Haushaltskrise in Washington Was Anleger über den Shutdown wissen müssen

Pessimisten sagen über den Shutdown: Das Schneeballsystem ist an den Finanzmärkten nicht mehr aufzuhalten. Optimisten behaupten: Was schert mich eine drohende Staatspleite. Was stimmt? Privatanleger können aus der Debatte über die US-Schuldenobergrenze drei Schlüsse ziehen.
Von Christian Kirchner
Kurstafel: Auswirkungen der Krise ungewiss

Kurstafel: Auswirkungen der Krise ungewiss

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Werden sich Republikaner und Demokraten bis Donnerstag auf eine neue Schuldenobergrenze einigen? Oder lassen die Politiker in Washington uns noch ein paar Tage zittern? Egal, wie der aktuelle Haushaltsstreit ausgeht: Optimisten wie Pessimisten finden derzeit reichlich Argumente, die das eigene Weltbild bestätigen.

Pessimisten verweisen darauf, dass die größte Volkswirtschaft der Welt ihre auf Bundesebene aufgelaufenen Staatschulden binnen fünf Jahren von 10 auf 16 Billionen US-Dollar gesteigert hat und zusätzlich die eigene Notenbank wie wild Anleihen kaufen lässt, um sich ein müdes Wirtschaftswachstum zu erkaufen - und nun am Rande eines Zahlungsausfalls zu lavieren. Dass der US-Anleihemarkt einem Schneeballsystem gleicht, ist für einen waschechten Pessimisten ebenso ausgemachte Sache wie der Umstand, dass die Rating-Agenturen allesamt interessegeleitet sind und deshalb die US-Schuldenexzesse mit Top-Noten bemänteln.

Optimisten fühlen sich ebenfalls bestätigt: Nicht einmal eine drohende Staatspleite scheint den US-Anleihemarkt ins Wanken zu bringen. Die Kursveränderungen fallen bislang eher mikroskopisch aus, und irgendwie wird man sich gewiss rechtzeitig einigen.

Und wenn nicht? Geht die Welt auch nicht unter: Die US-Investmentbank JP Morgan hat vor wenigen Tagen Investoren gefragt, was denn wohl mit den US-Anleihezinsen passieren werde, wenn es tatsächlich zu einem Zahlungsausfall der Vereinigten Staaten käme. Das Ergebnis: Knapp zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie in diesem Fall mit sinkenden Zinsen rechneten. Das Kalkül dahinter: In einem solchen Chaos eines Zahlungsausfalls setze mutmaßlich - wie schon in anderen Krisen - eine Flucht in den US-Dollar und die liquiden US-Staatsanleihen ein.

Potentiell sinkende Zinsen für einen zahlungsunfähigen Schuldner? Es ist schon ein amüsantes Umfeld, in dem Anleger seit Eskalation der Finanzkrise vor gut fünf Jahren Entscheidungen treffen müssen. Hier drei Schlüsse, die Anleger dennoch aus den jüngsten Ereignissen ziehen können.

  • Erstens: Wer sich noch keine Meinung darüber gebildet hat, ob die enorme Nachfrage nach US-Staatsanleihen noch viele Jahre anhalten wird, sollte dies schleunigst tun. In einem vollbesetzten Kino reicht es, wenn jemand "Feuer!" ruft, um eine Massenpanik auszulösen. Man stelle sich den einschließlich aller Staats-, Unternehmens- und Hypothekenanleihen sowie Verbriefungen knapp 39 Billionen US-Dollar großen Anleihemarkt der USA mit seinem ständigen Refinanzierungsbedarf einmal als einen Kinosaal vor. Dann rennen in diesem Saal derzeit Menschen mit Molotow-Cocktails durch die Gegend, ohne dass dies unter den Zuschauern zu ausgeprägter Nervosität zu führen scheint. Seltsam, denn ein deutlicher Zinsanstieg auf über vier oder gar fünf Prozent bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen - derzeit rentieren sie mit 2,7 Prozent - hätte unweigerlich böse Folgen für die Solvenz anderer klammer Staaten, Immobilienmärkte, Unternehmen und damit auch der Aktienmärkte. Letzteren billigt man vor allem deshalb historisch eher luftige Bewertungen zu, weil die sicheren Alternativen nur so magere Zinsen abwerfen.

  • Zweitens: Die Urteile der drei großen Rating-Agenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch kann man getrost ignorieren, denn sie fußen im Kern auf der Erkenntnis, dass es ja bisher nicht gebrannt habe und in einem derart gefüllten Saal gewiss nie brennen wird. Sprich: US-Staatsanleihen wurden schon immer fleißig gekauft, also werden sie auch künftig gewiss gekauft werden. "Vertrauen ist das Fundament der Rolle des US-Dollars als Weltleitwährung. Daher erlaubt das Top-Rating der USA auch ein höheres Schuldenniveau als das anderer Staaten", schreibt etwa die Rating-Agentur Fitch. An der höchsten Rating-Note drehe man nur im Falle eines echten Zahlungsausfalls, gab Moody's 2011 bekannt und hat diese Meinung bis heute nicht verändert. Und auch Standard & Poor's gibt sich lässig und lässt wissen, ein Tanz am Abgrund wie derzeit sei ja der Grund gewesen, warum man die USA vor zwei Jahren leicht herabgestuft hätte. Alle drei verweisen zudem auf das seit 2009 halbierte Defizit. Sonderlich gut darin, eine Massenpanik zu antizipieren, waren die Rating-Agenturen ohnehin nicht in den vergangenen Jahren. Und statteten prominente Firmen wie Enron, Worldcom, Parmalat oder Lehman Brothers noch bis wenige Tage vor ihren jeweiligen Pleiten mit guten Bonitätsnoten aus.

  • Drittens: Der in Deutschland oft herrschende Zynismus und Hohn, mit dem über die US-Verschuldung reflektiert wird, ist fehl am Platze. Und das nicht nur wegen der immer enger verflochtenen Kapitalmärkte, sondern auch, weil der Begriff der Schuldenkrise die Realitäten verdreht: Nicht die Schuldner, sondern die Gläubiger haben ein Problem, wenn Verbindlichkeiten nicht getilgt werden. Die USA haben das Geld schließlich schon verbraten.

Und haben, nebenbei bemerkt, mit dem gepumpten Geld auch eine Menge Besitztümer erworben: Den Verbindlichkeiten aller Firmen, Haushalte und des Staates in Höhe von geschätzt 116 Billionen US-Dollar stehen schließlich auch Vermögenswerte von geschätzt 200 Billionen US-Dollar gegenüber. Macht ein Nettovermögen in Höhe des gut Fünffachen der US-Wirtschaft, rechnete im Frühjahr ein Volkswirt vor (Pdf) . Die Zahlen mögen angreifbar sein, die grobe Linie indes nicht: Die gesamten Auslandsverbindlichkeiten der USA sind - anders als bei klammen Euro-Staaten - im Vergleich zum Vermögen und der Größe der Wirtschaft in den USA - bislang beherrschbar. Zumindest, bis jemand "Feuer!" ruft und Gehör findet.

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Foto: SPIEGEL ONLINE