Chaos in der Luftfahrt Bahn profitiert von ausgefallenen Flügen

Für die Bahn lohnt sich das Chaos an den Flughäfen: Ihre ICE-Sprinter-Züge entlang innerdeutscher Flugstrecken sind 40 Prozent stärker ausgebucht – auch weil viele Airlines Tickets als Ersatz für gestrichene Flüge kaufen.
Flugzeug über dem Bahnhof am Flughafen Düsseldorf (2019): »Immer mehr Menschen nutzen in der aktuellen Lage innerdeutsch die Bahn statt den Flieger«

Flugzeug über dem Bahnhof am Flughafen Düsseldorf (2019): »Immer mehr Menschen nutzen in der aktuellen Lage innerdeutsch die Bahn statt den Flieger«

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Markus Mainka / IMAGO

Das Chaos an den deutschen Flughäfen wird größer. Tausende Flüge mussten abgesagt werden, von Easyjet über Ryanair bis zur Lufthansa. Passagiere verpassen in langen Schlangen ihren Flieger und wenn sie es doch geschafft haben, bekommen sie ihren Koffer nicht – Tausende Gepäckstücke türmen sich in den Katakomben, unter anderem beim Frankfurter Airport.

Ein Unternehmen profitiert von dem Durcheinander. Eines, das selbst mit Baustellen und Verspätungen zu kämpfen hat: die Deutsche Bahn. Auf den Fernverkehrsverbindungen entlang innerdeutscher Flugstrecken wie BerlinMünchen oder Frankfurt–Hamburg schnellen die Fahrgastzahlen in die Höhe. »Immer mehr Menschen nutzen in der aktuellen Lage innerdeutsch die Bahn statt den Flieger«, bestätigte ein Sprecher dem SPIEGEL.

Ein Plus von 40 Prozent

Im Monat Mai nutzten nach Angaben der Bahn täglich mehr als 20.000 Fahrgäste die Sprinter der Deutschen Bahn. »Dies ist ein sattes Plus von über 40 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vor-Corona-Jahr 2019«, so ein Sprecher. Besonders die Sprinter-Verbindungen von und nach Berlin (München–Berlin, Frankfurt–Berlin und NRW–Berlin) seien derzeit sehr gut gebucht. Und es zeichnet sich bereits eine Tendenz ab: »Die Vorbuchungen für Juli/August setzen den Sprinter-Boom klar fort«, sagte der Sprecher.

Die Deutsche Bahn hatte rechtzeitig für diesen unerwarteten Boom ihr Sprinter-Netz ausgebaut. Sprinter sind schnellere ICE-Züge, weil sie an weniger Orten halten. Auf der Strecke von Berlin nach München etwa verkürzt sich dadurch die Fahrtzeit auf unter vier Stunden. Der hohe Zuspruch lässt sich unmittelbar auf die prekäre Lage der Luftfahrt zurückführen.

Airlines buchen Passagiere selbst um

Die Bahn bemerkt dies an der Zahl jener Zugfahrten, die von einer Airline selbst gebucht werden, unter anderem wenn ein Flug gestrichen wird und die Passagiere auf den Zug umgebucht werden. »Einen großen Einfluss auf den Zuwachs an Fahrgästen haben auch die Kooperationen mit unseren Partner-Airlines«, erklärte der Bahn-Sprecher. So seien von April bis Juni mehr als doppelt so viele Flugreisende im Rahmen der Kooperationsangebote in deren Zügen unterwegs gewesen als noch im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.

Am Montag will die Deutsche Bahn zusammen mit der Lufthansa ihre Kooperation im Rahmen des Vielfliegerprogramms Star Alliance vorstellen. In dem Verbund sind 26 internationale Airlines organisiert. Die Bahn fährt unter einer offiziellen Flugnummer Lufthansa-Passagiere bereits länger zwischen deutschen Großstädten, sodass diese Routen nicht mehr mit dem Flugzeug angeboten werden. Dies soll noch weiter ausgebaut werden.

Allerdings steigen Bürgerinnen und Bürger erst bei einer Fahrtzeit von gut drei Stunden auf den Zug um. Abhängig ist dies auch von der Zeit, die man bis zum Flughafen braucht, in München ist die beispielsweise besonders lang.

Bahn ist derzeit besonders unpünktlich

Die Bahn erlebt derzeit einen Ansturm sowohl von Freizeit- als auch von Geschäftsreisenden. Allerdings wird an vielen Stellen im Netz gebaut. Das führt zu teils chaotischen Zuständen. Die Verspätungen entstehen insbesondere an überlasteten Strecken rund um Frankfurt. In Mannheim etwa sind nur noch 45 Prozent aller Züge pünktlich, hatte der SPIEGEL unlängst ermittelt. Im Bundesdurchschnitt sind es rund 60 Prozent der Fernzüge.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) hat deshalb die Lösung der Missstände an sich gezogen. Er hat ein neuartiges Sanierungskonzept vorgestellt, bei dem ganze Streckenabschnitte von Grund auf erneuert und ertüchtigt werden sollen. »Wir wollen einen gesamten Streckenkorridor vollständig sanieren«, sagte Wissing in dieser Woche dem SPIEGEL.

Das heiße: wo es notwendig sei, das Gleisbett erneuern, die Oberleitungen erneuern, die Signalisierung in Gegenrichtung anbringen und auch mehr Weichen einbauen, um aufs Gegengleis wechseln und schnell zurückwechseln zu können. »Reparaturarbeiten müssen so geplant und durchgeführt werden, dass man sie im Alltagsbetrieb kaum merkt«, so Wissing.

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