Überlasteter Luftverkehr in Deutschland Guten Fluch!

Im Sommer 2018 herrschte Chaos an den Flughäfen - wie schlimm wird die Feriensaison 2019? Die gute Nachricht: Manche Airline ist besser vorbereitet. Die schlechte: Das System läuft noch immer im roten Bereich.

Flughafen Hamburg zu Ferienbeginn (2018): Wird es diesen Sommer besser?
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Flughafen Hamburg zu Ferienbeginn (2018): Wird es diesen Sommer besser?


2018 war das Jahr, das einem Flugreisen wirklich verleiden konnte. In der gesamten Ferienzeit herrschte Chaos auf den Flughäfen, die Zahl der Verspätungen und Flugausfälle erreichte Rekordniveau. Bange Frage: Wird sich das diesen Sommer wiederholen?

"Nein, ein solches Flugchaos wird es dieses Jahr nicht geben." - Stefan Schulte, Chef des Frankfurter Flughafens, im Interview mit "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"

"Es wird definitiv nicht besser werden." - Andreas Gruber, Chef der österreichischen Ryanair-Tochter Lauda Motion

"Wir sehen schon jetzt, dass der kommende Sommer für alle eine Herausforderung wird." - Oliver Lackmann, Chef der Ferienfluggesellschaft TUIfly

Ja, was denn nun? Wie wird der Luftfahrtsommer 2019 werden? Wer nach einer Antwort auf die Frage sucht, die zurzeit viele Urlauber bewegt, sollte nach Frankfurt blicken. Dort startete am vergangenen Wochenende die erste große Reisewelle mit bis zu 240.000 Fluggästen pro Tag. Inzwischen haben in rund der Hälfte der 16 Bundesländer die Ferien begonnen. Nach Aussagen einer Lufthansa-Sprecherin konnten Verspätungen und Flugstreichungen weitgehend vermieden werden.

Gibt es also Anlass zur Entwarnung? Eher nicht.

Denn zum Ferienauftakt spielte das Wetter mit, außerdem haben die Lufthansa und Fraport kräftig in zusätzliches Gerät und Personal investiert, um bei Schwierigkeiten gegenzusteuern.

Das Grundproblem ist damit allerdings nicht gelöst. Nach Aussagen einer Sprecherin fehlen bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) zurzeit 250 Fluglotsen, die zuständige Gewerkschaft GdF spricht sogar von 280 unbesetzten Jobs. Als Reaktion schiebt das Stammpersonal üppig bezahlte Sonderschichten; teilweise werden die Jets in tiefere Luftzonen umgeleitet oder müssen Umwege fliegen. Das verschlingt zusätzlichen Sprit, weil die Turbinen auf niedrigerer Flughöhe in der dichteren Luft mehr Kerosin schlucken.

Seltene Spezies: Bodenlotsen im Tower des Hamburger Flughafens (Archivfoto)
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Seltene Spezies: Bodenlotsen im Tower des Hamburger Flughafens (Archivfoto)

"Unsere Infrastruktur am Boden und in der Luft ist vor allem in Deutschland längst am Anschlag dessen, was sie leisten kann", bekannte Lufthansa-Chef Carsten Spohr erst kürzlich gegenüber dem SPIEGEL. Zu allem Überfluss kündigte vor einigen Tagen auch noch die Kabinengewerkschaft UFO Streiks zum Höhepunkt der Feriensaison an, zunächst bei Eurowings, später auch bei der Lufthansa selbst. Die Urabstimmung bei der Billigtochter soll am 8. Juli beginnen und zwei Wochen dauern, ein Ausstand könnte Ende Juli beginnen.

Aber vielleicht kommt ja noch alles anders. Die UFO-Funktionäre wollen der Lufthansa-Führung ein raffiniertes Angebot unterbreiten, das sie kaum ablehnen kann ohne den Unmut der Urlauber auf sich zu ziehen. Sie schlagen vor, in vertrauliche Gespräche einzutreten und vier Wochen lang über alle offenen Tarif- und Personalfragen zu diskutieren. Während des Moratoriums würde auch die Mitgliederbefragung gestoppt und weiterhin Friedenspflicht herrschen. Sollte die Lufthansa sich weigern, die Vereinbarung über das Moratorium bis Ende dieser Woche zu unterschreiben, laufen die Streikvorbereitungen weiter.

Die Offerte der UFO ist immerhin ein kleiner Schritt, die angespannte Situation am Himmel über Deutschland und Europa zu entschärfen. Weitere, viel größere müssten folgen.

Seit 35 Jahren wird innerhalb der EU über eine Vereinheitlichung des zersplitterten, stark national geprägten Luftraums diskutiert, den sogenannten Single European Sky. Er würde nicht nur die Fluglotsen entlasten, sondern auch die Umwelt, weil sich der CO2-Ausstoß auf einen Schlag um zehn Prozent senken ließe. Passiert ist bislang: nichts.

Shops statt Arbeitsfläche für die Abfertigung

Auch die Flughäfen müssten umdenken. Bislang knapsten sie an Flächen für die Passagierabfertigung, weil sie die gewonnen Quadratmeter lieber teuer an Shop-Betreiber vermieteten. Damit müsste Schluss sein.

Wohin die Reise tatsächlich gehen könnte, illustrierte am vergangenen Wochenende eine ungewöhnliche Anzeige der niederländischen Fluggesellschaft KLM, die in allen großen deutschen Tageszeitungen erschien. Ausnahmsweise ging es nicht um die Werbung für neue Strecken, Sitze oder Sonderangebote. Stattdessen rief Firmenchef Pieter Elbers Fluggesellschaften und Passagiere auf, die "Kräfte zu bündeln" und gemeinsam "eine nachhaltige Zukunft für die Luftfahrt zu erschaffen". Gleichzeitig lud er "alle Flugreisenden ein, beim Fliegen verantwortungsbewusste Entscheidungen zu treffen".

Sicher, das ist Marketing. Aber immerhin: So klar hat sich noch selten ein Airline-Chef dafür ausgesprochen, hin und wieder auch mal die Bahn zu nehmen oder gleich zu Hause zu bleiben.

insgesamt 64 Beiträge
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spon_2513064 03.07.2019
1. Vernünftige Ticketpreise...
und der Fluch ist vorbei. Es muss endlich deutlich weniger geflogen werden.
Strichnid 03.07.2019
2.
Wenn es um Flugverkehr geht, dann heißt es oft: Wie können wir den erwarteten steigenden Flugverkehr bewältigen? Wie können wir die Kapazitäten ausbauen? Ich frage mich dann: Wieso kann eine solche Debatte, solche Fragen, scheinbar in einem Paralleluniversum stattfinden, wo es den Klimawandel offenbar nicht gibt? Wenn wir über Klima reden heißt es immer: Wir müssen weniger fliegen. Aber dennoch soll es den Bürgern ermöglicht werden, sogar mehr zu fliegen. Wie passt das zusammen? Wenn wir in den nächsten Jahren nicht jährlich eine Abnahme des Flugverkehrs erleben, haben wir es uns verdorben mit der Erde. Die Fragen müssten also lauten: Wie bringen wir Leute dazu, weniger zu fliegen? Wie verhindern wir den erwarteten Anstieg des Flugverkehrs? Wie können wir Kapazitäten abbauen, um es umbequemer zu machen? Den BER sollte man gleich ganz in die Tonne kloppen.
Kurt-C. Hose 03.07.2019
3. Ansosnten
wird doch alles reguliert und verboten. Warum gibt's nicht einen Mindestticketpreis von 300 Euro. Dann erledigt sich das mit den überlasteten Flughäfen von ganz allein.
Andi A. 03.07.2019
4. Flugreisen braucht kein Mensch
Der Bericht offenbart doch auch nur, dass die einhergehenden Probleme mit dem Wachstum das Problem sind und nicht der Wachstum selbst. Total altbackene Denkweise. Wenn es zu wenig Flutlotsen gibt, dann soll halt nicht mehr geflogen werden. Kein Wort über Kerosinsteuer oder dass der Markt schrumpfen sollte, statt zu wachsen. Tourismus ist Terrorismus. Das Fliegen in alle Herren Länder mit dem Flugzeug und das Zerstören der Ökologie der ganzen "Urlaubsparadiese" sind damit auf jeden Fall gemeint. Kein Mensch wird unglücklich, nur weil ihm die Möglichkeit fehlen würde nonstop mit dem Flugzeug nach Australien zu fliegen.
wally76 03.07.2019
5. Mineralölsteuer auf Kerosin erheben
Und zwar EU-weit. Wäre ja mal ein Ansatz. Alle Verkehrsträger auf Verbrennerbasis werden dann gleichermaßen belastet (bin nicht sicher, ob Bahndiesel derzeit besteuert wird). Und ziemlich sicher werden bei steigenden Ticketpreisen weniger Flüge stattfinden. Weniger Stress und Chaos, besser fürs Klima.
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