Hermann-Josef Tenhagen

Verschmutzungsrechte Geld verdienen mit dem eigenen E-Auto

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Sie haben ein E-Fahrzeug oder bekommen noch in diesem Jahr eines? Dann haben Sie die Möglichkeit, ihre Verschmutzungsrechte zu verkaufen. Rund 350 Euro sind drin. So geht’s.
Strom tanken: Mit Ihrem E-Fahrzeug stoßen Sie kaum Treibhausgase aus

Strom tanken: Mit Ihrem E-Fahrzeug stoßen Sie kaum Treibhausgase aus

Foto: Simon Skafar / iStockphoto / Getty Images

Wussten Sie schon: Als Autofahrer haben Sie ein Recht auf klimaschädliche Abgase, die dürfen Sie in die Luft blasen. Wenn Sie aber ein Elektroauto besitzen oder im Laufe des Jahres noch ein E-Auto erwerben, können Sie Ihr Anrecht auf diesen Klimadreck verkaufen. Denn Sie stoßen ja mit Ihrem E-Auto keine oder kaum Treibhausgase aus. Dafür können Sie rund 350 Euro bekommen.

Diese Prämie gibt es ab 2022 einmal im Jahr, auch wenn Sie das E-Auto erst im Dezember bekommen. Sie müssen aber selbst aktiv werden. In den kommenden Jahren kann diese Prämie sogar noch steigen. Sichere hohe Prämien  zahlen im Augenblick viele neue Firmen, Zahlungen organisieren aber auch große Kfz-Versicherer wie die gerade frisch in den Markt eingestiegene HUK und die Allianz, die das über den ADAC abwickelt.

Der Klima-Fußabdruck der Mineralölkonzerne

Die Idee mit den Prämien stammt von der EU  und ist ein wenig um die Ecke gedacht. Ziel: Die Mineralölkonzerne sollen dadurch weniger klimaschädlich agieren, und gleichzeitig sollen sie für uns Bürger den E-Auto-Boom anschieben. Deshalb hat die EU zweierlei verfügt.

Erstens, die Mineralölkonzerne müssen den Klima-Fußabdruck ihrer Branche jedes Jahr verringern. Technisch wird das so geregelt, dass Shell und Co. eine sogenannte Treibhausgasminderungsquote (kurz: THG-Quote) erfüllen müssen. In Deutschland ist das im Bundesimmissionsschutzgesetz geregelt.

Um die Quote zu erfüllen, können die Firmen zum Beispiel mehr Biokraftstoffe verkaufen, ihren Sprit emissionsärmer herstellen oder einfach etwa bei Öko-Stromern Verschmutzungsrechte erwerben, die sie selbst nicht brauchen.

Genau das tun die Mineralölfirmen. Seit Jahren kaufen sie solche Zertifikate bei den Stromanbietern, die öffentliche Ladesäulen in Deutschland betreiben. Die Zertifikate bescheinigen die Nutzung von Strom beim Betrieb von Autos, also Autoverkehr mit weniger Ausstoß von Treibhausgasen. Die nicht gebrauchten Verschmutzungsrechte werden an die Mineralölwirtschaft verkauft.

Seit 2022 gibt es für die Konzerne eine neue günstige Möglichkeit, solche Rechte zu erwerben. Die Firmen können nicht genutzte Verschmutzungsrechte von privaten Besitzern von E-Autos erwerben. In der Regel nicht direkt beim Autofahrer selbst, sondern über diverse Firmen, die als Zwischenhändler auftreten.

Wie funktioniert der Verkauf?

Und wie geht das? Soll jetzt bei jedem E-Autofahrer der Stromverbrauch gemessen werden? Ladesäulenbetreiber können den Umfang, in dem bei ihnen Strom getankt und damit der Ausstoß von Klimagasen vermindert wird, ja nachmessen.

Aber nein. Der Gesetzgeber hat das Verfahren bewusst vereinfacht: Das zuständige Umweltbundesamt zertifiziert einfach jedes Auto, jeden Kleinlaster und jeden großen Roller, die rein elektrisch fahren, und weist ihnen eine standardisierte Menge eingesparter Treibhausgase zu. Und die darf der Besitzer einmal im Jahr verkaufen. Das Umweltbundesamt geht bei der Rechnung davon aus, dass 2000 Kilowattstunden Strom im Jahr verfahren werden.

Wenn Sie ein E-Auto besitzen, sollten Sie sich diese Prämie nicht entgehen lassen. »Finanztip«  listet einige Dutzend zum Teil eigens dafür gegründete Firmen auf. Die sammeln diese Verschmutzungsrechte bei Autofahrern ein, um sie dann gesammelt an Shell und Co. zu verkaufen.

Ziemlich aktiv beim Einsammeln der Verschmutzungsrechte sind darüber hinaus große Versicherer. Sie sammeln bei ihrer Klientel Kunden für die Vermittler ein.

Technisch ist der Ablauf so:

  • Sie melden sich mit Ihrem Fahrzeugschein bei dem Vermittler und lassen sich registrieren. Der reicht Ihren Antrag beim Umweltbundesamt ein . Das prüft, ob Sie tatsächlich Halter des Autos sind. Und ob Sie Ihre Prämie dieses Jahr nicht schon woanders beantragt haben.

  • Die Pauschalberechnung führt dann dazu, dass es für die Berechnung der Prämie völlig gleichgültig ist, ob das Auto von Januar bis Dezember in Gebrauch ist oder erst von August bis Dezember. Oder ob es um einen Roller geht.

  • Hat das Umweltbundesamt das voll elektrische Gefährt samt Halter registriert, kann das Geld fließen. Anbieter wie die Huk versprechen, dass die Prämie – in dem Fall 350 Euro fürs Auto – dann innerhalb von 14 Tagen auf Ihrem Konto landet . Das Umweltbundesamt räumt aber ein, dass für die Bearbeitung im Amt mit mindestens zwei Monaten Wartezeit gerechnet werden muss.

  • Wie geschrieben: Die Prämie gibt es auch für Kleinlaster. Dann ist sie aber 50 Prozent höher. Für die großen Roller dagegen ist sie genauso hoch wie für die Autos.

  • Für E-Busse hat das Umweltbundesamt eine eigene Kategorie festgelegt: Dort wird das 36-fache der Einsparung eines Durchschnittsautos angesetzt. Somit können Busunternehmen mit Prämien von mehr als 10.000 Euro rechnen.

Was sich immer etwas ungewohnt anhört, ist inzwischen ein florierendes Geschäft. Das Umweltbundesamt schrieb mir diese Woche, dass in den paar Monaten dieses Jahres schon Emissionsrechte von 160.000 reinen Elektroautos in Deutschland gehandelt wurden. Das entspricht über den Daumen gepeilt mehr als 50 Millionen Euro, die an die Autohalter fließen.

An wen verkaufen?

Für die Autobesitzerin bleibt nur eine Frage: Bei wem will ich meine Emissionsrechte verkaufen? Wo ist der Prozess einfach? Und wo gibt es das meiste Geld? Die Entscheidung ist auf den ersten Blick nicht leicht, denn es sind viele neue Firmen, die das Geschäft entdeckt haben . Firmen, die man (noch) nicht kennt, wie »Elektrovorteil« oder »Zusammenstromen«.

Auch ein paar alte Platzhirsche sind angetreten und machen ihr Angebot:

  • Stromkonzerne wie der Ökostromer Lichtblick und die Stromgiganten EnBW und E.on,

  • die beiden größten deutschen KFZ-Versicherer HUK und Allianz,

  • der Automobilklub ADAC mit seinen 20 Millionen Mitgliedern, der auch die Abwicklung für die Allianz unternimmt.

Die neuen Firmen haben aktuell die größeren Marktanteile. Wenn Ihnen an einer bequemen Abwicklung gelegen ist und einer der Platzhirsche sowieso schon Ihre Kontonummer hat, können Sie diesmal auch die Konzerne wählen. Die Versicherer zahlen pauschal 350 Euro, die verspricht auch der ADAC plus einen Bonus für die eigenen Mitglieder. Lichtblick ist mit 345 Euro am Start.

Etwas Provision steckt im System drin. Meine »Finanztip«-Expertin Ines Rutschmann hat ausgerechnet, dass die pauschalen Emissionsrechte des E-Autos circa 400 bis 450 Euro wert sind. Deswegen gibt es bei Nynex Sattelite und Elektrovorteil oft noch etwas mehr. Das sind auch aktuell große Vermarkter.

Im Prinzip könnten Sie sich als E-Auto-Besitzer sogar selbst als Händler für Ihre Emissionsrechte registrieren lassen, heißt es auch in den entsprechenden FAQ des Umweltbundesamtes . Allerdings ist das umständlicher, und Mineralölkonzerne kaufen solche Rechte schon lieber bei einem Händler, der viele Zertifikate anbieten kann, als bei einzelnen Privatpersonen.

Bleibt eine letzte Frage: Was passiert mit Ihren Emissionsrechten, wenn Sie nicht verkaufen? Die Antwort lautet: aktuell gar nichts. Rein rechtlich könnte die Bundesregierung diese Emissionsrechte für sich reklamieren und an der Strombörse versteigern und so Millioneneinnahmen erzielen. Allerdings fehlt dafür noch die passende Rechtsverordnung, um die sich die neue Regierung in den vergangenen Monaten nicht gekümmert hat.

Wahrscheinlich sollten wir die Regierung gar nicht in Versuchung führen: Wenn in den kommenden Monaten auch mit der staatlichen Förderung die Zahl der reinen E-Autos deutlich zunimmt, wäre es schön, wenn die Halter sich selbst um die Prämie kümmerten . Dann landet das Geld der Ölkonzerne in den Taschen der E-Mobilisten.