Hermann-Josef Tenhagen

Neues Gesetz Die Grundrente kommt – auch für Sie?

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Rund 26 Millionen Menschen beziehen in Deutschland eine gesetzliche Rente. Jeder Zwanzigste von ihnen soll bis Ende 2021 über die Grundrente einen Zuschlag bekommen. Die Details im Überblick.
Senior an einer Haltestelle in Köln: Bis Ende 2022 hofft die Rentenversicherung, alle Renten einmal neu berechnet zu haben

Senior an einer Haltestelle in Köln: Bis Ende 2022 hofft die Rentenversicherung, alle Renten einmal neu berechnet zu haben

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Christoph Hardt / imago images/Future Image

Jahrelang haben sich SPD und Union gestritten, ob eine Grundrente für ärmere Senioren eingeführt wird und wer sie bekommt. Seit 1. Januar haben nun rund 1,3 Millionen Rentnerinnen und Rentner Anspruch auf einen Grundrentenzuschlag. Nur kriegen sie ihn nicht. Die Berechnungen sind kompliziert und die Verwaltung wird nicht fertig. Frühestens im Sommer soll es die ersten Auszahlungen geben – der letzte Rentner kriegt sie vermutlich erst Ende nächsten Jahres. So mancher wird das nicht mehr erleben.

Rund 26 Millionen Menschen beziehen in Deutschland eine gesetzliche Rente. Jeder Zwanzigste von ihnen soll künftig einen Zuschlag bekommen. Ein Anrecht auf Grundrente haben nämlich nur diejenigen, die mindestens 33 Beitragsjahre vorweisen können. Die also lange gearbeitet haben, aber in dieser Zeit nur wenig verdienten. Kindererziehungsjahre und oft auch kostenlose Pflege von Angehörigen bei den Beitragsjahren zählen mit.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Wer die Grundrente bekommt

Genauer gesagt haben diese Senioren im Schnitt ihres Erwerbslebens nur 30 bis 80 Prozent des damaligen Durchschnittslohns bekommen. Um das etwas anschaulicher zu machen: Setzt man heutige Gehälter an, haben diese Menschen zwischen 1000 und 2700 Euro brutto im Monat erhalten, während derzeit Angestellte gemittelt über alle rentenversicherungspflichtigen Jobs, Teilzeit wie Vollzeit, knapp 3400 Euro verdienen . Weihnachts- und Urlaubsgeld schon inklusive.

Um wie der Eckrentner aus der Statistik knapp 1500 Euro Rente zu erhalten, müsste man 45 Jahre Vollzeit gearbeitet haben – und stets durchschnittlich verdient . Wer kürzer arbeitet, weniger verdient und deshalb wenig einzahlt, bekommt auch weniger Rente. Da kommen dann trotz jahrzehntelanger Arbeit oft nur Minirenten von 500 bis 800 Euro heraus. So bekommt nach den Statistiken der Rentenversicherung jeder dritte Rentner mit mindestens 35 Beitragsjahren trotzdem nur 1000 Euro oder weniger. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat kürzlich ausgerechnet, dass nach 45 Jahren Vollzeitarbeit mit dem aktuellen Mindestlohn nur 660 Euro Rente  herauskommen. Die Grundrente soll das ab jetzt auf 960 Euro aufstocken.

Die neue Grundrente soll im Schnitt 75 Euro bringen. Bei besonders kleinen Renten und vielen Beitragsjahren sind bis zu 400 Euro drin, rechnet das Bundesarbeitsministerium vor . In Musterbeispielen von anschaulichen Erwerbsbiografien, die die Deutsche Rentenversicherung präsentiert, kommen Zusatzrenten von 100 Euro bis gut 300 Euro heraus.

Das lange Warten auf den Zuschlag

Das Gesetz gilt zwar schon, aber die Verwaltung rechnet noch. Ab dem Sommer hofft die Rentenversicherung mit den Berechnungen und der entsprechenden Software so weit zu sein, dass berechtigte Neurentner den Zuschlag automatisch und rückwirkend bekommen.

Automatisch ist das wichtige Stichwort. Angehende Rentner müssen die Grundrente nicht selbst berechnen, auch nicht gesondert beantragen, sie kommt einfach so. Nach den angehenden Rentnern kommen die besonders alten Rentenbezieher- und bezieherinnen dran. Das ist ja auch richtig. Auch sie haben schon seit Januar den Anspruch und bevor sie womöglich sterben, sollten sie das kleine zusätzliche Geld bekommen haben.

Nach den Ältesten kommen sukzessive auch die Jüngeren dran. Bis Ende 2022 hofft die Rentenversicherung dann alle Renten einmal neu berechnet zu haben. Aktuell hat allein die Zweigstelle der Deutschen Rentenversicherung in Berlin mehr als 100 neue Stellen dafür eingerichtet – und, wie sie diese Woche stolz mitteilte, auch schon besetzt.

Die komplett durchleuchtete Grundrentnerin

Warum dauert das so lange? Naja. Unsere Abgeordneten haben zuerst festgelegt, welche Voraussetzungen die Rentnerinnen und Rentner erfüllen müssen, um überhaupt ein Recht auf Grundrente haben zu können . Und dann haben sie gesagt, wer aus anderen Quellen genug Einkommen hat, der kriegt den Grundrentenzuschlag trotzdem nicht – weil er ihn ja nicht braucht. Ob jemand Vermögen hat oder eine Immobilie, spielt hingegen keine Rolle.

Mit anderen Worten: Die Rentenversicherung guckt zuerst, wer könnte denn ein Anrecht haben, prüft dann selbst, ob die Rentnerin vielleicht durch Betriebsrenten oder Witwenrente ein höheres Einkommen hat.

Ist das nicht der Fall, nimmt die Rentenversicherung anschließend mit dem Finanzamt Kontakt auf und prüft, ob die Rentnerin oder der potenzielle Rentner vielleicht noch andere Einkünfte hat. Bei der Zentrale der Deutschen Rentenversicherung spricht man von einer neuen Datenautobahn zum Finanzamt. Nur gut fünf Millionen Rentnerinnen und Rentner zahlen bislang im Alter überhaupt Steuern. Eine solche Nachricht erhöht also die Wahrscheinlichkeit sehr, dass diese Senioren nicht über nennenswerte zusätzliche Einkünfte verfügen.

Wer als Rentnerin oder Rentner hingegen Steuern zahlen muss, hat vermutlich genug Rente, dass er oder sie keinen Anspruch auf Grundrente hat.

Die Große Koalition hat nach langem Streit festgelegt: 1250 Euro Einkommen sind in Ordnung, danach gibt es Abzüge vom Grundrentenanspruch. Wer mehr als 1600 Euro Einkommen hat, kann keine zusätzliche Grundrente bekommen. Für Ehepaare und eingetragene Partnerschaften gelten 1950 Euro beziehungsweise 2300 Euro als Grenze. Wer ohne Trauschein zusammenlebt, wird einzeln geprüft. Für den Finanzamts-Check klärt die Rentenversicherung standardmäßig die Einkommen der Jahre 2020 und 2019 ab.

Großzügige Freibeträge für die ganz Armen

Andersherum: Bei Rentnerinnen und Rentnern, die die rechtlichen Voraussetzungen für die Grundrente erfüllen und bislang keine Steuern zahlen, ist das Einkommen wahrscheinlich niedrig genug. Niedrig genug, dass ein Anspruch auf Grundrente besteht.

Dann könnte es nur noch passieren, dass jemand bald die Grundrente bekommt und dafür aber Wohngeld wegfällt oder Grundsicherung und er oder sie am Ende kaum etwas vom Zuschlag hat. Aber das soll nicht sein. Deshalb hat der Gesetzgeber auch hier eingegriffen. Die Große Koalition hat mit dem Grundrentengesetz gleich mehrere neue Freibeträge eingeführt, die das weitgehend verhindern.

Zum Beispiel können von der gesetzlichen Rente mit Grundrente auf jeden Fall monatlich 100 Euro zusätzlich komplett behalten  werden. Auch darüber hinaus wird ein Teil nicht angerechnet. Im Grunde so wie heute schon von Riester- und Betriebsrenten.

Und auch beim Wohngeld wird für Rentnerinnen mit mindestens 33 Beitragsjahren ein zusätzlicher Freibetrag eingeführt, damit die Grundrente beim Wohngeld nicht voll als Einkommen angerechnet wird.

Grundrentner sollten im Zweifel nachrechnen lassen

Politiker der Großen Koalition schimpfen öfter mal, dass in Deutschland zu viel Einzelfallgerechtigkeit erwartet  werde. Aber hier haben sie selbst – mehr auf Drängen der Union – ein Modell gebaut, dass einen Riesenverwaltungsaufwand braucht und dann auch noch dazu führt, dass einige Zehntausend Rentner und Rentnerinnen sterben, bevor sie das ihnen zustehenden Geld irgendwann zwischen Sommer 2021 und Herbst 2022 erstmals bekommen haben. Wenn Gerechtigkeit so kompliziert zu rechnen ist, können sowohl bei der Rentenversicherung als auch beim Finanzamt natürlich Fehler passieren. Zum Beispiel, weil die Rentenansprüche aus der gesetzlichen Rente falsch gegengerechnet wurden. Oder weil die Einkommen, die das Finanzamt meldet, falsch berücksichtigt worden sind.

Betroffene können und müssen dann nach ihrem Grundrentenbescheid den klassischen Verwaltungsweg gehen. Erst mal Widerspruch einlegen, und wenn das nicht hilft, im zweiten Schritt vors Sozialgericht gehen. Oder vors Finanzgericht, wenn das Finanzamt aus ihrer Sicht das Einkommen falsch angegeben hat. Die Deutsche Rentenversicherung hat schon mal vorsorglich angekündigt, sich bei den Einkommensfragen strikt an das zu halten, was das Finanzamt angibt.

Meine Kollegen und ich werden also ab Sommer aufs Detail gucken und schauen, ob das neue Modell in der Praxis funktioniert! Und wenn Sie denken, dass Ihnen eine zusätzliche Rente zusteht, und die kommt doch nicht, haken Sie unbedingt bei der Rentenversicherung nach. 

Den langen Anlauf zum Ruhestand nutzen

Wer zwar schon weiß, dass es im Alter knapp wird, aber noch einige Jahre Zeit hat bis zur Rente, kann aus dem Projekt Grundrente vier Dinge ableiten:

  • Auf jeden Fall so lange arbeiten, dass die 33 Beitragsjahre vollgemacht werden. Dann haben Sie im Zweifel auch einen Anspruch  auf Grundrente.

  • Gerade kleine Riester- und Betriebsrenten  nicht kündigen. Auch die bringen ein Zusatzeinkommen im Alter, das seit 2018 mit anderen Sozialleistungen nicht verrechnet wird.

  • Freies Einkommen gern auch anlegen – zum Beispiel in Indexfonds . Denn wenn's klappt und Vermögen entsteht, wird das beim Kalkulieren der Grundrente nicht angerechnet.

Und dann gesund bleiben. Damit Sie im Zweifel etwas von Ihrem Ruhestand und der neuen Grundrente haben.

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