Datenskandal Firma versteigert Hunderte Bewerbungsunterlagen im Internet

Er wollte bei Ebay leere Bewerbungsmappen ersteigern, doch dann bekam ein Schreibwarenhändler für zehn Euro eine Kiste mit den persönlichen Daten, Lebensläufen und Zeugnissen von Hunderten Jobsuchenden. Datenschutzexperten sind empört - aber nicht überrascht.
Zeugnis: Bei einigen Firmen fühlt sich niemand für die Datensicherheit verantwortlich

Zeugnis: Bei einigen Firmen fühlt sich niemand für die Datensicherheit verantwortlich

Foto: A3512 Roland Weihrauch/ dpa

Frankfurt am Main - Schon wieder ein neuer Skandal, der die Frage aufwirft, wie sicher persönliche Daten wirklich sind: Hunderte Bewerbungsunterlagen, die Jobsucher an eine mittlerweile aufgelöste Firma in Frankfurt am Main geschickt hatten, wurden im Internet gehandelt. Die Kiste voller persönlicher Daten, Bewerbungsfotos, Lebensläufe und Zeugnisse von Hunderten Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet sei am 16. Juli 2009 beim Internetauktionshaus Ebay versteigert worden, berichtet die "Frankfurter Rundschau" ("FR"). Selbst Gesundheitszeugnisse hätten sich unter den Unterlagen befunden.

Angeblich standen bei Ebay 500 leere gebrauchte Bewerbungsmappen zum Verkauf. Für zehn Euro habe ein Schreibwarenhändler die Ware ersteigert, sich aber über den Inhalt gewundert ("Es war in fast jeder Mappe noch die komplette Bewerbung drin!") und ihn der Zeitung übergeben. Nach Informationen der "FR" handelt es sich um Bewerbungen an die Firma CSS-Marketing GmbH aus Frankfurt.

Deren ehemaliger Geschäftsführer ist nach "FR"-Angaben - genau wie seine Firma - abgetaucht und war zunächst auch für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar. Er hatte via Internet und Zeitung 46 Vollzeit-Stellen in Festanstellung und mit gutem Verdienst "für unsere Telekommunikationsabteilung" ausgeschrieben und CSS-Marketing dabei als Vertriebspartner der Telekom dargestellt. Die Telekom bestreitet das: "Die CSS-Marketing ist bei uns nicht als Vertriebspartner geführt", stellte ein Sprecher gegenüber der Zeitung klar.

Experten sollen Unterlagen prüfen

Gegenüber der "FR" nannten Bewerber die Tatsache, dass ihre Daten im Internet gehandelt wurden", eine "Riesensauerei". Ein Stelleininteressent wollte sogar in den Büroräumen der Firma seine Unterlagen zurückfordern - doch da existierte das Unternehmen bereits nicht mehr.

"Was hier passiert ist, ist definitiv illegal", sagte Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein, zur "FR". Bewerbungsschreiben seien hochsensible Unterlagen, die nicht an Dritte weitergegeben werden dürften. Die Unterschriften, Fotos und Adressen könnten für illegale Geschäfte genutzt werden. Bewerbungsunterlagen müssten immer entweder zurückgeschickt oder vernichtet werden, sagte Weichert. Die Verantwortung für die Datensicherheit trage der Geschäftsführer. Doch "wir erleben sehr oft, dass sich bei Firmenauflösungen niemand um die Mitarbeiterdaten kümmert".

Die Piratenpartei, die sich für einen besseren Datenschutz insbesondere im Internet einsetzt, erklärte, der Fall zeige, "wie wichtig es ist, das Bewusstsein im Bereich Datenschutz zu schärfen, damit jeder Bürger und jedes Unternehmen verantwortungsvoll mit persönlichen Daten umgehen."

Die "FR" wird dem Bericht zufolge die Kiste mit den Unterlagen der Datenschutzabteilung des Regierungspräsidiums Darmstadt übergeben. Bis Freitagvormittag war sie dort allerdings noch nicht eingetroffen.

böl/ddp/AP
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