Steuern senken, Geld ausgeben Bringt Donald Trump den Zins zurück?

Donald Trumps Wirtschaftsprogramm basiert auf einer drastischen Ausweitung der Schulden. Was langfristig gefährlich sein dürfte, könnte Anlegern kurzfristig wieder höhere Zinsen bescheren.

Fernseher an der Frankfurter Börse am 9. November 2016
AFP

Fernseher an der Frankfurter Börse am 9. November 2016

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Als Donald Trump zum künftigen Präsidenten der USA gewählt wurde, spielten die Aktienmärkte verrückt: Zuerst ging es mit den Kursen nach unten, später teilweise steil nach oben. Zur Überraschung der meisten Experten fürchteten sich die Anleger vor Trumps vielzitierter Unberechenbarkeit offenbar weniger als vorher gedacht.

Noch stärker als die Aktienkurse reagierte allerdings jener Teil der Finanzmärkte, der gemeinhin weniger Beachtung findet: Ob in den USA, Europa oder Südamerika - überall sackten die Kurse für Staatsanleihen drastisch ab. Die Nachrichtenagentur Bloomberg spricht vom größten Zweiwochenverlust seit 26 Jahren für Anleihen weltweit.

Hinter dem Crash steckt eine Erwartung, die auch für Privatanleger interessant werden könnte: Die großen Investoren setzen offenbar darauf, dass die Zeit der absoluten Niedrigzinsen unter Trump bald vorbei sein wird.

Was spricht für steigende Zinsen?

Schon in den vergangenen Wochen machte sich eine kleine Zinswende an den Finanzmärkten bemerkbar: Brachten US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit Ende September noch eine Rendite von 1,7 Prozent, sind es mittlerweile schon wieder 2,3 Prozent. Und auch für deutsche Staatsschulden verlangen Investoren mittlerweile wieder Zinsen. Lag die Rendite von Bundesanleihen Ende September noch im Minusbereich, ist sie mittlerweile wieder auf 0,3 Prozent gestiegen.

Die Gründe dafür liegen nicht nur, aber auch bei Trump. Zum einen hat der künftige Präsident ein gigantisches Konjunkturprogramm angekündigt. Er will Straßen, Brücken und Flughäfen erneuern lassen. Das kostet Geld, das der Staat nicht hat. Und weil Trump zugleich auch die Steuern massiv senken will, wird er kaum umhinkommen, sich viele Milliarden Dollar bei den Anlegern zu leihen. Trump ist also darauf angewiesen, dass die Investoren noch mehr Staatsanleihen kaufen - und wird ihnen dafür höhere Zinsen als bisher bieten müssen.

Hinzu kommt, dass die amerikanische Wirtschaft bereits jetzt wieder auf vergleichsweise hohen Touren läuft und durch Trumps Konjunkturprogramm weiter angefacht werden dürfte. In der Regel treibt eine solche Politik nicht nur die Löhne, sondern auch die Preise. Die Inflation steigt also - und um gegenzusteuern, wird die amerikanische Notenbank Fed die Leitzinsen erhöhen müssen, die sich seit der Finanzkrise auf extrem niedrigem Niveau befinden.

Bisher liegen die Leitzinsen, zu denen sich die Banken Geld leihen können, in den USA bei mickrigen 0,25 bis 0,5 Prozent. Doch schon vor Trumps Wahl erwarteten die meisten Experten, dass die Fed den Satz bei ihrer nächsten Sitzung am 14. Dezember erhöhen wird. Mittlerweile bestehen daran kaum noch Zweifel - Notenbank-Chefin Janet Yellen ließ daran auch bei einer Anhörung im Kongress an diesem Donnerstag keinen Zweifel.

Die meisten Analysten rechnen nun mit mindestens zwei weiteren Erhöhungsschritten im kommenden Jahr. Finanzexperten zeigen sich entzückt: "Die Zeit ewig niedriger Zinsen ist jetzt vorbei", jubelt Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. (Warum es Zinsen gibt und wie sie funktionieren, lesen Sie hier verständlich erklärt.)

Warum gibt es überhaupt Zinsen?

Wie stark wird die Wende?

Dass die Zinsen steigen, scheint ausgemacht zu sein. Die Frage ist nur: wie hoch und wie lange? Der Ökonom Thomas Mayer sieht mittelfristig eher einen Zinsbuckel als eine Zinswende. "Die Zinsen werden steigen, aber im Laufe des Jahres 2018 wird es wahrscheinlich schon wieder runtergehen", sagt der Direktor des Flossbach von Storch Research Institutes in Köln. Seine Begründung: "Die Verschuldung ist nach der Finanzkrise immer noch extrem hoch, eine Bereinigung hat nicht stattgefunden", erklärt Mayer. "Ich fürchte, wenn die Zinsen wieder deutlich steigen, wird das viele Schuldner in die Knie zwingen und wir haben die nächste Krise." Spätestens dann würden die Zinsen wohl zwangsläufig wieder sinken.

Auch bei der US-Notenbank selbst, gibt man sich vorsichtig, was das Ausmaß der Zinssteigerungen angeht. James Bullard, regionaler Fed-Chef in St. Louis, geht davon aus, dass die US-Leitzinsen auch im kommenden Jahr nicht über ein Prozent steigen und dass es noch Jahre dauern wird, bis sie wieder Normalniveau erreichen.

Was macht die Europäische Zentralbank?

Wenn die US-Notenbank die Zinsen anhebt, heißt das nicht zwangsläufig, dass andere Zentralbanken dies auch tun müssen. Im Gegenteil: Die Bank of Japan kämpft bereits mit gezielten Anleihekäufen dagegen, dass die Zinsen auf japanische Staatsanleihen ebenfalls in die Höhe gehen. Und auch die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte erst einmal kein Interesse haben, irgendetwas an ihrer Geldpolitik zu ändern.

Sie hält den Leitzins immer noch bei null und denkt darüber nach, ihr Ende März auslaufendes Billionen-Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen zu verlängern. EZB-Chef Mario Draghi deutete am Freitag an, dass er eine solche Verlängerung für nötig hält: "Wir sehen immer noch keine konsequente Stärkung der Preisdynamik", sagte Draghi bei einer Bankenkonferenz in Frankfurt. Erst wenn die Inflation stabil und dauerhaft beim Zielwert von knapp unter zwei Prozent liege, könne die EZB ihre unterstützenden Maßnahmen zurückfahren. Zuletzt lag die Teuerungsrate in der Eurozone aber nur bei 0,5 Prozent.

Bleibt die EZB bei ihrem Kurs, würde das die Kluft zwischen Niedrigzins-Europa und den USA vergrößern. Als Folge dürfte der Dollar gegenüber dem Euro weiter zulegen. Die Parität, also ein Wechselkurs von eins zu eins, ist ohnehin nicht mehr weit entfernt. War ein Euro Anfang Oktober noch 1,12 Dollar wert, sind es mittlerweile nur noch 1,06 Dollar.

Was bedeutet Trumps Politik für Anleger und Verbraucher?

  • Aktien und Aktienfonds

Für viele Aktien geht es seit Trumps Wahlsieg bergauf - vor allem in den USA. Dort hat der Leitindex Dow Jones in den vergangenen zehn Tagen rund fünf Prozent an Wert gewonnen und ist zwischenzeitlich auf den höchsten Stand jeher gestiegen.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die Trump-Hausse vor allem von einigen wenigen Aktien getragen wird, die nach Meinung vieler Anleger von Trumps mutmaßlicher Wirtschaftspolitik profitieren. Dazu gehören Baukonzerne und Pharmafirmen ebenso wie Kohlefirmen und Banken.

Dieser Trend dürfte anhalten, wenn Trump seine Versprechen wahr macht. Die Schweizer Bank Vontobel hat sogar ein Produkt für all jene rausgebracht, die auf den Trump-Boom setzen wollen: Das sogenannte Trump Basket Zertifikat (WKN VN4SDT) bildet den Kursverlauf 17 amerikanischer Aktien nach, darunter der Flugzeug- und Rüstungskonzern Boeing Chart zeigen, private Krankenversicherer wie Humana oder United Health Group sowie die Großbanken Citigroup, JP Morgan und U.S. Bancorp.

Doch es gibt auch Branchen, die sich als Verlierer der Trumpschen Politik entpuppen könnten. Dazu gehören zum Beispiel Konsumgüterhersteller, die als weniger abhängig vom Konjunkturzyklus gelten. In den USA wären das Firmen wie Colgate-Palmolive Chart zeigen oder Procter & Gamble Chart zeigen, in Europa Unternehmen wie Henkel Chart zeigen oder Unilever Chart zeigen. Aber auch Internetfirmen wie Apple Chart zeigen, Amazon Chart zeigen oder Google Chart zeigen, die in der Vergangenheit zu den großen Gewinnern am Aktienmarkt gehörten, scheinen nun zurückzufallen.

Zudem ist die Aussicht auf steigende Zinsen auch ein Risiko für den Aktienmarkt: Denn wenn Anleihen und andere Zinspapiere wieder höhere Renditen abwerfen, werden sie im Vergleich zu Aktien wieder attraktiver. Bei einem zu starken Zinsanstieg könnte die Rallye am Aktienmarkt also bald wieder vorbei sein.

  • Lebensversicherungen

Statistisch gesehen hat jeder Deutsche mindestens eine Lebensversicherung. Weil die Versicherer das Geld der Kunden vor allem in Anleihen investieren, ist die Verzinsung in den vergangenen Jahren arg zusammengeschrumpft. Vor allem neue Policen werfen angesichts des Niedrigzinsumfelds nur noch extrem mickrige oder gar keine garantierten Renditen mehr ab. Da sollte es doch ein Segen sein, wenn die Zinsen tatsächlich wieder steigen, oder?

Ganz so einfach ist es leider nicht. Denn steigende Zinsen schlagen sich nur sehr langsam in steigenden Renditen bei Lebensversicherungen nieder. Fällt der Zinsanstieg sehr stark aus, können die Versicherungsunternehmen teilweise sogar ins Straucheln geraten. Sie haben mittlerweile so viele schlecht verzinste Anleihen in ihren Anlageportfolios, dass ein Zinsschock sie teuer zu stehen kommen könnte. Die Papiere würden dann drastisch an Wert verlieren, viele Kunden würden zudem möglicherweise ihre Verträge kündigen, um das Geld woanders gewinnbringender anzulegen. "Bei einem plötzlichen Zinsanstieg würden sowohl Banken als auch Lebensversicherer unter Druck geraten", warnt deshalb die Bundesbank in ihrem gerade veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht.

  • Immobilien

Zinsen für Baufinanzierung orientieren sich an der Entwicklung von Staatsanleihen. Und deren Renditen steigen gerade. Bei der Baufinanzierung hat sich das bisher nur leicht bemerkbar gemacht. Ein Renditenanstieg über längere Zeit würde aber auch hier die Zinssätze steigen lassen.

Es ist also gut möglich, dass wir in den vergangenen Monaten eine Art Tiefpunkt bei den Kreditkonditionen gesehen haben, und die Finanzierungskosten künftig wieder leicht steigen. Im Gegenzug könnten dann die Marktpreise für Häuser und Wohnungen etwas sinken, weil der Immobilienkauf auf Pump einfach nicht mehr so attraktiv wäre. Gerade erst hat die Bundesbank vor einer solchen Entwicklung gewarnt.

Wer jüngst eine Wohnung oder ein Haus in einer Großstadt für viel Geld gekauft hat, müsste bei steigenden Zinsen also damit rechnen, dass sie bald etwas weniger Wert sein könnte. Ein Grund zur Sorge dürfte das aber nur in den wenigsten Fällen sein. Erstens ist ein drastischer Zinsanstieg in Deutschland kaum zu erwarten. Und zweitens haben viele Kreditnehmer hierzulande Verträge mit langfristigen Zinsbindungen von 10, 15 oder 20 Jahren abgeschlossen. Sie können sich also erst einmal entspannt zurücklehnen.

  • Girokonto, Tages- und Festgeld

Wenn es mit den steigenden Zinsen an den Anleihemärkten weitergeht, dürfte auch die Angst der Sparer vor Minuszinsen erst einmal gebannt sein. Denn wenn Banken wieder attraktivere Anlagemöglichkeiten haben, steigen ihre Zinseinnahmen und der Druck, Sparer über Minuszinsen und Gebühren zu belasten, sinkt.

Noch macht sich die kleine Wende in den Konditionen der Banken allerdings nicht bemerkbar. Ob Tagesgeld oder Festgeld - in Deutschland sind die Zinsen weiterhin mau. Die alten Zeiten, in denen es vier oder fünf Prozent Zinsen aufs Tages- oder Festgeld gab, sind also noch sehr weit entfernt. Und viele Experten zweifeln daran, dass sie je wieder zurückkommen werden. Trotz Trump.

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held_der_arbeit! 19.11.2016
1. Back to the roots
Da hatte man grade leise Hoffnung, dass der Neoliberalismus und sein Prinzip der schnellen Rendite auf Kosten der Zukunft reformiert werden kann und nun kriegen wir Reagan II. Paradoxerweise als Antwort auf die durch Reagan losgetretenen Probleme...
Bueckstueck 19.11.2016
2. Eines ist sicher:
Was Trump auch immer macht, es wird seinen vermögenden und mächtigen Unterstützern nutzen. Die können jetzt schon anfangen zu zocken, weil man weiss wohin die Reise geht. Und wenn Trump erst die Wallstreet wieder entfesselt hat, rollt der Dollar noch schneller - schneller auf die nächste Blase und den Kollaps zu. Und dann wirds noch schlimmer als zuvor, weil das Land schon zu Beginn im tiefsten Schuldensumpf steckt, den dieser Planet je gesehen hat. Wir werden es erleben. Trump vielleicht nicht, er ist alt und übergewichtig, aber wir werden sehen wohin das alles führt...
localpatriot 19.11.2016
3. Langfristig niedrige Zinsen sind ein Wachstumskiller
Niedrige Zinsen enteignen in erster Linie die Mehrzahl der sparenden Bürger, wobei der angebliche Vorteil in erster Linie den Wertpapier und Immobilienspekulaten zu Gute kommt. Eine Wirtschaftspolitik welche Zinsen in Richtung 'Normal' treibt kann nur von Vorteil sein. Möglicherweise versteht Herr Trump dass mehr Zinseinkommen die Wirtschaft ankurbeln kann.
thequickeningishappening 19.11.2016
4. Fuer die Heuschrecken ist der Kurs einer Anleihe
Interessant, nicht der Zinsertrag! 1/4% Zinsererhoehung macht 2,5% Minus im Kurs (bei 10 Jahren Laufzeit. Die Heuschrecke kauft jedoch nicht die Anleihe sondern eine Option Zum Kauf bzw Verkauf Derselben was Dem 1/4% schnell einen hundertfachen Hebel gibt! Ausserdem geht beim Ersten Zinschritt von 0 auf 0,25 die Geldmenge von Unendlich auf ENDLICH, von 0,25 auf 0,5 halbiert sich die ENDLICHE Menge! Die Banken SCHWITZEN (Japan ist ein Sonderfall und selbst dort wurde lediglich Zeit gekauft: 250% SS)!
humble101 19.11.2016
5. Wenn tatsächlich die Zinsen wieder
steigen, werden ihn sogar die Deutschen lieben, die ihn jetzt hassen. Zu viele dürften das angesichts seiner Absichten und den damit in Zusammenhang stehenden Handlungszwänge für Deutschland nicht sein.
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