Hermann-Josef Tenhagen

Elementarschaden Gut versichert gegen Naturkatastrophen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Unwetterkatastrophe zeigt: Hausbesitzer werden anders bauen oder umbauen müssen. Elementarschaden-Versicherungen werden zunehmend zum Alltag gehören. Bis dahin helfen Hausratpolicen. Ein Überblick.
Zerstörung im Kreis Ahrweiler

Zerstörung im Kreis Ahrweiler

Foto: Boris Roessler / dpa

Andere Länder leiden schon länger dramatisch unter den Folgen des Klimawandels, nun ist die Klimakatastrophe mit monsunartigem Dauerregen offensichtlich auch in Deutschland angekommen.

Hausbesitzer werden künftig anders bauen und umbauen, Kommunen anders planen müssen, um ähnlich tragische Ereignisse zu vermeiden. Elementarschadenversicherungen bei Haus und Hausrat werden in immer mehr Regionen zum Alltag gehören. Und Behörden müssen den Katastrophenschutz aufrüsten, um ähnliche Tragödien zu verhindern.

Was also muss getan werden?

Erstens: Das Risiko für Leib und Leben minimieren

Seitdem Hochwasser an Elbe, Oder und Donau um die Jahrtausendwende große Verwüstung brachten, flammt die Debatte immer wieder auf, was dagegen getan werden muss. Entsiegelung und Auslaufgebiete an den großen Flüssen sind die Stichworte. Eigentlich aber geht es um die Frage, wie wir künftig bauen und umbauen, um die Veränderungen des Klimas einigermaßen heil zu überstehen. Politische Aufgabe muss nicht nur der Schutz vor noch mehr Klimawandel sein, sondern auch der Schutz beim bereits jetzt unvermeidbaren Klimawandel.

Immer häufigere Starkregen sind dabei offenbar die größte Herausforderung. Aber auch verheerende Waldbrände wie 2019 in Brandenburg könnte es demnächst wieder geben. Und doch fehlt ein schlüssiges Gesamtkonzept, jedes Bundesland bastelt an der eigenen Strategie.

Ein paar Beispiele:

In Bayern liefert das Landesumweltamt Informationen für Einwohner und Kommunen . Bürgerinnen und Bürger werden aufgefordert zu klären, ob sie sich bei einem Starkregenereignis »mit eigenen Mitteln und eigener Kraft in Sicherheit bringen, von dem Ereignis erholen und alle Schäden ersetzen« könnten.

In Hessen gibt es Fließpfadkarten, mit denen auch kleine Kommunen Gefahrenstellen innerhalb der Stadt bei Starkregen erkennen können . Für größere Kommunen stellt das Landesamt Starkregen-Gefahrenkarten bereit.

Brandenburg hat nach dem Oderhochwasser Überschwemmungsgebiete  entlang seiner Flüsse geschaffen, die als Überlauf bei Fluten Schäden und vor allem die Gefährdung von Menschenleben verringern sollen.

Und die vier Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Berlin haben nach den Elbehochwassern die Karten der Versicherer zur Hochwassergefährdung  allen Bürgern zugänglich gemacht. Hausbesitzer in anderen Bundesländern haben vom Kompass Naturgefahren eher wenig.

Mitarbeiter bei Gewässerämtern wissen natürlich oft um die Risiken in ihrer Stadt. Doch nicht immer fließt dieses Wissen bei Bauprojekten ein. Behördenmitarbeiter beklagen fehlendes Geld, aber auch fehlende Härte bei der Diskussion baulicher Maßnahmen zum Überflutungsschutz  mit privaten Investoren.

Solingens Tiefbauamtsleiter Manfred Müller hat vor einigen Jahren für seine Kommune in einem Aktionsplan zum Überflutungsschutz detailliert zahlreiche Maßnahmen beschrieben, die helfen könnten, Flutkatastrophen zu verhindern: von der öffentlich verfügbaren Gefährdungskarte  über Dachbegrünung und Rückhaltebecken bis hin zur besseren Nutzung der Kanalisation.

Zweitens: Unser Eigentum schützen und die gesellschaftlichen Kosten fair verteilen

In Baden-Württemberg gab es von 1960 bis 1994 ein Gesetz, das eine Elementarschadenversicherung für jeden Hausbesitzer vorschrieb. Dort ist die Absicherung der privaten Hauseigentümer nach wie vor besonders gut. Die Schweiz hat solche Vorschriften noch. Auch in der DDR war der sogenannte Elementarschutz obligatorischer Teil der Haushaltsversicherung.

Vor allem die Bundesländer Sachsen und Baden-Württemberg haben in den vergangenen Jahren Vorstöße unternommen für die Wiedereinführung einer verpflichtenden Elementarversicherung, die Schäden an Haus und Eigentum durch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdrutsche zahlt. Die Vorschläge waren aber an der Ablehnung der anderen Bundesländer gescheitert.

Die Idee hinter der obligatorischen Elementarschadenversicherung ist eine Doppelte: Zum einen schafft sie ein solidarisches System. Jeder Hausbesitzer zahlt, unabhängig davon, wie nah oder weit er etwa vom nächsten Bach oder Fluss entfernt lebt. Gleichzeitig ist auch jeder Eigentümer versichert. In Zeiten, in denen das Risiko für Naturkatastrophen – am Beispiel Starkregen gut sichtbar – weniger kalkulierbar wird, ist das ein sinnvoller Ansatz. Zum anderen haben die Versicherer dann ein Interesse, ihre Kunden beim Schutz von Häusern und Wohnungen besser zu unterstützen, etwa mit Tipps und Handreichungen zum baulichen Schutz vor eindringendem Wasser.

Hausbesitzer können heute schon eine solche Elementarschadenversicherung  gekoppelt mit ihrer klassischen Gebäudeversicherung kaufen. Weil aber der Versicherungsschutz nach wie vor nicht verpflichtend ist, sind die Policen vergleichsweise teuer. »Finanztip« hat beim letzten Vergleich in diesem Frühjahr Mehrkosten zwischen 10 und 35 Prozent im Vergleich zu konventionellen Gebäudeversicherungen ermittelt.

Elementarschadenversicherung für alle bedeutet auch: Niemand kann sich den Schutz mehr sparen, der Staat muss weniger mit Finanzhilfen einspringen. Hausbesitzer, die heute vielleicht gar keine Police abschließen können, weil sie in einem besonderen Gefahrengebiet leben, bekommen doch eine – mit hohem Preis und hohen Auflagen vielleicht, aber sie bekommen eine. Und Baubehörden, die Gebäude an riskanten Stellen genehmigt haben, werden sicher mehr begründen müssen .

Hilfe bleibt nach einer Katastrophe wie dieser natürlich trotzdem immer notwendig.

Der Sachverständigenrat für Verbraucherfragen hatte in einem Gutachten 2019 ebenfalls eine »verpflichtende Naturgefahrenversicherung« vorgeschlagen . Nicht ganz ohne Pathos verglichen die Wissenschaftler eine solche Naturgefahren-Versicherung mit der Einführung der Rentenversicherung durch Otto von Bismarck und kamen zu dem Schluss: »Die Einführung einer Versicherungspflicht gegen Schäden durch Naturgefahren wäre eine adäquate Reaktion auf neuartige Risiken aufgrund des Klimawandels.«

Und was jetzt sofort tun?

Wer nicht auf eine mögliche Versicherungspflicht warten will, findet günstige Verträge für Gebäudeversicherungen samt Naturgefahrenschutz über Vergleichsportale. »Finanztip« hat diese im Frühjahr getestet .

Der Preis der Versicherung hängt dabei ab von der Versicherungssumme, dem Wohnort, vom Ausmaß des Schadens und davon, ob Sie eine Selbstbeteiligung vereinbaren. Und das sollten Sie tun. Bei einigen Versicherern müssen Sie ohnehin mit einer Selbstbeteiligung von zehn Prozent bei Elementarschäden rechnen.

Die Kombination der Hausratversicherung mit Elementarschutz kann ebenfalls sinnvoll sein, auch für Mieterinnen und Mieter. Dann zahlt die Hausratversicherung für den zerstörten Inhalt des Kellers, wenn der vollgelaufen ist. Das erstattet die Gebäudeversicherung des Hausbesitzers nämlich nicht.

Eine Hausratversicherung ist grundsätzlich kein Muss, mancher will seinen Hausrat womöglich nicht versichern. Aktuell verdienen an der Hausratversicherung vor allem die Versicherer. Zuletzt haben sie weniger als 40 Cent für jeden Euro, den die Kunden zahlen, für Schäden aufwenden müssen. Aber wenn gewünscht, lassen sich gute Tarife inklusive Elementarschutz finden, zeigt unsere Analyse .

Das abgesoffene Auto oder Motorrad ist übrigens durch die KFZ-Teilkaskoversicherung im Regelfall schon heute auch bei einer Starkregenkatastrophe  versichert. Ganz ohne Aufpreis. Jedenfalls, wenn Sie es nicht hätten wegfahren können.

Nicht nur Starkregen im Blick behalten

Die Behörden müssen in die Lage versetzt werden, mit Naturkatastrophen auch jenseits des Starkregens besser umgehen zu können. Politische Aktivität kann schlimmeren Klimawandel womöglich noch verhindern. Aber sie wird uns vor etlichen Auswirkungen nicht mehr schützen können. Sie muss deswegen jetzt auch den Schutz gegen die schlimmsten Folgen dieses Wandels organisieren.

Beim nächsten Mal werden es nämlich nicht Flüsschen in den Mittelgebirgen sein, die ganz Ortschaften unter Wasser setzen und einzelne Häuser mitreißen. Vielleicht ist es dann wieder die große Flut an der Elbe. Oder es sind großflächige Waldbrände in der Mark Brandenburg, die sich durch Dörfer und an den Rand der Hauptstadt Berlin heranfressen. Bei den Bränden des Jahres 2018 und 2019 hatten Brandenburgerinnen und Berliner mit Sorge festgestellt, wie wenig gerüstet  die heimischen Feuerwehren für Flächenbrände zum Teil auf ehemaligen Truppenübungsplätzen waren.

Feuer oder Wasser: Dann müssen auch in Deutschland wieder Menschen evakuiert werden, sitzen in Fluchtautos, auf Hausdächern oder auf Bäumen. Wie in Kanada oder Bangladesch.

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