Hermann-Josef Tenhagen

Aktien, Festgeld, ETFs Was das Coronavirus für Ihre Geldanlage bedeutet

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Zeiten sind unruhig, die Aktienkurse geraten auf breiter Front unter Druck: Sollten Sparer in der Corona-Krise ihre Anlagetaktik überdenken?
Foto: Nikada/ Getty Images

Zu Gast bei einer Ratgeber-Sendung in Leipzig, die Dame am Telefon hat 50.000 Euro, die sie gern sicher anlegen möchte. Die Antwort muss - wie immer vor der Kamera bei "MDRum4" - prompt kommen. Also raus damit: Kurzfristig Festgeld, langfristig durchaus in günstigen Indexfonds anlegen, die die ganze Breite des Marktes abbilden - ETF. Corona hin oder her.

Aber gerade in so unruhigen Zeiten ist es mir wichtig, diese Rechnung auch einmal in Ruhe ausführlich darzustellen. Also wenigstens hier - für alle Leserinnen und Leser vom SPIEGEL - folgende kleine Rechnung, um meinen Rat zu illustrieren:

Aus 50.000 Euro bei einem Prozent Zinsen auf einem Festgeldkonto , das keine weiteren Kosten mit sich bringt, werden nach fünfzehn Jahren gut 58.000 Euro. Keine berauschende Entwicklung. Diese Rendite aber ist ganz sicher.

Was wäre dagegen bei Aktien herausgekommen? Wir empfehlen einen Indexfonds auf den MSCI World , einen Aktienindex, der die 1600 größten Unternehmen aus 23 Industriestaaten versammelt. Seit 1975 hat der im Schnitt eine Rendite von 8,7 Prozent erzielt. Wir wollen konservativ sein und rechnen im Folgenden etwas vorsichtiger mit sieben Prozent Rendite.

Stecken wir also gedanklich 50.000 Euro in einen ETF (mehr zu dieser Anlageform passiv verwalteter Indexfonds finden Sie hier) auf Basis des MSCI World, der ein halbes Prozent Verwaltungskosten im Jahr verlangt, was ebenfalls konservativ ist, die meisten sind günstiger. Dann werden nach 15 Jahren aus 50.000 rund 128.600 Euro (vor Abzug der fälligen Steuern).

Es kann deutlich mehr werden, aber auch viel weniger. Wie gesagt, wir haben konservativ mit einer jährlichen Rendite von sieben Prozent gerechnet. Tatsächlich wurde in dem betrachteten Zeitraum seit den Siebzigerjahren aber auch die Dotcom-Blase und die große Finanzkrise verdaut. Was sich wiederum in den kommenden zwei Jahren an der Börse tun wird hingegen kann niemand so recht voraussagen, ist ja gerade besonders unruhig.  

Der Vergleich mit dem Festgeld über fünfzehn Jahre ist sogar fair, weil in den vergangenen Jahrzehnten eine Anlage in einem solchen Indexfond ein Minimum von ein Prozent Rendite erbracht hätte, also nie Verluste – selbst wenn das natürlich keine Garantie für die Zukunft ist. Wer also einen so langen Atem hat, geht mit dem MSCI World ein überschaubares Risiko ein.

Richtig spannend aber wird die Betrachtung, wenn Sie sich die Kosten detailliert anschauen:

Bei den 50.000 Euro auf dem Festgeldkonto fallen auf der administrativen Seite praktisch keine Kosten an. Und die Zinsen sind aktuell so niedrig, dass auch der jährliche Sparerfreibetrag nicht erreicht wird, also bei den 8.000 Euro nicht einmal Steuer abgezogen werden.

Zum Autor
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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Anders bei der Betrachtung eines Aktieninvestments: Eine Anlage in einem Aktienfonds bei 7 Prozent Rendite auf den weltweiten Aktienmärkten wirft bei einem klassischen gemanagten Fonds, der durchschnittlich erfolgreich ist, für den Kunden rund 5 Prozent Rendite ab. Bei diesen Fonds, die Banken typischerweise ihren Kunden verkaufen, gehen zwei Prozent im Jahr für die Verwaltungsgebühren des Fonds und die Kosten des Depots drauf. Von den einmaligen Kaufkosten solcher Aktienfonds von 1500 bis 2000 Euro ganz zu schweigen. Bei der Hausbank gehen die Kunden also nur mit 48.000 Euro ins Renditerennen und sehen dann nur fünf Prozent Kundenrendite nach fünfzehn Jahren: knapp 99.800 Euro  – wieder vor Steuern.

Rechnen wir die Kosten bei der Hausbank mal an konkreten Beispielen durch. Das sind Kaufkosten (Ausgabeaufschlag), die Depotkosten (für die Verwahrung des Fonds) und die Verwaltungsgebühr (für das Management des Fonds). 50.000 Euro bei der Münchener Stadtsparkasse anzulegen in einem weltweiten Aktienfonds der Deka wie dem Deka Global Champions kostet 1875 Euro, um den Fonds anfangs zu kaufen – der Ausgabeaufschlag liegt bei 3,75 %. Hinzu kommen beim vergleichsweise günstigen Deka-Einsteigerdepot 12,50 Euro Fixkosten im Jahre fürs Einsteigermodell . Wenn Sie ihre Abrechnungen als Papierpost empfangen mögen sogar 19,50 Euro pro Jahr.

Damit kommen wir zu den jährlichen Fondsgebühren: Beim Deka Global Champions  zum Beispiel, den die Sparkassen gerne verkaufen, sind es knapp 1,5 Prozent. Interessant daran: Das Geld wird gar nicht ausschließlich für die Verwaltung des Fonds ausgegeben. Denn ein Drittel landet wieder bei der Bank als Belohnung für den Verkauf (die Branche spricht vom "Kickback") – schreibt mir die Stadtsparkasse München.

Rechnen wir mal die jährlichen Gebühren zusammen: Im ersten Jahr der Anlage sind das rund 720 Euro, im letzten Jahr gut 1500 Euro. Für den Kunden ist dieses Geld komplett verloren.

Bei anderen gemanagten Aktienfonds sind die Kosten ähnlich. Der von den Volksbanken gern verkaufte weltweite Aktienfonds Uniglobal  hat die gleichen jährlichen Kosten von knapp 1,5 Prozent, der Ausgabeaufschlag liegt hier allerdings sogar bei 5 Prozent, das heißt von den 50.000 Euro landen gleich zu Beginn erstmal 2500 Euro als Provision bei der jeweiligen Volksbank.

Wer jetzt langfristig anlegen will, sollte bei ETFs bleiben

Aber kommen wir zurück zu der Frage der Dame aus der Live-Sendung im Fernsehen: Während die Stadtsparkasse München die Daten oben bereitstellt und sogar noch auf das kostenlose Online-Depot bei S-Broker hinwies, bekam ich auf meine Anfrage von der Stadtsparkasse Leipzig auf Nachfrage nicht einmal Daten, mit denen die ältere Dame hätte vergleichen können.

Vergleichen aber hilft. Es gibt heute auch Banken, bei denen kostet der Unterhalt eines solchen Depots über die ganzen fünfzehn Jahre gar nichts . Der einmalige Kauf des ETF, der den weltweiten Aktienindex MSCI World nachbaut, kostet dort gleich zu Beginn unter 70 Euro, zum Beispiel bei der DKB, bei Consors, comdirect oder auch der ING. Bei einem reinen Online-Broker, der nicht zu einer Bank gehört, können die Kosten für den Kauf sogar unter 5 Euro liegen.

Und die laufenden Fondsgebühren des Indexfonds liegen unter 0,5 Prozent. Beim nachhaltigen ETF  der UBS (UBS MSCI World SRI UCITS ETF) – ohne Apple, Amazon und 0,25 Prozent im Jahr. Im ersten Jahr startet die Fondsgesellschaft also mit 125 Euro Einnahmen, im letzten Jahr bei rund 125.000 Euro Depotwert (dank der niedrigen Kosten) sind es auch nicht mehr als 312 Euro.

Machen wir einen Strich drunter:

  • Das Festgeld von anfangs 50.000 Euro bringt über fünfzehn Jahre weniger als 10.000 Euro Zinsen und ist zwar sicher, aber langfristig keine gute Anlage.

  • Der weltweite marktbreite Aktienfonds ist da schon deutlich besser. Über fünfzehn Jahre steigt der Wert im Hausbankdepot auf fast 100.000 Euro – also das Doppelte.

  • Ein kostenloses Depot mit einem weltweiten marktbreit anlegenden ETF bietet Ihnen das überzeugendste Angebot: In unserem Beispiel kommen bei der Anlage von 50.000 Euro nach fünfzehn Jahren 128.600 Euro heraus – das Zweieinhalbfache. Also noch mal die Hälfte mehr, nur weil weniger Kosten anfallen! Und im Vergleich zur Festgeldrendite von 8.000 Euro sind die 78.600 Euro Aktienrendite fast zehn Mal so viel.

Der Hinweis, dass diese Aktienrenditen nicht garantiert sind und die Zukunft ungewiss ist, ist immer richtig. In dieser Woche versteht das jeder. Selbst der systematische Blick in die Vergangenheit lässt keinen sicheren Schluss auf die Zukunft zu. Vielleicht hustet die Weltwirtschaft jetzt für einige Jahre. Die OECD geht aktuell von der wirtschaftlich gefährlichsten Krise  seit der Finanzkrise 2008 aus.

Andererseits. Wer nach der letzten Finanzkrise auf dem Tiefpunkt der internationalen Börsen – also im April 2009 – für 10.000 Euro einen marktbreiten internationalen Aktienindexfonds gekauft hätte, dessen Fonds wäre heute 28.000 Euro wert.

Und: Wer in dieser Woche in einen solchen Fonds investiert, bekommt nach dem Kursrutsch der letzten Wochen für das gleiche Geld glatt zehn Prozent mehr Fondsanteile als vor einem Monat.