Hermann-Josef Tenhagen

Neuregelung für Solarstrom Lasst die Bremser blechen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Fotovoltaik ist eine große Erfolgsgeschichte. Nun wird die Finanzierung neu geregelt - im Sinne der Industrie. Vor allem Mieter kommen dabei schlecht weg. Was Sie tun können.
Foto: H. Baesemann / imago images/blickwinkel

An einem schönen Sommertag, zur Mittagszeit, produzieren die Solaranlagen in Deutschland fast genug Strom, um das ganze Land zu versorgen. Sie stehen auf Dach und Acker. Aufgestellt erst von ziemlich mutigen Menschen, die sich einer neuen Technologie verschrieben hatten. Dann von kühlen Rechnern, die die schönen Renditen auf Kosten der Stromkunden ausrechnen konnten. Und schließlich von ganz vielen, die das ganz persönlich ökologisch und ökonomisch für vernünftig halten. Jetzt muss nur noch geregelt werden, wie der so erzeugte Ökostrom künftig genutzt und bezahlt werden kann.

Sie wurden belächelt, die Pioniere, die sich vor 30 Jahren eine Photovoltaik-Anlage aufs Dach setzten, um damit Strom zu produzieren. Um die Jahrtausendwende wurden es dann immer mehr. Denn die rot-grüne Bundesregierung hatte solche Pioniertaten finanziell lukrativ gemacht. Der örtliche Netzbetreiber musste den Solarstrom vom Dach nicht nur für 20 Jahre abnehmen. Er musste auch einen hohen Preis dafür bieten, was die damals noch teuren Solaranlagen finanzierte. Bezahlt wurde das von allen Stromkunden gemeinsam - über die EEG-Umlage haben sie die Förderung für Solarstrom getragen (und auch die für Windstrom oder Strom aus Biogas).

Zunächst wurde das kaum ernst genommen. Und mit dem Riesenerfolg, der sich bald einstellte, hatte niemand gerechnet: Inzwischen schmücken 1,7 Millionen Solaranlagen Deutschlands Dächer. Sie erzeugen rund zehn Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms. Solare Heizungssysteme, die sich eigentlich schon lange auch ohne Subventionen rechnen, sind verglichen damit deutlich ins Hintertreffen geraten.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Der Kauf einer Solaranlage hatte eine Zeit lang für alle, die dafür Platz hatten, ganz hohe Priorität. Zwischen 2006 und 2012 hat kein Bauer einen neuen Trecker gekauft, bevor er nicht ein Solardach auf seiner Scheune installiert hatte.

Geschäftsmodelle wurden geschaffen. Banken und Entwickler gründeten geschlossene Gesellschaften, die mit ganz wenig Eigenkapital und ganz viel geliehenem Geld riesige Solarparks aus dem Boden stampften. Anleger profitierten. Und auch die Banken schnitten sich über die Finanzierung dieser Projekte ein dickes Stück vom Solarkuchen ab. Die solaren Quadratmeter wurden zu Quadratkilometern – und die normalen Stromkunden zahlten es.

Nun sind die 20 Jahre Garantiepreise  für die ersten Anlagen vorüber. Der örtliche Stromkonzern muss die aus dem rot-grünen Gesetz folgenden erhöhten Preise nicht mehr zahlen. Und die Solarpioniere fragen sich: Wohin jetzt mit dem hausgemachten Strom?

Eigenverbrauch wäre die naheliegende Antwort – gekoppelt mit dem preiswerten Verkauf an die Nachbarn. Schließlich ist die Anlage bezahlt und kann allein deshalb konkurrenzlos günstig Strom erzeugen. Doch das lässt die gesetzliche Regelung, die inzwischen geplant wurde, so einfach nicht zu. Sie schützt vor allem die Stromanbieter vor dem Strom der Bürger.

Alt-Anlagen-Betreiber sollen ab Neujahr drei Möglichkeiten haben :

  • Sie können ihren kompletten Strom weiter an den Betreiber des örtlichen Stromnetzes liefern und bekommen dafür Minipreise.

  • Sie können den Strom selbst verbrauchen. Dann müssen sie die EEG-Umlage auf den Eigenverbrauch zahlen, einen immerhin ermäßigten Satz von voraussichtlich 2,6 Cent pro Kilowattstunde. Wandert auch ein wenig Solarstrom ins öffentliche Netz, darf der Netzbetreiber diesen nicht abnehmen. Dann braucht der Anlagenbetreiber einen Vermarkter für diesen Strom und zusätzlich teure Messtechnik. Wer das vorhat, muss aufpassen: Das Einspeisen und Verkaufen von Strom kann schnell zum Zuschussgeschäft werden.

  • Sie können auch selbst Überschüsse vermarkten – an Nachbarn oder Mieter im eigenen Haus. Dann ist aber der volle Satz der EEG-Umlage zu berechnen, voraussichtlich 6,5 Cent pro Kilowattstunde im Jahr 2021. Und einfach so geht das auch nicht: Altanlagen-Betreiber müssen teure Messtechnik installieren – auch die wird Kosten für die Stromkunden nach oben treiben. 

Im geplanten Gesetz nicht vorgesehen ist die naheliegende Lösung: So viel Solarstrom wie möglich am Ort seiner Erzeugung zu nutzen – ohne administrative, kaufmännische und technische Hürden.

Dabei könnte der Betreiber einer solchen Anlage seinen Strom selbst nutzen und Überschüsse an die Nachbarschaft verkaufen. Für Haushaltsstrom oder auch für die Wallbox, also eine Aufladestation für E-Autos, an der Nachbarn ihre Elektromobile betanken können. Das klingt nach Zukunft. Doch solche dezentralen, auf die teilweise Selbstversorgung ausgerichteten Systeme sind Stromkonzernen und offenbar auch den Ministerien ein Dorn im Auge. Sie verringern die Nachfrage nach Haushaltsstrom und machen sichtbar, dass ein Teil der Strom-Infrastruktur vor allem großen industriellen Nutzern dient.

Private Haushalte zahlen deutlich mehr als Industrie

In den Zeiten vor der Energiewende speisten große Kraftwerke Strom auf höchster Spannungsebene ins Netz ein. Die Energie wurde nach unten weiterverteilt – zuerst an die Großverbraucher, dann an weniger energieintensive Unternehmen bis schließlich hin zu jedem Haushalt. Weil der Strom bis zu den Haushalten einen weiteren Weg zurückzulegen hatte als zu großen Industrieunternehmen, zahlten die Haushalte viel höhere Netzentgelte. Das ist bis heute so. Obwohl ein großer Teil des deutschen Stroms heute auf niedriger Spannungsebene ins Netz eingespeist und direkt wieder verbraucht wird – von normalen Stromkunden, die trotzdem weiterhin einen erklecklichen Teil der Infrastruktur finanzieren, die sie selbst zunehmend weniger brauchen.

Die Industrie lässt sich ihr Versorgungsnetz einfach weiterhin von den Privathaushalten zu einem großen Teil bezahlen.

Das ist aber noch nicht alles. Es gibt zudem rund 2000 Unternehmen, die die EEG-Umlage nur geringfügig bezahlen müssen, weil sie besonders viel Strom brauchen. Sie haben richtig gelesen: besonders viel! Wer als Unternehmen mindestens 14 oder 20 Prozent seiner Kosten für Strom aufwendet, kann auf Antrag weniger EEG-Umlage zahlen. Darunter Bahnanbieter (politisch vernünftig), Molkereien (warum das eigentlich?), Hähnchenschlachtereien (ja, ernsthaft!) und sogar eine Brauerei (kein Kommentar).

Bevorzugung der Industrie wird zementiert

Im September hat die Bundesregierung ihre vermeintlich zukunftsfähige Lösung für erneuerbare Energien und damit auch Solarstrom vorgelegt.

Doch statt konkret an die Solarpioniere oder zumindest insgesamt an Verbraucher zu denken, haben sich die Ministerien der Bundesregierung als Erstes darauf geeinigt, die Subventionen der Firmen zu retten, die bisher bereits von der Begrenzung der EEG-Umlage profitieren. Wer als Unternehmen infolge der Corona-Pandemie weniger Strom verbraucht hat und die 14 Prozent für 2020 nicht mehr erreicht, darf trotzdem weniger Umlage zahlen. Und damit wir als Stromkunde die Unternehmen auch künftig nach Recht und Gesetz subventionieren dürfen, sieht die Bundesregierung vor , den Anteil der Stromkosten künftig Jahr um Jahr zu senken – bis 2025 auf 10 Prozent.

Die Unterscheidung von Industrie und Haushaltsnutzern zieht sich durch: Viele Industriebetriebe, die ihren eigenen Strom (aus fossilen Kraftwerksanlagen) verbrauchen, mussten ohnehin noch nie EEG-Umlage zahlen – im Gegensatz zu Haushalten und Gewerbetreibenden, die in den vergangenen sechs Jahren eine Photovoltaikanlage zum Eigenverbrauch errichtet haben. Ganz zu schweigen von einem Vermieter, einer Wohnungsgenossenschaft oder Wohnungsbaugesellschaft, die eigenen Solarstrom an Mieter oder Mitglieder weitergeben wollen – denn dabei ist auf jede Kilowattstunde die volle EEG-Umlage fällig .

Und das, obwohl selten eine Reform für alle statt nur für wenige so einfach, so naheliegend ist:

  • Private Solarstromer (oder auch Windstromer), die ihren hausgemachten ökologischen Strom selbst auch günstig (also deutlich unter aktuellen Marktpreisen) an die Nachbarn vermarkten, sollten diesen Strom einfach von der EEG-Umlage befreien lassen können.

  • Wohnungsbaugesellschaften, Wohnungsbaugenossenschaften und Vermieter sollten den auf eigenen Häusern erzeugten Ökostrom künftig ohne EEG-Umlage günstig an Mitglieder und Mieter weitergeben dürfen (wenn das denn deren Strom deutlich billiger macht).

Mieterstrommodelle jedoch werden in Deutschland fast schon traditionell stiefmütterlich behandelt. Im letzten verfügbaren Bericht zum eigens dafür geschaffenen Mieterstromgesetz ist das bisherige Scheitern dokumentiert: "Aktuell sind aufgrund des sehr geringen Zubaus bei Mieterstrom allerdings sowohl die Verteilungswirkung als auch die Auswirkungen auf die Stromnetze von verschwindend geringer Bedeutung ."

Zwar sollen Mieterstromanlagen ab 2021 stärker finanziell gefördert werden. Das Anheben der Fördersätze ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ohne die große Reform sind und bleiben Mieter die wirklichen Zahlmeister der Energiewende. Sie können keinen Strom auf dem eigenen Dach oder im eigenen Garten erzeugen. Sie können auch keinen von der EEG-Umlage befreiten Strom vom Hausdach des Vermieters oder der Wohnungsbaugesellschaft kaufen. Sie müssen den Strom mit der teuren EEG-Umlage kaufen und damit die lukrative Solarstromerzeugung von Hausbesitzern und Kapitalanlagegesellschaften finanzieren.

In dieser Kolumne geht es immer auch um Selbsthilfe. Daher hier meine Tipps für Sie:

  • Das Wichtigste diesmal: Steigen Sie Ihren Abgeordneten aufs Dach und sorgen Sie dafür, dass die von normalen Stromkunden mit der EEG-Umlage finanzierte Infrastruktur für ökologischen Strom auch ebendiesen normalen Bürgern zur Verfügung steht, günstig und ohne EEG-Umlage. Jetzt ist die Zeit. Die EU ist in dieser Sache übrigens aufseiten der Kleinen: In ihrer seit 2018 gültigen Richtlinie für erneuerbare Energien hat sie vorgesehen, dass der Eigenverbrauch selbst erzeugter erneuerbarer Energien nicht benachteiligt werden darf. Wirklich zu Herzen genommen hat sich die Bundesregierung das bislang nicht.

  • Wenn Sie bereits eine eigene Solaranlage haben, erhöhen Sie Ihren Eigenverbrauch.  Kleine Anpassungen sorge für eine kleine Erhöhung. Mit einem eigenen Stromspeicher können sie die Eigennutzung von 30 auf 60 Prozent heraufschrauben .   

  • Wenn Sie noch keine eigene Solaranlage haben und bislang dachten, für Sie als Mieter oder Eigentümer einer Wohnung wäre das keine Option: Gucken Sie auf Ihren Balkon und installieren sie dort, wenn irgend möglich, eine Mini-Solaranlage, die ihnen hilft, die Stromkosten zu verringern 

Und was geht noch?

  • Natürlich den Eigenverbrauch erhöhen. Wer jetzt mehr von zu Hause aus arbeitet, kann Spül- und Waschmaschine mittags anstellen, wenn die Solarzellen viel liefern können. Außerdem gibt es inzwischen intelligente Haustechnik, mit der sich Wärmepumpen, Heizstäbe, Wallboxen und mehr steuern lassen.

  • Und die Mieter ohne Balkon und Garten oder auch Wohnungseigentümergemeinschaften können sich natürlich an Startups wenden, die Mieterstromanlagen installieren oder sie bringen ihren Vermieter mit diesen zusammen.

Eigentlich gilt bis November aber vor allem Punkt 1: Der Politik aufs Dach steigen. Lasst endlich die Bremser blechen.

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