Schmähpreis "Plagiarius" Das sind die frechsten Produktpiraten

Das Geschäft mit der Produktpiraterie boomt: Der diesjährige "Plagiarius"-Schmähpreis stellt kopierte Küchen-Schneidegeräte, Sahnekapseln und Hundegeschirr an den Pranger.
Identisches Design und Verpackung, aber schlechtere Qualität: Den Preis für die dreisteste Produktfälschung erhält diese "Nicer Dicer"-Kopie aus China

Identisches Design und Verpackung, aber schlechtere Qualität: Den Preis für die dreisteste Produktfälschung erhält diese "Nicer Dicer"-Kopie aus China

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Aktion Plagiarius e.V.

Der Unterschied ist mit bloßem Auge nicht zu erkennen: Das Küchen-Schneidegerät "Nicer Dicer Quick" ist aus dem gleichen orange-schwarzen Plastik, die Klingen sehen identisch aus - sogar der Tomaten-Mozzarella-Turm und der Firmenname "Genius" auf der Verpackung sind die gleichen. Und doch ist es nur eine billige Kopie: Die Klingen sind stumpf und schlecht verankert - die Gefahr, dass sie im geschnittenen Gemüse und dann im Mund landen, ist entsprechend größer. Während die chinesische Firma Ningbo A-Biao Plastic Industry mit dem Plagiat auf Kosten der deutschen Genius GmbH Umsatz macht, leidet der Originalhersteller auch an einer beschädigten Marke.

Dieser gefälschte "Nicer Dicer Quick" gewinnt den ersten Preis des "Plagiarius", des Schmähpreises für die dreisteste Produktfälschung. Der chinesische Fälscher verletzt diverse gewerbliche Schutzrechte, kopiert sogar den Firmennamen "Genius" und den Text der englischsprachigen Bedienungsanleitung.

An zweiter Stelle zeichnet Plagiarius explosive Sahnekapseln aus, vermeintlich von der österreichischen Firma Kayser: Der Fälscher kopiert 1:1 Produkt und Verpackung. Und das Produkt ist geradezu gefährlich: "Die Kappe einer gefälschten Kapsel ist bei normalen Lagerbedingungen von allein explodiert", sagt Christine Lacroix von der Aktion Plagiarius e.V. Die Kapseln seien von innen verrostet gewesen, das Gas verunreinigt und nicht lebensmittelecht. Der niederländische Händler der Kapseln existiert inzwischen nicht mehr.

Auf Platz drei landet ein gefälschtes Hundegeschirr der ungarischen Firmengruppe Julius-K9: Der chinesische Nachahmer kopiert detailgetreu das Aussehen von Produkt und Marke, allerdings nicht die Qualität. "Materialien und Reflektoren sind minderwertig, das Produkt sitzt nicht gut und der Hund ist schlechter sichtbar", sagt Lacroix. Das Produkt werde vor allem über E-Commerce-Plattformen wie Alibaba und andere vertrieben.

Der "Plagiarius" wird zum 44. Mal verliehen und will "Hersteller oder Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen" an den Pranger stellen. Dabei sage die Auszeichnung nichts darüber aus, ob ein nachgeahmtes Produkt juristisch rechtswidrig sei, betont der Verein. Ziel der Aktion Plagiarius sei vielmehr, die "skrupellosen Geschäftspraktiken von Produkt- und Markenpiraten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken".

Die betroffenen chinesischen Fälscher seien vorab kontaktiert worden, eine Reaktion habe es jedoch nicht gegeben, sagt Lacroix. Manchmal einigten sich vor allem europäische Plagiat-Hersteller aber vorab mit dem Originalhersteller - woraufhin beispielsweise die gefälschten Produkte vom Markt genommen würden.

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Aktion Plagiarius e.V.

Der Plagiarius zeigt: Produktpiraterie gibt es nicht nur bei Louis Vuitton und Lacoste, sondern auch bei ganz gewöhnlichen Alltagsprodukten. Und das Geschäft mit Fake-Produkten boomt: Auf inzwischen 509 Milliarden US-Dollar (464 Milliarden Euro) beziffert eine Studie der Industrieländerorganisation OECD gemeinsam mit dem Amt der Euroäischen Union für geistiges Eigentum  den Wert der importierten Produktfälschungen weltweit, das sind 3,3 Prozent des globalen Handels. Noch 2013 lag der Anteil nur bei 2,5 Prozent. In der EU ist das Problem mit 6,8 Prozent aller nicht europäischen Importe sogar noch größer.

"Der Handel mit Fälschungen entzieht Unternehmen und Regierungen Einnahmen und nährt andere kriminelle Aktivitäten. Er kann auch die Gesundheit und Sicherheit der Verbraucher gefährden", sagt Marcos Bonturi von der OECD. Denn auch Medikamente werden gefälscht, Autoteile, Spielzeug, Essen, Elektronik und Kosmetik. Wirkungslose Pillen, brandgefährliche elektronische Geräte und gesundheitsgefährdende Chemie in Babymilchpulver können die Folge sein.

Den größten Anteil der sichergestellten Produktfälschungen machen laut OECD-Studie aber Schuhe aus (22 Prozent). Am zweithäufigsten wird mit 16 Prozent Kleidung gefälscht, dann Lederwaren (13 Prozent), gefolgt von Elektronik (12 Prozent). Kosmetik und medizinische Geräte haben einen Anteil von je fünf Prozent, Medikamente zwei Prozent.

"Je bekannter die Marke, desto zurückhaltender sind die Firmen leider"

Umso erstaunlicher erscheint da die Plagiarius-Auswahl von Küchenschneidern, Sahnekapseln, Kaffeepackungen und einer Pendelleuchte. Zumal eine gefälschte Produktvariante des "Nicer Dicer" schon vor zwei Jahren den ersten Plagiarius-Preis gewonnen hat. "Wir sind abhängig von den Einsendungen der Firmen", sagt Lacroix dazu. Und deren Anzahl sei dieses Jahr gering gewesen: Nur 23 gefälschte Produkte seien dieses Mal eingesandt worden, unter denen die Jury - zusammengesetzt aus jährlich wechselnden Designern, Technikern, Juristen und Medienvertretern - die zehn dreistesten Fälschungen ausgewählt habe. In den vergangenen Jahren habe es bis zu vierzig Einsendungen gegeben - doch auch das ist, gemessen an dem Marktvolumen mit Produktfälschungen, eine schmale Basis. Das Problem, so Lacroix, sei, dass viele große Marken zwar betroffen seien, mit dem Problem aber nicht an die Öffentlichkeit gehen wollten: "Je bekannter die Marke, desto zurückhaltender sind die Firmen leider."

Bleibt festzuhalten: Der Schmähpreis geht zwar an die Plagiatoren, droht aber auch negativ auf die Originalhersteller abzufärben: Wer von massenhaften Produktfälschungen bei seinen Lieblings-Sneaker gehört hat, greift vielleicht beim nächsten Mal eher zu einer anderen Marke.

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