonds einzahlen  - zum Beispiel ein Drittel. Und mit den anderen Teilen jeweils noch mal Monate warten, also mit dem zweiten Drittel bis Anfang August und dem dritten Drittel zum Beispiel bis November. Das lässt mir Zeit, mich an die Situation zu gewöhnen, und berücksichtigt eine andere Botschaft der Zahlen. Der Markt ist in der Vergangenheit wesentlich langsamer beim Anstieg gewesen als beim Fall. Ich habe deshalb ein bisschen Zeit, selbst wenn der Tiefpunkt jetzt bald erreicht sein sollte.

Kann sich aber auch im Nachhinein als falsch erweisen. Das kann niemand wissen.

Für Sparplan-Sparer, die jetzt erst anfangen, für die ist das ganze Problem ohnehin deutlich kleiner. Sie stecken aktuell nur wenig Geld in den Plan, egal wie sich der Markt verhält. Ihr Risiko ist klein, und langfristig sind die Chancen hoch . Für Sparplan-Sparer mit einem laufenden Plan ist die aktuelle Situation ein guter Anlass, die Raten zu erhöhen.

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